Es wird ja so manches geschrieben in diesen Tagen. Vieles ist Unsinn, einiges überflüssig, manches - eher selten - ist richtig gut. Doch geradezu erheiternd sind diejenigen Experten, die sich über die Arbeit von Kollegen lustig machen, selbst aber, anstatt Fakten zu präsentieren, oberschlau verkünden, ein Trend sei nun mal ein Trend und wenn er erst einmal läuft, dann solle man sich ihm besser nicht in den Weg stellen. So etwas in der Art...
Äußerungen dieser Preisklasse hört man besonders häufig in Phasen, wie wir sie gerade sehen. Das ist deshalb sehr beliebt, weil man damit natürlich nicht viel falsch machen kann.
Für den Anleger ist das allerdings ungefähr so hilfreich, als würde man ihm erzählen, dass es im Winter leider kälter ist als im Sommer. Denn wenn ein Trend erst einmal läuft, dann ist es eine einfache Übung, das lauthals zu verkünden.
Da fällt mir ein: Diese Trendfolge-Experten wollen einem ja auch immer weismachen, es sei völlig egal, in welche Richtung der Trend gerade läuft. Angeblich sei es kein Problem, eine neue Trendrichtung sofort im Depot umzusetzen. Es fragt sich nur, warum dann zahllose Anleger, in ihrer überwiegenden Mehrzahl Trendfolger, bei solchen Gelegenheiten Unsummen an Geld in den Sand setzen.
Die Erklärung ist so einfach, wie nahe liegend. Weil sich eine psychologische Falle aufbaut, in die der Anleger stolpert, sobald er anfängt, bei "derart niedrigen Kursen", wie sie im Umfeld einer Trendwende zwangsläufig auftreten, seine Position zu verbilligen - anstatt sich von ihr zu verabschieden.
Das ist ja gerade das Kreuz mit dem Herdentrieb: Wenn erst einmal die Mehrheit der Ansicht ist, dass der Trend nach oben zeigt, dann glaubt sehr lange auch niemand an eine Trendwende. Dann wird bei fallenden Kursen nachgekauft, es ist ja grade wieder so billig. Das kommt dem einen oder anderen sicher bekannt vor...
Die Kunst an der Börse besteht deshalb darin, Trendwechsel so früh wie möglich zu erahnen - und dann so lange wie möglich (aber bitte nicht zu lange) dabei zu bleiben. Und genau daran scheitern die allermeisten Anleger. Erst traut man sich nicht in die Märkte rein, aus Angst, der vorangehende Einbruch könne noch nicht „fertig“ sein. Und wenn Hinz und Kunz wieder einsteigen, dann drehen die Kursen nach unten. Es beginnt das große Nachkaufen - und die Verluste werden immer größer. Auf die Trendfolge folgt dann schnell die Pleite.
Klar ist natürlich: Dass die Börsen gerade aufwärts tendieren, das muss man nicht einmal einem Grundschüler erklären. Das sieht jeder Vollidiot.
Was nicht jeder sieht, ist beispielsweise die Tatsache, dass die Unternehmens-Insider insbesondere in den USA gerade sehr massiv die eigenen Aktien verkaufen. Komisch nicht wahr, wo der Trend doch so schön nach oben zeigt. Aber vermutlich werden die Manager mit ihren Verkäufen nur all den Trendfolgern einen Gefallen tun wollen. Aus reiner Nächstenliebe vielleicht... ?
Doch es gibt zahllose weitere Hinweise, die andeuten, wohin die Reise bald gehen wird: Während sich in den USA die (offizielle) Arbeitslosenquote der Zehn-Prozent-Hürde nähert, wollen die Banken in diesem Jahr Rekordgehälter ausschütten.
Laut Wall Street Journal planen die 23 größten Finanzinstitute in diesem Jahr 140 Milliarden US-Dollar (94 Milliarden Euro) an ihre Manager zu verteilen. Das sind 20 Prozent mehr als im Vorjahr (117 Milliarden US-Dollar) und auch deutlich mehr als in der Boom-Saison 2007 (130 Milliarden US-Dollar).
Besonders großzügig ist wieder einmal
Goldman Sachs (GS). Die Investmentbank schüttet 21,8 Milliarden US-Dollar an ihre Mitarbeiter aus – hat allerdings im dritten Quartal nur 3,18 Milliarden Dollar verdient. Aber auch das ist im gegenwärtigen Umfeld nur zu schaffen, wenn man weiß, wie die großzügig vergebenen Staatsgelder gewinnbringend angelegt werden können.
Nein, nicht mit der Vergabe von Krediten natürlich. Wer vermutet, die Banken hätten in ihren Kerngeschäftsfeldern erfolgreich gewirtschaftet, der sollte sich einmal die Katastrophenzahlen von
Bank of America (BAC) ansehen. Er wird dann bemerken, dass im Kundenkreditgeschäft derzeit nichts zu verdienen ist.
Mit Spekulationen bei Rohstoffen, Aktien und Devisen sieht das natürlich anders aus. Vor allem, wenn man dabei in einer starken Aufwärtsbewegung mit fremden Geld herumspielen kann. Auf diese Weise haben die Jungs von Goldman Sachs und
JP Morgan (JPM) ihre Bilanzen aufpoliert. In den Pressemitteilungen ist dann von „starken Ergebnissen im Derivate-Handel“ die Rede. Wer es vergessen haben sollte: Das Geld für diese Zockereien hatten die Finanzhäuser von den Notenbanken geschenkt bekommen. Dass man mit diesem Geld nicht besonders sorgsam umgehen würde, das war von vorneherein klar: Sollten die Geschäfte daneben gehen, würde ja der Staat einspringen.
Dabei zeigen die Zahlen der Bank of America, dass derzeit nicht der geringste Anlass besteht, die Krise im Finanzsektor zu beerdigen. Dass die vorwiegend im Privatkundengeschäft tätige Bank nicht an die guten Quartalszahlen der Investmentbanken Goldman Sachs und JP Morgan würde anknüpfen können, war bereits erwartet worden. Die Höhe der Verluste war dann aber doch überraschend. Ausfälle bei Konsumentenkrediten von rund einer Milliarde Dollar hatten den Konzern im dritten Quartal tief in die roten Zahlen gestürzt. Unter dem Strich war ein Verlust von 2,2 Milliarden Dollar angefallen. Ein Jahr zuvor hatte die Bank noch einen Gewinn von 704 Millionen Dollar eingefahren.
Immer mehr Zwangsversteigerungen...
Doch das wird noch nicht das Ende sein: Gemäß dem Informationsdienstleister RealtyTrac sind in den USA im dritten Quartal die Anträge auf Haus-Hypotheken-Zwangsvollstreckungen im Vergleich zum zweiten Quartal um fünf Prozent auf 937.840 gestiegen. Gegenüber der Vergleichsperiode 2008 ergibt sich ein Anstieg um stolze 23 Prozent.
Auf Basis dieser Zahlen ist für das Gesamtjahr mit 3,5 Millionen Zwangsversteigerungen zu rechnen, nach 2,3 Millionen im Vorjahr. Das ist ein Zuwachs von 52 Prozent. Hauptgrund für den steilen Anstieg ist die stark zunehmende Arbeitslosigkeit. Aber erklären Sie das einmal einem Analysten, der den Trend gerade wieder steigen sieht. Er wird ihnen höchstens antworten, dass dies in den Kursen längst enthalten sei. Wir kommen gleich noch einmal darauf zurück.
Dass die US-Bürger immer mehr sparen, will auch nicht so recht ins Bild der angeblich gerade startenden Super-Hausse passen. Die Verbraucherschulden waren im August um zwölf Milliarden US-Dollar geschrumpft. Analysten hatten mit einem Rückgang von acht Milliarden US-Dollar kalkuliert. Es ist der siebte Monat in Folge mit einer steigenden Sparquote. Mit anderen Worten: Allen Jubelgesängen zum Trotz droht der US-Konjunktur schon bald die Luft auszugehen.
Hinzu kommt ein ganz neues Problem: Nach den Subprime werden nun die Prime-Kredite uneinbringlich. Die Schuldner hoher Bonität, von denen man das eigentlich gar nicht erwartet hätte, werden zunehmend zahlungsunfähig. Verschärft wird das Problem durch die zahlreichen Kredite für Gewerbeimmobilien, die "faul" werden. Immobilien-Spezialisten der Deutschen Bank schätzen, dass in zwei Jahren fast die Hälfte der US-Immobilien-Kredite "unter Wasser" stehen könnten. Damit ist gemeint, dass die Schulden den Wert der Immobilie übersteigen. Es droht die Zwangsversteigerung. Bis zu einem Drittel der amerikanischen Haushalte wäre davon betroffen. Doch davon redet derzeit kein Mensch.
Analysten-Geschwafel...
Und dann ist da ja noch das Argument von der Mauer der Angst, die Anleger derzeit die Knie schlottern lässt und die dafür sorgen wird, dass die Kurse noch sehr viel weiter steigen werden. Wirklich? Hierzu das folgende Zitat:
"Wo ist der Sekt? Wo sind die Torten? Wo bleibt die Begeisterung? Eine merkwürdige Aktienhausse ist das, bei der keinem so richtig zum Feiern zumute ist. Griesgrame beherrschen die Börse, Miesepeter sitzen in den Banken. Kein Taxifahrer redet über Aktien."
Der Text war im Sommer 2007 auf der Internet-Seite der FAZ erschienen, ziemlich genau zum Hoch der seit 2003 laufenden Aufwärtsbewegung bei einem DAX-Stand von etwas mehr als 8.000 Punkten. Im gleichen Artikel wurde übrigens ein Ziel für den DAX von 10.000 Punkten ausgerufen. Einige Träumer faselten sogar von 12.000 oder 28.000 Punkten. Doch siehe da: Wenig später begann der Absturz der Aktienindizes, bei der DAX und Konsorten mehr als 50 Prozent in die Tiefe stürzten.
Sehen Sie sich spaßeshalber dazu den folgenden Kursverlauf des DAX an. Der Zeitpunkt des FAZ-Artikels ist rot markiert:

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Der Artikel ist auch noch aus einem anderen Grund interessant: Der ganze Quatsch, der auch jetzt wieder für angeblich weiter steigende Kurse sorgen soll, der musste auch damals als Erklärung herhalten. Als da wären: Niedrige Zinsen, vorsichtig bis ängstlich gestimmte Investoren, günstige Bewertung, und so weiter. Sie kennen das ja:
http://www.faz.net/s/...E3833E74EBC53EDC6C~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Der Artikel macht nebenbei eine Grundregel antizyklischen Investierens anschaulich: Wenn Analysten anfangen, völlig utopische Kursziele herum zu reichen, dann wird es Zeit, eine Gegenposition einzunehmen. Noch ist es nicht ganz so weit, aber sie können sich darauf verlassen, dass es auch diesmal genauso kommen wird.
Nichts dazu gelernt...
Vor etwa einem Jahr haben wir an dieser Stelle angekündigt, dass wir in absehbarer Zeit eine Erholung sehen werden, die alles in den Schatten stellen wird, was es in den vergangenen Jahrzehnten gegeben hat. Prognose eingetroffen.
Jetzt sehen wir das „etwas“ anders: Da Banken, Politiker und Börsianer offensichtlich nichts, aber auch gar nichts aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben, und die Notenbanken die Gier mit Unmengen an billigem Geld immer weiter anfeuern, werden wir in nicht allzu ferner Zukunft einen Kurseinbruch sehen, der uns den Atem nehmen wird.
Dagegen könnten selbst die Ereignisse nach 1929 und die Talfahrt 2008 wie ein Kindergeburtstag aussehen, denn bis es soweit ist, wird sich eine Schuldenpyramide aufgetürmt haben, die alle bekannten Dimensionen sprengt. Das wird nicht morgen passieren und auch nicht nächste Woche - aber in den kommenden Monaten sollte man sich sehr warm anziehen.
Nullsummenspiel...
Ach ja, und dann ist da hier zu Lande noch die Steuersenkungsdiskussion. Hier ein Loch und dort ein Loch in der Finanzkasse - allmählich dürfte Union und FDP schwindlig werden. So war das alles doch gar nicht gedacht. Es wird also doch nichts werden mit den großzügig versprochenen Steuergeschenken.
Doch jetzt kommt ein Vorschlag, der so recht geeignet ist, das Volk wieder einmal für dumm zu verkaufen. Mit einer Erhöhung der Rentenbeiträge wollen die Politiker die Steuersenkungen finanzieren. Das nette Nullsummenspiel würde dazu führen, dass die Bürger die Senkung der Steuern selbst finanzieren. Von der linken Tasche in die rechte sozusagen. Das sind doch endlich einmal gute Nachrichten...
http://www.godmode-trader.de/nachricht/DAX-10000-oder-28000,a1917451,b567.html