Der US-Ökonom Richard Wolff über die langfristigen systemischen Ursachen der Krise und die Perspektiven von Wirtschaft, Politik und Widerstand.
A must read. Ein Auszug, dann der Link.
Richard Wolff: Das sehe ich ein bisschen anders. Ich spreche in Anlehnung an den von Louis Althusser geprägten Begriff der Überdeterminierung von mehreren Ursachen und Entwicklungen, die zu dieser Stagnation des Lohnniveaus in den USA geführt haben. Es wird Ihren deutschen Lesern helfen, die Vereinigten Staaten besser zu verstehen, wenn sie Folgendes betrachten: Während nahezu ihrer gesamten Geschichte verzeichneten die Vereinigen Staaten ein beständiges Lohnwachstum. Von einem Jahrzehnt zum nächsten, angefangen im frühesten 19. Jahrhundert bis zu den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, in einem Zeitraum von 100 bis 150 Jahren, stiegen die realen Löhne in den USA an. Zwei Gründe sind hierfür anzuführen: Der Kapitalismus in den Vereinigten Staaten war sehr profitabel und sehr erfolgreich. Die Europäer, die hier ankamen, nahmen ein riesiges, fruchtbares Land in Besitz. Sie zerstörten die hier lebenden Menschen, die Indianer, und sie fanden sich im Besitz aller Ressourcen, die nötig sind, um einen erfolgreichen Kapitalismus aufzubauen. Hier gab es keine Geschichte des Feudalismus, die sie bremste, keine mächtige Kirche, keine Traditionen. Es gab nur ein Problem in ökonomischer Hinsicht: Es herrschte ein konstanter Arbeitskräftemangel. Die Indianer weigerten sich, für die Europäer zu arbeiten, oder sie waren tot. Die Europäer, die hierher kamen, strebten danach, Farmer oder Unternehmer zu werden, sie wollten eher nicht Arbeiter sein.
Der einzige Weg, diesen Arbeitskräftemangel zu lösen, bestand darin, Arbeitskräfte in die USA zu schaffen. Im Süden der Vereinigen Staaten wurde dieses Problem durch das Kaufen und Stehlen von Afrikanern, durch Sklaverei, gelöst. Im Norden bestand die einzige Lösung für die Kapitalisten darin, Europäer einwandern zu lassen. Und dies geschah durch das beständige Anwachsen der realen Löhne. Die irischen, polnischen, italienischen oder jüdischen Migranten wurden gerade durch dieses beständig ansteigende Lohnniveau angezogen, sodass die Vereinigten Staaten durch endlose Wellen europäischer Migration bevölkert wurden.
Das Problem für die Kapitalisten bestand aber auch darin, dass sie die Löhne weiterhin anheben mussten, nachdem die Immigranten sich an der Ostküste - und später der Westküste - niedergelassen hatten, da im Landesinnern sehr viel billiges Land zur Verfügung stand, das den Indianern weggenommen worden war. Aber der Kapitalismus hier war so erfolgreich, so profitabel, dass hier eine einzigartige Situation herrschte, bei der Kapitalisten fähig und bereit waren, den Arbeitern höhere Löhne zu zahlen, weil die Wachstumsrate ihres Kapitals noch größer war als das Lohnwachstum. Dies war eine einzigartige Konstellation, die die Vereinigten Staaten zu der erfolgreichsten kapitalistischen Großmacht aufsteigen ließ.
Lassen Sie mich nun kurz zusammenfassen, was in den 70ern stattfand. Erstens: Deutschland und Japan erholten sich vom Desaster des Zweiten Weltkriegs und sie stiegen erneut zu mächtigen Rivalen der USA auf. GM und Ford mussten sich mit Volkswagen und Toyota auseinandersetzen. Diese verstärkte Konkurrenz führte dazu, dass die Kapitalisten nicht mehr höhere Löhne zahlen konnten. Zweites setzte die Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch Computer ein. Millionen von Arbeitern wurden ab den 70er Jahren durch Computer ersetzt. Drittens merkten amerikanische Kapitalisten, dass sie Arbeitskräfte in anderen Ländern als billigen Ersatz benutzen können: in Europa, Lateinamerika und schließlich vor allem in Südostasien. In den70ern begann so der Massenexodus von Arbeitsplätzen aus den Vereinigen Staaten in die gesamte Welt. Diese beiden Phänomene - die Verlagerung von Arbeitsplätzen und die Automatisierung der Produktion - ließen die Nachfrage nach Arbeitskräften in den USA signifikant sinken.
Zugleich führten zwei wichtige Entwicklungen zu einem Anstieg des Angebots von Arbeitskräften. Zuerst ist da die fantastische feministische Emanzipationsbewegung, bei der Millionen erwachsener Frauen, die sich zuvor als Hausfrauen oder Mütter definiert hatten, aus dieser Rolle auszubrechen begannen und Zutritt zum Arbeitsleben einforderten. Millionen von Frauen betraten so ab den 70ern den Arbeitsmarkt. Zudem setzte eine erneute massive Immigrationswelle in die USA ein, diesmal aber nicht aus Europa, sondern aus Lateinamerika: aus Mexiko, Guatemala, Nicaragua, Haiti. Das waren ebenfalls Millionen von Menschen, die in die Vereinigten Staaten zogen.
In den 70ern haben wir somit eine Flut von Frauen und Migranten, die auf den Arbeitsmarkt strömen - gerade in einer Zeit, in der Computerautomatisierung der Produktion und die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland einsetzen. Die Kapitalisten waren nicht mehr mit dem Arbeitskräftemangel konfrontiert und sie mussten folglich auch nicht mehr die Löhne erhöhen. Die reellen Löhne in den Vereinigten Staaten liegen heute folglich auf dem Niveau der späten 70er Jahre! Da die Produktivität aber beständig anstieg - wegen des Computers, besserer Maschinerie und der Arbeitsverdichtung -, lieferte jede Arbeitsstunde dem Kapitalisten mehr Produkte, ohne dass dieser mehr Lohn zahlen müsste. Deshalb haben wir in den vergangenen Jahrzehnten einen beispiellosen Profitboom in den Vereinigten Staaten erlebt. Und deshalb hat sich auch der Abgrund zwischen Arm und Reich in den Vereinigten Staaten so seht ausgeweitet.
Es geht hier nicht um einzelne Regeln oder Gesetze, es geht auch nicht um den Neoliberalismus. Dies sind nur Symptome einer ihnen zugrunde liegenden fundamentalen Verschiebung in den Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit in den Vereinigten Staaten - und somit in der Welt.
Das komplette Interview gibt's hier
www.heise.de/tp/artikel/36/36539/1.html
Bubbles are normal and non-bubble times are depressions!