Die (west-)deutsche Wirtschaft erholte sich von 1945 bis ca. 1965 im Zuge des "Wirtschaftswunders".
Voraussetzung dafür war:
1. 1945 lag Deutschland nach dem verlorenen 2. Weltkrieg größtenteils in Schutt und Asche. Außerdem wurde die Reichsmark wertlos (mithin auch Schulden in Reichsmark).
Jeder "Normalo" erhielt 1948 den Betrag von 40 DM für einen Neuanfang. Doch für "das Kapital" gab es in Westdeutschland eine solche "Stunde Null" nicht, da die alten Besitzverhältnisse (Sachwerte) unangetastet blieben.
D.h. wer schon traditionell reich war oder beizeiten mit Reichsmark Sachwerte wie Fabriken oder Villen aufgekauft hatte, blieb von der kompletten Geldentwertung verschont. Blohm+Voss-Bosse, die Kriegsschiffe gebaut hatten (= Staatsaufträge, die von Krediten finanziert wurde, die aus Hitlers Territiorialgewinnen zurückgezahlt werden sollten) durften ihre Villen in der vornehmen Hamburger Elbchaussee behalten, obwohl sie ihr Geld teils mit verbrecherischen "Vernichtung durch Arbeit"-Programmen erworben hatten, bei denen KZ-Insassen ohne Lohn und fast ohne Nahrung arbeiten mussten, bis sich buchstäblich tot vom Gerüst fielen. Außerdem gingen Villen und Fabriken von Juden, die willkürlich nach Ausschwitz deportiert wurden, per NS-Recht in Staatsbesitz. Vom Staat konnten sie gut Vernetzte (Industrielle, NS-Schergen) dann lächerlich billig aufkaufen. Auch diese Kaufverträge wurden nach 1945 nicht angefochten, weil sie "nach damals geltendem Recht" erfolgten. Dabei half, dass auch die gesamte NS-Gerichtsbarkeit nach 1945 - geläutert als "Demokraten" - in Personalunion weiter machen durfte. Aber ich schweife aus....
2. Die Amis wollten in Westdeutschland ein Exempel statuieren, dass der Kapitalismus dem Sozialismus im Osten überlegen ist. Dabei ging es auch um die Errichtung eines (militärischen) Bollwerks gegen den Osten ("Kalter Krieg"). Um dies anzuschieben, haben die Amis nach 1945 Riesensummen an Hilfsgeldern (Marshall-Plan) nach Westdeutschland transferiert. Das viele Geld fiel auf eine buchstäblich ausgebomte Infrastruktur. Der nachfolgende Wiederaufbau-Boom - jeder brauchte eine neue Wohnung, Waschmaschine, Auto - war daher buchstäblich ein Selbstgänger.
In Ostdeutschland hingegen gab es tatsächlich eine "Stunde Null", weil dort auch das Kapital enteignet wurde. Niemand konnte alte Besitztümer in den neuen Staat retten. Es gab allerdings - anders als beim westdeutschen Marshall-Plan - kaum Hilfsgelder aus Moskau. Im Gegenteil montierten die Russen in Ostdeutschland Industrieanlagen ab und bauten sie in Russland wieder auf. Mit-Grund war Hitlers Politik der "verbrannten Erde", bei der in einigen russischen Städten buchstäblich Nichts mehr stehen blieb, teils wurden sämtliche Einwohner vom deutschen Militär erschossen und in Massengräbern bestattet (siehe Ausstellung "Verbrechen der deutschen Wehrmacht" von Jan Philip Reetsma). Hinzu kam in Ostdeutschland eine wenig innovationsfreudige Funktionärs-Kaste, die an Altbewährtem (Braunkohle usw.) festhielt und deren planwirtschaftliche "Langsamkeit" nicht mit der innovativen, von US-Geld befeuerten Schnelligkeit des Westens konkurrieren konnte.
Im Gegensatz zur Sowjetunion, wo allein über 50 Millionen Zivilisten im 2. Weltkrieg starben (u. a. durch die obigen Wehrmachts-Exekutionen), blieb USA weitgehend von Kriegsschäden verschont. Nur in Pearl Habor gab es durch den japanischen Bomber-Angriff schwere Schäden, die allerdings lediglich die Pazifikflotte und dortige Militärs trafen. Als USA danach in den 2. Weltkrieg eintrat, erlebte die US-Wirtschaft durch die Aufrüstung, die auch damals mit massiver Neuschuldenaufnahme finanziert wurde, einen regelrechten Boom - der mit dazu beitrug, die Wehen der Großen Depression zu verlassen (der DOW JONES überstieg kurz nach Kriegsende erstmals wieder die Höchststände aus dem Crash-Jahr 1929).
Kein Wunder, dass die von Kollateralschäden verschonten Amis (im Gegensatz zu den Sowjets) in der Lage waren, massenhaft Hilfsgelder zu "spendieren" - mit denen freilich vor allem außenpolitische Ziele umgesetzt werden sollten. Die für den Krieg aufgenomme massive Neuverschuldung (bis 120 % Schulden/BIP-Quote) konnten die Amis nach 1945 sukzessive wieder abbauen, weil USA der "industrielle Nabel der Welt" blieb, während in Europa zerbombte Kleinstaaterei mit zig Währungen auf jeweils eher kleinen Binnenmärkten vor sich hin laborierte (in dem Kontext ist auch Kohls "Euro-Traum" zu sehen...) und Osteuropa an den Spätfolgen der Infrastrukturzerstörung durch Hitler litt.
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Nach diesem zugegeben länglichen Vorspann komme ich zum eigentlichen Punkt meiner Argumentation:
Es war nach 1945 absehbar, dass der vom Marshall-Plan getriebene Wiederaufbau-Boom nicht ewig halten kann. Er flachte in den 20 Wirtschaftswunderjahren bis 1965 langsam ab - und ging in den 1970ern, als das teure Öl zu bremsen begann, in Stagflation über.
Es ist müßig, wenn nicht gar kurzsichtig, diesen Gang der Geschichte und deren ökonomische Folgen (= Neuschuldenaufnahme nach 1965 zur Stimulation) auf die Verdienste oder Unterlassungen irgendwelcher gerade an der Regierung befindlicher Parteien zu reduzieren, wie Malko es tendenziell getan hat (und es auch andere Konservative gern tun - Tenor: "Ab Schmidt ging es bergab...").
Denn: Wer auch immer nach 1965 an der Regierung war, sah sich mit einem abebbendem Wiederaufbau-Boom konfrontiert. Organisches Wachstum war nun kein Selbstgänger (führte auch zur Verklärung von Adenauer/Ehrhard) mehr, und auch das teure Öl half wenig. In einer solchen Situation war es für Politiker - egal welcher Couleur - das Naheliegendste (weil Bequemste), den darbenden Laden von nun an durch Neuverschuldung am Brummen zu halten.
Heute ist die Situation gänzlich anders als in den 1970ern, als es in USA und Europa noch Potenzialwachstum gab. Heute haben wir eine globalisierte Weltwirtschaft mit schwindenen Ressourcen, bei der die Neuverschuldungs-Strategie weltweit - von New York bis Tokio - bereits bis zum Anschlag ausgereizt worden ist.
Wir nähern uns daher langsam aber sicher der Erkenntnis, dass die Illusion ewigen Wachstums, die ein Grund-Dogma des Kapitalismus ist (weil sonst die Produktivitätsgewinne in Massenarbeitslosigkeit enden), inzwischen nur noch mit roher zentralbanklicher "Gewalt" - QE und europäische PIIGS-Anleihenaufkäufe - über die Runden gerettet werden kann.
Ich bezweifle, wie ich schon oft geschrieben habe, dass "Inflationierung" die Lösung der strukturellen Grundprobleme bringen wird, die dem Kapitalismus innewohnen. Selbst unter herkömmlicher ökonomischer Betrachtung ist es evident, dass ein 100 % Wachstum, das mit Geldwerthalbierung erkauft wurde, unterm Strich eine Null-Nummer ist. Genau das sehen wir aber seit 1982, als die Ära der "Inflationierung" (als zunehmender Ersatz für organisches Wachstum) begann.
Der Knackpunkt dabei bleibt die drohende Verelendung durch Massenarbeitslosigkeit. Wenn einerseits die Wirtschaft nicht mehr organisch wächst, andererseits die technologisch bedingten Produktivitätsfortschritte weiterlaufen (und mangels echtem Wachstum zu Massenentlassungen führen, um die Gewinne über die Runden zu retten - wie in USA seit 2009), hilft nur noch der Mummenschanz Neuverschuldung (samt Stimulationen) um den Status Quo noch eine Weile SCHEINBAR aufrecht zu erhalten.
Und diesem Mummenschanz sitzen - wie schon in den 1970ern - ALLE Politiker auf, egal welcher Partei sie angehören. Unterschiedlich ist nur die Verwendung der Mittel. Die "Linken" wollen Arbeitsmarktförderung, die "Rechten" vermeintlich stimulierende Steuererleichterungen und Subventionsgeschenke.
Ich muss daher nicht betonen, dass sich die politische Diskussion (über die Notwendigkeit und Verwendung der Neuverschuldung) auf einer im Grunde irrelevanten Sub-Ebene bewegt. Denn dabei wird ausgeklammert, dass sich das kapitalische System per se überlebt hat und an seine Grenzen gestoßen ist. Es bietet keine echten Lösungen mehr für die Mehrheit der Menschen (denen zunehmend die sozialen Lebensgrundlagen entzogen werden), sondern führt nur noch zu einer - politisch mit Pseudo-Gründen gerechtfertigten - Umverteilung von unten nach oben, die die Krisenfolgen für die oberen 1 % erträglicher machen.