Die Zinsentscheidung der US-Notenbank steht im Mittelpunkt der neuen Handelswoche an der Wall Street. Mit Spannung warten die Händler auf die Antwort der Federal Reserve auf die seit Wochen schwelende Kreditkrise, die weltweit für Verunsicherung an den Märkten gesorgt hat und zuletzt Sorgen vor einer Rezession in den USA nährte. Erwartet wird die erste Zinssenkung seit langem. Für die meisten Händler stellt sich dabei vielmehr die Frage, ob die Fed es bei einem Schritt um einen Viertelprozentpunkt auf fünf Prozent belässt oder gar eine Senkung um 50 Basispunkte wagt.
Nach Ansicht einiger Händler hat der Markt allerdings bereits in der vergangenen Woche eine Zinssenkung zumindest teilweise eingepreist. Dennoch sei mit einer positiven Reaktion zu rechnen, denn der Markt reagiere auf solche aktuellen Ereignisse, sagte UBS-Analyst David Bianco. Eine Zinssenkung werde ein Signal senden, dass die Fed versuche, eine Ausbreitung der Kreditkrise auf die Gesamtwirtschaft zu verhindern.
Auch eine weitere Senkung des Diskontsatzes, zu dem sich Banken bei der Fed direkt mit Geld versorgen können, halten Experten für möglich. Die Fed hatte diesen weniger wichtigen Zins bereits Mitte August inmitten der Kreditkrise völlig unerwartet um einen halben Prozentpunkt auf 5,75 Prozent gesenkt, um Engpässen der Finanzinstitute bei der Liquiditätsversorgung entgegenzutreten.
Nach den Turbulenzen der vergangenen Wochen erlebte der Dow-Jones-Index der Standardwerte seine beste Woche seit April. Im Verlauf kletterte er um 2,5 Prozent. Der breiter gefasste S&P-500 gewann 2,1 Punkte und der Technologie-Index Nasdaq verzeichnete ein Plus von 1,4 Prozent. Zum Wochenausklang zeigten sich die Indizes allerdings nur noch wenig verändert: Der Dow stieg um 0,13 Prozent auf 13.442 Punkte, der S&P-500 um 0,02 Prozent auf 1484 Stellen und der Nasdaq legte 0,04 Prozent auf 2602 Zähler zu.
Über die Auswirkungen der Krise, die am US-Markt für schlecht besicherte Hypothekenkredite losgetreten wurde, auf die großen US-Banken dürften die Anleger erst in drei Wochen etwas mehr Klarheit bekommen. Dann, wenn die Big Player Lehman Brothers, Morgan Stanley, Bear Stearns, und Goldman Sachs ihre Quartalszahlen vorgelegt haben. Allerdings könnten die Auswirkungen geringer aus fallen als erwartet, sagte Analyst Michael Cuggino von Permanent Portfolio Family of Funds. Denn die Banken könnten einiges durch ihre internationale und breite Produktaufstellung abfedern.
Doch auch nach der Zinsentscheidung dürften sich die Kursschwankungen in der kommenden Woche fortsetzen und gar wieder verstärken. Vor allem, wenn am Freitag der "Hexensabbat" ansteht, der große Verfallstag von Terminkontrakten. Doch auch zuvor können wichtige Konjunkturdaten für erhebliche Kursbewegung sorgen. So steht am Dienstag die Veröffentlichung der Erzeugerpreise und am Mittwoch der Verbraucherpreise für August an. Insbesondere letztere sind ein wichtiger Inflationsindikator für die Fed. Am Donnerstag folgen dann die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosigkeit.
Doch obwohl der Arbeitsmarkt zuletzt etwas schwächelte und die Kreditkrise ihre Schatten wirft, beurteilen Bianco und Cuggino die Lage der US-Wirtschaft grundsätzlich als nicht so schlecht. "Es ist schon erstaunlich, wie der Finanzsektor gute Nachrichten aus anderen Branchen in den Hintergrund drängt", sagte Bianco. "Der größte Teil der Energie-, Industrie- und Technologieunternehmen ist dabei, sich von der jüngsten Schwäche vollständig zu erholen." Cuggino sagte: "Auf jeden Finanzdienstleister in Schwierigkeiten kommt ein Technologieunternehmen, dass ein sehr gutes Gewinnwachstum und eine gute Geschäftsentwicklung aufweist."
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