In Reaktor 3, der die Plutonium-haltigen Brennstäbe enthält, ist der Druck wieder gesteigen. Tepco könnte zwar erneut Überdruck ablassen, doch dann würden wieder große Mengen radioaktive Gase entweichen. Reaktorkern-Entgasungen sind mMn im Prinzip "kleine Super-GAUs", weil Gas aus dem Innern des Reaktorkerns unmittelbar ins Freie gelangt. Deshalb soll es vorerst bei den Feuerwehr-Kühleinsätzen von außen bleiben.
Da aber eine Kernschmelze in den Reaktoren 1 bis 3 offenbar bereits eingesetzt hat, ist dieses "Kühlen und Hoffen" gefährlich. Niemand weiß, wie es im Innern der Reaktorkerne aussieht. Übergroße Hitze und Druck sowie potenzielle Nuklear-Lava am Boden (aus bereits geschmolzenen Stäben) gefährden die Stabilität der Druckgefäße. Sollte eines der Druckgefäße undicht werden (d.h. Lava kommt "unten raus"), müssten alle Hilfskräfte weg von den Reaktoren, weil sie sonst binnen Stunden eine tödliche Stahlendosis einfangen.
In Block 5 + 6 wurden Dachplatten aus dem Gebäude rausgeschlagen, um einen Wasserstoff-Stau mit möglicher Explosion (wie in den Blöchen 1 bis 4) zu verhindern. Dies widerspricht den offiziellen Ankündigungen, die Lage sei in 5 + 6 im Griff, nachdem die Reaktoren wieder mit dem Stromnetz (zur Kühlung) verbunden werden konnten. Wasserstoffentwicklung ist ein untrüglicher Hinweis auf zur Weißglut erhitzte Brennstäbe, sei es im Reaktor selbst oder in den Abklingbecken. Womöglich ist das Öffnen des Daches aber auch nur eine Vorsichtsmaßnahme für "den Fall der Fälle".
In den Medien macht sich nach anfänglicher "Katastrophen-Geilheit" zurzeit eine Art gedankliche Strichverlängerung ("seitwärts") breit. Weil die letzten zwei Tage wenig passiert ist , wird nun davon ausgegangen, dass es wohl auch die nächsten Tagen eher ruhig weitergehen wird. Dazu reicht schon aus, dass sich die Lage dem Augenschein nach nicht verschlimmert hat (z. B. keine weiteren Explosionen). Ob diese Erwartungen zutreffen, hängt davon ab, ob die Druckgefäße halten und die begonnen Kernschmelzen sich nicht weiter fortsetzen. Ich glaube nicht, dass die Kühlung von außen dazu ausreicht. Das ist so, als würde jemand einen Hochofen löschen wollen, indem er Wasser gegen die Außenwand spritzt.
Die Behauptungen, nach den bisherigen "Entgasungen" sei die Radioaktivität in der Umgebung nur gering gestiegen - japanische Behörden behaupten, wer Milch aus Fukushima trinkt, würde sich damit nur so viel Radioaktivität reinziehen, als würde er sich einmal pro Jahr die Lunge röntgen lassen - , stehen im Widerspruch zur Entscheidung von Politikern aus dem Raum Tokio, Nahrungsmittel vorerst nicht mehr aus dem kontaminierten Norden beziehen zu wollen.
A.L.
Spiegel-Online
20. März 2011, 09:17 Uhr
Unglücks-AKW
Druck in Fukushima-Reaktor trotz Kühlung gestiegen
Stundenlang kühlten die Einsatzkräfte in Fukushima den havarierten Block 3 mit Wasserwerfern - doch der Druck im Reaktor wuchs trotzdem. Mittlerweile habe sich das Niveau stabilisiert, teilten die Betreiber mit. Zunehmend tauchen in Japan und anderen Ländern verstrahlte Lebensmittel auf.
Tokio - Rückschlag im Kampf gegen den drohenden Super-GAU: Trotz stundenlanger Kühlung mit Wasserwerfern ist der Druck in Reaktor 3 des havarierten Kraftwerks Fukushima I am Sonntag wieder angestiegen. Das teilte ein Sprecher der Reaktorsicherheitsbehörde mit. "Wir müssen Maßnahmen ergreifen, um den Druck im Reaktorbehälter zu verringern", so der Sprecher.
Eine Maßnahme wäre: Luft aus dem Reaktor ablassen - wobei zwangsläufig auch radioaktive Strahlung freigesetzt würde. Diese Notlösung konnten die Techniker bisher jedoch offenbar vermeiden. Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo meldet unter Berufung auf den AKW-Betreiber Tepco, der Druck sei stabilisiert worden. Den Angaben zufolge soll zunächst kein Druck aus dem beschädigten Reaktor abgelassen werden.
Block 3 war bis Sonntagfrüh 13 Stunden lang mit Wasser beschossen worden. "Das war eine sehr gefährliche und schwierige Aufgabe", sagte einer der beteiligten Feuerwehrmänner dem Sender NHK. "Überall lagen Trümmer herum. Den Mitgliedern des Teams war die Gefahr der Verstrahlung sehr bewusst." Die Brennelemente in Reaktor 3 sind besonders gefährlich, weil es sich dabei um Plutonium-Uran-Mischoxide (MOX) handelt.
Auch Block 4 wurde für zunächst etwa eine Stunde mit Wasser bespritzt. Eingesetzt wurden zehn Wasserwerfer der japanischen Streitkräfte und ein Fahrzeug der US-Streitkräfte. Reaktor 4 war wegen Wartungsarbeiten schon vor dem Erdbeben abgeschaltet worden. Die größte Gefahr geht dort von abgebrannten Kernbrennstäben in einem sogenannten Abklingbecken aus. Auch dort muss der Wasserstand dringend erhöht worden.
Die Stromversorgung für die zentralen Kontrollräume der Reaktorblöcke 1 und 2 soll am Sonntag wiederhergestellt werden - mit dem Ziel, zunächst die Beleuchtung und dann möglicherweise auch die Kühlung der dortigen Abklingbecken in Gang zu setzen.
Verstrahlte Lebensmittel aus der Region Fukushima
Die von Fukushima ausgehende Strahlung belastet zunehmend Trinkwasser und Lebensmittel. In der Stadt Kawamata, die zur Präfektur Fukushima gehört, wurde verstrahlte Milch endeckt. Zudem fanden die Behörden auch Radioaktivität in Spinatpflanzen aus der Region. Entscheidungen über mögliche Einschränkungen beim Verkauf und dem Verzehr von Farmprodukten will die Regierung nach eigenen Angaben spätestens am Montag treffen.
In der Präfektur Fukushima wie in den angrenzenden Verwaltungsregionen wurde eine geringe Belastung des Trinkwassers mit radioaktivem Jod festgestellt. Die Werte liegen zwischen 0,27 und 77 Becquerel pro Kilogramm bei einem Grenzwert von 300 Becquerel. Eine Messung des Leitungswassers in Tokio ergab eine Jodbelastung von 1,5 Becquerel. Die Verstrahlung mit Cäsium erreichte Werte von 0,22 bis 1,6 Becquerel pro Kilogramm bei einem zulässigen Grenzwert von 200 Becquerel. Das Gesundheitsministerium erklärte, im Moment gehe von dem Leitungswasser keine Gefahr für die menschliche Gesundheit aus.
In Taiwan wurden radioaktiv belastete dicke Bohnen aus Japan gefunden. Die Werte lägen allerdings deutlich unter den erlaubten Grenzwerten und seien damit auch nicht gesundheitsschädlich, teilten die Behörden mit...
hut/dpa
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