Grabenkrieg
von Jochen Steffens
Wir bleiben bei unserem Dax- Future-Chart:

Immer noch hält sich der Kurs in dieser unglaublich engen Range auf. Mittlerweile kann man das Ganze als eine Art Grabenkrieg zwischen Bullen und Bären bezeichnen. Wobei es sich hier um eine äußerst fragile Situation handelt:
Die Bullenfraktion
Der eine Teil der Bullen, die schon sehr früh eingestiegen sind, hat einen großen Teil seiner Positionen noch im Depot und hofft, dass wir aktuell nur eine einfache Konsolidierung erleben. Ein weiterer Teil hat gerade neue Positionen gekauft, schließlich hat es doch in den letzten Jahren immer funktioniert, jeden Einbruch zu kaufen, das muss doch auch jetzt wieder klappen.
Ein gewisser Teil, sagen wir schätzungsweise 30 % dieser Bullen, ist allerdings höchst nervös. Die schlechten Nachrichten zehren nicht nur an den Nerven, sondern auch an dem Vertrauen, dass die Märkte weiter steigen werden. Diese Bullen werden, sofern sie entsprechende Signale finden, weitere Positionen verkaufen oder sogar ganz aussteigen. Von diesen 30 % wird ein Teil anfangen, die ersten Positionen verkaufen, wenn die 6700er Marke bricht. Ein weiterer Teil wird damit erst beginnen, wenn die letzten Tiefs nach unten aufgelöst werden.
Auf der anderen Seite wartet ein Teil dieser Bullen auf klare Zeichen, dass der Trend nun endlich fortgesetzt wird. Eine erste wichtige Marke stellt hierbei natürlich die obere Begrenzung der Seitwärtsbewegung dar. Andere werden mit Neupositionierungen darauf warten, dass sich klare Trends ausbilden. Eine letzte Fraktion wird erst dann anfangen neue Positionen einzugehen, wenn die alten Hochs überwunden werden.
Die Bärenfraktion
Auf der Bärenseite herrscht ein wenig Unruhe. Das Bärenlager glich in den letzten Jahren fast einer Geisterstadt. Die wenigen verschrobenen Bären, die noch standhaft blieben, predigten Durchhalteparolen und dass der Untergang unmittelbar bevor stehe. Durch den aktuellen Einbruch sind unheimlich viele frische neue Bären ins Lager gespült worden. Aber diese sind sehr unruhig, nicht wirklich gefestigt in ihrer Ansicht und sicherlich leicht zu verunsichern.
Viele von den neuen Bären haben in der Nähe der Tiefs ihre (Long-)Positionen verkauft oder sind ausgestoppt worden und müssen natürlich nun Bären sein, ansonsten würden sie sich ja eingestehen, einen Fehler gemacht zu haben. Es ist doch offensichtlich, so ihre Ansicht, es muss einfach weiter runter gehen. Einige wollen dann ihre Positionen zu wesentlich besseren Kursen zurückkaufen. So hätten sie alles richtig gemacht (übrigens eine gefährliche Psychofalle, diese Art des Denkens).
Andere sind durch die fundamentalen Nachrichten überzeugt davon, dass wir vor einer größeren Abwärtsbewegung stehen und haben natürlich auch ihre Positionen verkauft und sich teilweise entsprechend short positioniert.
Sobald sich klare Zeichen für weiter fallende Kurse ausbilden, werden die bearishen Anleger ihre verbliebenen Longpositionen im Depot verkaufen und sich weiter auf der Short-Seite positionieren.
Diese „neuen“ Bären sind, wie gesagt, noch schnell zu verunsichern. Ein Teil davon, vielleicht über 50 %, wird also, sobald der Markt doch wieder ansteigt, vergleichweise schnell ihre Short-Engagements (Positionierung auf fallende Märkte) wieder veräußern. Das hat zwei Gründe. Zum einen sind Short-Positionen etwas riskanter, sie können nämlich theoretisch eine unbegrenzte Summe Geld mit einer Short-Position verlieren . Doch der eigentliche Grund ist eben der, dass die Shorties gerade das Lager gewechselt haben und bei weitem nicht so „überzeugt / gefestigt“ in ihrer Bärenlaune sind, zumal die aktuelle Abwärtsbewegung gerade erst gestartet ist.
Ein weiterer Teil, vielleicht 20 %, ist etwas gelassener und wird die Nerven haben, mit den Short-Positionen abzuwarten, bis die alten Hochs in den Indizes überwunden werden.
Insgesamt bedeutet das, dass, sobald sich erste Anzeichen für einen Ausbruch nach oben zeigen, eine ziemliche Dynamik aufkommen sollte.
Die Unentschlossenen
Und dann gibt es die meist große Fraktion der Unentschlossenen und Verunsicherten. Diese neigen dazu, auf jede Richtung, die eingeschlagen wird, auch noch aufzuspringen und erhöhen damit die Dynamik.
Ein explodierender Dampfkessel
Zusammengefasst: Es ist ein wenig so, als würde man auf einem alten maroden Dampfkessel sitzen indem ständig mehr Druck aufgebaut wird. Jederzeit kann der Kessel explodieren, und man fliegt in die eine oder andere Richtung. Das Schlimme ist, je länger diese nervige Seitwärtsbewegung andauert, desto dynamischer wird meistens die anschließende Bewegung.
Doch leider gilt auch, dass, je länger diese Bewegung andauert, die Gefahr von Fehlausbrüchen steigt.
Fakt ist aber: Es hat sich noch immer nichts entschieden, mit der Folge, dass sich innerhalb dieser Range Bullen wie Bären zermürben.
Was bleibt, ist gelassen diesem Spiel zuzuschauen und sich nicht von den Medien verrückt machen zu lassen – weder in die eine noch in die andere Richtung. Es weiß wirklich niemand, was passieren wird, warum sonst sollten die einen Analysten dies und die anderen genau das Gegenteil sagen? Das liegt nicht daran, dass die einen dümmer sind oder weniger Erfahrung haben (natürlich auch), sondern das liegt hauptsächlich daran, dass es schlussendlich niemals ein Argument gibt, das eindeutig richtig ist. Börse ist und bleibt immer nur ein Handel mit der Wahrscheinlichkeit. Und nur die Börsianer, die das wissen und beachten, werden langfristig erfolgreich bleiben...
Viele Grüße
Ihr
Jochen Steffens