Ich weiß ja nicht, wovon Sie des Nachts so träumen. Geht mich auch nix an.
Aber vielleicht wollen Sie ja wissen, wovon ich so träume. Geht Sie aber auch nix an.
Nur so viel: Unlängst erwachte ich auf schweißdurchtränktem Laken und fühlte mich bemüßigt, unmittelbar zum Bücherregal zu flitzen und eine wohlfeile - wenn auch etwas zerlesene - Ausgabe der beliebtesten Gedichte von Samuel Taylor Coleridge (Sie wissen schon: Englischer Dichter und Kritiker, 1772 bis 1834, Vorturner der Romantik) hervorzukramen und dort den "Rime of the Ancient Mariner" nachzuschlagen.
Das ellenlange Gedicht erzählt bekanntlich die Geschichte eines alten und verbitterten Seemannes, der... aber ich möchte nicht gleich verraten, wer der Mörder ist. Mich interessierte nur die Stelle, an der der Seemann mit seinem Schiff mitten auf dem Pazifik in eine Flaute gerät und anfängt zu phantasieren:
"Water, water, every where,
And all the boards did shrink ;
Water, water, every where,
Nor any drop to drink.
The very deep did rot : O Christ !
That ever this should be !
Yea, slimy things did crawl with legs
Upon the slimy sea.
About, about, in reel and rout
The death-fires danced at night ;
The water, like a witch's oils,
Burnt green, and blue and white."
Ja, das war's: "slimy things did crawl with legs upon the slimy sea."
Davon hatte ich geträumt. Jedenfalls so ungefähr. Also nicht mal so richtig ungefähr, aber irgendwie schon.
Statt von schleimigen Dingen zu träumen, die mit Beinen über einen schleimigen Ozean kriechen, war mir im Traum ein haariges Etwas mit SOLCHEN Zähnen und einem himmelschreiendem Mundgeruch begegnet (kann man in Träumen eigentlich riechen? Ist ja auch egal.).
Immerhin, Coleridges keineswegs freundliche Vision hatte mir geholfen, mich an meinen eigenen Traum zu erinnern. Ich hatte nämlich von der Zukunft geträumt. Nicht von meiner persönlichen Zukunft, keine Angst, ich rechne fest mit einem anständigen Reiterstandbild vor meinem Geburtshaus. Aber von der Zukunft im Allgemeinen.
Sie kennen die Schlagzeilen: Der Finanzhans muss neue Schulden machen, der Kanzler will den Sozialstaat reformieren, die Union will alles mögliche (nur nicht an die Regierung) die Gewerkschaften schreien Zeter, die Arbeitgeber schreien Mord.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hat am 10. Mai bekannt gegeben, die Sparquote - also der Anteil am Einkommen, der nicht für Konsumzwecke ausgegeben wird - sei in den letzten Quartalen auf 10,5 Prozent gestiegen. Ein derart hoher Wert sei zuletzt Ende der 90er Jahre gemessen worden. Fazit: Die Debatten über Sozialleistungskürzungen und Abgabenerhöhungen hätten bei vielen Bundesbürgern zu einem "Angstsparen" geführt, was nun wiederum dazu führen könnte, dass die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland noch weiter ausgebremst werde.
Selbst die Bild- "Zeitung" erklärte ihren geneigten Lesern am 20. Mai, welche Gefahren auf sie zukommen:
"Bei einer Deflation gehen die Preise mehrere Monate lang ständig zurück. Ob Lebensmittel oder Autos - alles wird immer billiger. Deflation ist das Gegenteil von Inflation. (...) Deflation entsteht, wenn die Verbraucher weniger einkaufen, ihr Geld in der Erwartung zusammenhalten, dass alles noch billiger wird. Die Folge: Händler und Unternehmen müssen ihre Preise immer weiter senken, um trotzdem ihre Waren loszuwerden. (...) Die Unternehmens-Umsätze brechen ein. Firmen fahren ihre Produktion runter, entlassen Mitarbeiter. Banken brechen zusammen, Betriebe bekommen kein Geld mehr. Arbeitnehmer müssen mit drastischen Lohnkürzungen rechnen. (...) Die Arbeitslosigkeit schnellt hoch, der Konsum geht noch weiter zurück. Die Wirtschaft dreht sich in einem Teufelskreis, schrumpft immer schneller."
Zugegeben, die Lage war schon mal rosiger, aber sie war auch schon mal schlechter. Immerhin rangiert Deutschland beim Export mit einem Weltmarktanteil von 9,7% international auf Rang Zwei, jedes Jahr werden über 60.000 Patente angemeldet, das Sozialhilfeniveau ist - gemessen an der Kaufkraft - so hoch wie das deutsche Durchschnittseinkommen vor 50 Jahren - oder so hoch wie heute in Polen - und so fort.
Eigentlich haben wir alles. Außer einer Regierung, die sich endlich mal traut, der Bevölkerung zu sagen, was konkret auf sie zukommt und bittere Wahrheiten nicht nach der Salami- Taktik verkündet. Und außer einer Opposition, die handfeste Konzepte und Alternativen auf den Tisch legt. Und außer Interessenverbänden, die mal in der Lage sind, über den von ihrer Lobby definierten Tellerrand hinaus zu blicken.
Sehen Sie sich doch mal Ihre Eltern oder Großeltern genauer an: Soooo schwierig kann so ein Wirtschaftswunder doch gar nicht sein.
Aber das kann natürlich nicht passieren, so lange jeder, der glaubt, groß genug dafür zu sein, auf die nächstbeste Parkbank steigt und allem Volke Angst macht.
sm.de