Die Industrie in Deutschland hat zum Jahresende ihre Talfahrt beschleunigt: Die Unternehmen schränkten ihre Produktion den fünften Mal in Folge ein und bauten Stellen ab, wie aus dem Markit/BME-Einkaufsmanagerindex hervorgeht. Auch die Industrie in der Euro-Zone leidet unter der andauernden Nachfrageflaute.
von Nouriel Roubini
Das Jahr 2009 wird schlimmer als erwartet. Schlechte Nachrichten werden die Aktienkurse weiter drücken.
Nouriel Roubini ist Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University. www.project-syndicate.org
Die Finanzmärkte haben 2008 ihre schwerste Krise seit der Großen Depression der 30er-Jahre erlebt. Was aber erwartet uns? Liegt das Schlimmste hinter oder noch vor uns? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir begreifen, dass ein Teufelskreis aus Abschwung und sich verschlechternder Finanzlage im Gange ist.
Die USA werden mit Sicherheit die schwerste Rezession seit Jahrzehnten erleben - einen tiefen Abschwung, der etwa 24 Monate über das Jahresende 2009 hinaus anhalten wird. Mehr noch, die gesamte Weltwirtschaft wird schrumpfen. Auch Schwellenmärkte drohen hart zu landen, da über Handels-, Finanz- und Währungsverbindungen Schocks in den Industrieländern an sie weitergegeben werden.
Deflation droht
US-Ökonom Nouriel Roubini
US-Ökonom Nouriel Roubini
Die Rezession hat Ängste vor einer Stagflation (einer Kombination aus wirtschaftlicher Stagnation und Inflation) im Stil der 70er-Jahre geweckt. Da das wachsende Angebot die Nachfrage jedoch übersteigt, werden schwache Warenmärkte zu sinkender Inflation führen. Die Preissetzungsmacht der Unternehmen ist dadurch begrenzt, und die steigende Arbeitslosigkeit wird die Löhne niedrig halten. In den hoch entwickelten Volkswirtschaften dürfte die Inflation auf etwa ein Prozent fallen. Es besteht also eher die Gefahr einer Deflation - und nicht die einer Stagflation.
Deflation ist gefährlich, denn sie führt in eine Liquiditätsfalle: Weil der Leitzins nicht unter null fallen kann, verliert die Geldpolitik ihre Wirkung. Fallende Preise lassen die Kapitalkosten und den Realwert nominaler Schulden steigen, was Verbrauch und Investitionen drosselt - ein Teufelskreis: Einkommen und Arbeitsplätze geraten weiter unter Druck, was den Rückgang von Nachfrage und Preisen verstärkt.
Unorthodoxe Methoden kommen weiterhin zum Einsatz: Rettung von Investoren, Finanzinstituten und Kreditnehmern, massive Zufuhr von Liquidität an die Banken, um die Kreditklemme zu mildern, und radikalere Schritte zur Senkung der langfristigen Zinsen von Staatsanleihen und zur Verringerung der Spanne zwischen Marktzinsen und Staatsanleihen.
Derzeit platzt die größte Blase aller Zeiten - mit Kreditverlusten, deren Gesamtumfang bei 2000 Mrd. $ liegen dürfte. Wenn die Regierungen die Banken nicht rasch mit frischem Geld versorgen, wird sich die Kreditklemme noch verschlimmern, weil die Verluste schneller wachsen, als die Banken sich rekapitalisieren können. So werden sie gezwungen sein, ihre Kreditvergabe einzuschränken.
Die Aktienkurse sind gegenüber ihren Höchstständen Ende 2007 steil gefallen, aber es bestehen noch immer erhebliche Risiken. Es bildet sich zwar ein Konsens heraus, dass die Kurse vieler riskanter Anlagewerte inzwischen derart gefallen sind, dass sie den Boden erreicht haben. Doch das Schlimmste liegt noch vor uns. Makroökonomische Nachrichten und Ertrags- und Gewinnmeldungen aus aller Welt werden in den kommenden Monaten sehr viel schlechter ausfallen als erwartet, was die Kurse weiter unter Druck setzen wird.
Obwohl sich das Risiko eines totalen Zusammenbruchs des Finanzsystems durch die staatlichen Stützaktionen verringert hat, bleiben ernste Schwachstellen. Die Kreditklemme wird sich verschlimmern, die Reduzierung der Fremdkapitalanteile wird sich fortsetzen, und Hedge-Fonds und andere fremdkapitalisierte Akteure werden gezwungen sein, Vermögenswerte auf illiquiden Märkten zu verkaufen. Das wird zusätzliche Kursverfälle verursachen und weitere Finanzinstitute pleitegehen lassen. Einige Schwellenmärkte werden mit Sicherheit eine ausgewachsene Finanzkrise erleben.
Nur aggressive, koordinierte und effektive politische Eingriffe durch die Industrie- und Schwellenländer können gewährleisten, dass sich die Weltwirtschaft 2010 erholt, statt in eine länger andauernde Phase wirtschaftlicher Stagnation einzutreten.
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