Felsenheimer: Oft sind es Papiere der übelsten Sorte, die verkauft werden. Sie sind mit einem hohen Ausfallrisiko verbunden und darum billig. Außderdem sind manche Verkäufer gezwungen, ihre Bestände zu sehr niedrigen Kursen abzugeben. Unter solchen Bedingungen finden sich immer Investoren, die derart extreme Marktsituationen ausnutzen und damit auch Gewinne machen.
sueddeutsche.de: Wie viele Spieler sind zur Zeit am Markt unterwegs?
Felsenheimer: Es gibt keine Zahlen dazu. Geschätzt machen von den insgesamt 9000 Hedge-Fonds weltweit ein Prozent solche Geschäfte, eher noch weniger - 20 oder 50 vielleicht. Ich gehe jedoch davon aus, dass diese Zahl in Zukunft steigen wird, da dieser Markt zurzeit sehr attraktive Möglichkeiten bietet.
sueddeutsche.de: Kaufen nur Hedgefonds?
Felsenheimer: Fast nur. Auf der Bankenseite gibt es kaum Nachfrage. Die sind zur Zeit damit beschäftigt, Risiken abzubauen. Und viele andere Käufer wie Versicherer oder Vermögensverwalter können und dürfen nicht in solche Papieren investieren - oder sie lassen die Finger davon, weil sie den Markt nicht verstehen.
sueddeutsche.de: Die akute Krise zieht sich nun fast ein Jahr hin. Einige Bankchefs sehen jetzt das Ende der Krise nahen.
Felsenheimer: Die Krise läuft ganz nach Lehrbuch ab. Und es spricht wenig dafür, dass sich das in Zukunft ändert. Das bedeutet: Wir stecken noch mittendrin, weil es nicht gelungen ist, die Krise auf den Häusermarkt zu begrenzen. Längst ist sie in andere Bereiche übergeschwappt und zeigt nun ihre Auswirkungen in der Realwirtschaft. Es geht also nicht mehr um Wochen und Monate, sondern um Quartale und Jahre. Darum fürchte ich, dass es auch noch einen weiteren Schlag für die Märkte geben wird. Einen hatten wir im Sommer letzten Jahres, einen weiteren Anfang 2008 – und der dritte kommt.
sueddeutsche.de: Wo macht sich das "Überschwappen" konkret bemerkbar?
Felsenheimer: Sowohl in anderen Marktsegmenten als auch in den Immobilienmärkten anderer Länder wie in Spanien, Großbritannien und Irland. Infolge der Krise sind vor allem die Kredite für Unternehmen erheblich teurer geworden. Darum werden die Ausfallraten im Firmenkreditgeschäft mittelfristig stark zunehmen. Manchmal überrascht es auch uns, wie weit sich die Krise verzweigt hat. Es sind Bereiche betroffen, in denen es nie zuvor Probleme gab. Etwa bei der Finanzierung der Gebietskörperschaften in den USA - weil manchen Anleiheversicherern die Pleite drohte.
sueddeutsche.de: Ist schon absehbar, wie hoch die Ausfälle im Immobiliengeschäft nun sein werden?
Felsenheimer: Die Verluste im reinen Subprime-Bereich, also im Geschäft mit den Ramschhypotheken, inklusive derjenigen Instrumente, die auf diesen Bereich referenzieren, werden von der Ratingagentur S&P auf rund 285 Milliarden Dollar geschätzt.
sueddeutsche.de: Der Internationale Währungsfonds hat die Gesamtverluste aus der Krise auf knapp eine Billion Dollar geschätzt. Was rechnet er noch alles hinzu?
Felsenheimer: Der Großteil der Kosten einer Krise entsteht meist gar nicht am Krisenherd, sondern durch die Zweit- oder Drittrunden-Effekte. Das gilt auch in der aktuellen Krise: Außerhalb des Geschäfts mit Privatimmobilien - also in den Bereichen Kreditkarten, Konsumentenkredite oder Geschäftsimmobilien - können nach Schätzungen des Währungsfonds zusätzliche Verluste in Höhe von 380 Milliarden Dollar auflaufen. Eine Institution wie der IWF zählt dann alles zusammen und kommt relativ problemlos auf derart hohe Summen. Schon wenn sich in Folge der Krise das Wachstum global um einen Prozentpunkt verringert, kostet das rund 500 Milliarden Dollar.
sueddeutsche.de: Gewöhnlich haben Banken bei den Abschreibungen einen gewissen Spielraum: Sie können entweder mehr abschreiben als nötig – oder weniger. Stecken in den Verluste von heute noch Bewertungsgewinne von morgen?
Felsenheimer: Die Abschreibungen dürften recht realistisch widerspiegeln, was am Ende die realisierten Verluste sein werden. Die Aussicht auf spätere Bewertungsgewinne ist gering. Es ist derzeit nicht davon auszugehen, dass Banken mehr abschreiben als sie müssen.
sueddeutsche.de: Viele Banken haben das drohende Unheil nicht rechtzeitig erkannt. Risiken wurden gar nicht als solche wahrgenommen. Was muss sich im Risikomanagement ändern?
Felsenheimer: Natürlich wird derzeit die Frage nach mehr Transparenz heiß diskutiert - gerade, was die außerbilanziellen Geschäfte angeht. Doch auch dem Kontrahentenrisiko wird innerhalb des Risikomanagements künftig größere Beachtung zuteil werden. Die Krise hat gezeigt, dass viele als sicher eingeschätzte Partner wie etwa die Hypotheken- und Anleiheversicherer ausfallen können und damit die Krise verstärken.
sueddeutsche.de: Seit einigen Jahren müssen Wertpapiere, die die Banken im eigenen Bestand halten, immer zu den aktuellen Marktpreisen bewertet werden. Bankenvertreter sehen darin den Grund für die enormen Abschreibungen, die aufgrund der überschießenden Marktreaktionen höher ausfielen als nötig. Ist das so?
Felsenheimer: Geschichte wiederholt sich: Bei jeder Bankenkrise steht die Frage der Fair-Value-Bilanzierung ganz oben auf der Tagesordnung. Das Für und Wider ist bekannt. Während in guten Zeiten Bewertungsgewinne gerne realisiert werden, wird in schlechten Zeiten über eine marktgerechte Bewertung geschimpft. Letztendlich beinhaltet die Risikoprämie von Wertpapieren auch eine Kompensation für die erwartete Marktschwankung. Man kann diese Risikoprämie nicht einfordern und gleichzeitig darauf bestehen, die Marktschwankung zu eliminieren.
(sueddeutsche.de/jja) www.sueddeutsche.de/finanzen/artikel/226/170726/