von Klaus Singer, TimePatternAnalysis - fette Hervorhebungen im Original
15. Feb 2008:
Hoffnung?
US-Notenbankchef Ben Bernanke weist in einer Rede vor dem US-Senat auf die schwachen konjunkturellen Rahmenbedingungen in den USA hin und bezeichnet die Situation an den internationalen Finanzmärkten nach wie vor als angespannt.
Durch die jüngsten Maßnahmen der internationalen Notenbanken sei zwar ein Liquiditätsschub bewirkt worden, aber dennoch ergebe sich durch die Finanzmarktkrise ein negativer Effekt auf die Wachstumsaussichten der Realwirtschaft. Auch habe sich Situation am Arbeitsmarkt, sowie am Häusermarkt zuletzt verschlechtert. Die Inflationsgefahren seien wegen der steigenden Energie- und Ölpreisnotierungen hoch, allerdings sieht Bernanke mittelfristig eine Abschwächung der Entwicklung der Verbraucherpreise.
Der Fed-Chef erwartet nach einer Phase verhaltenen Wachstums gegen Ende des Jahres eine tendenzielle Erholung der US-Wirtschaft. Dabei dürften aber die nach wie vor bestehenden Risiken nicht unterschätzt werden, so Bernanke.
Nichts Neues also vom globalen Finanzchef. Seit Monaten nichts Neues, nur immer weitere Hiobs-Botschaften. Kreditkrise ohne Ende - alle ein, zwei Wochen kommt ein neues Untersegment der Finanzmärkte in die Schlagzeilen.
Momentan sind es die Monoliner. Einer der bedeutenden Player auf diesem Feld, AMBAC, hatte einmal den höchsten Umsatz pro Beschäftigtem auf diesem Planeten. Das konnte so natürlich nicht weitergehen. Ursprünglich als Versicherer öffentlicher Anleihen angetreten, kamen sie eines Tages denn auch auf die Idee, ihr langweiliges, aber äußerst lukratives Geschäft aufzupeppen. Sie stiegen in die Versicherung von allem möglichen „Junk“ und Derivaten hierauf ein. Jetzt werden sie von mehr als einer Billion Dollar an derivativen Wetten gedrückt. Etwa 130 Mrd. Dollar davon hängen mit Aktivitäten im Bereich CDO/CDS zusammen.
Eliot Spitzer, jetzt Gouverneur von New York, gibt den Monolinern drei bis fünf Geschäftstage Zeit, frisches Kapital aufzutun. Alternativ wird angedroht, ihre Geschäftsfelder auseinander zu brechen, um die Märkte für öffentliche Anleihen zu schützen. W. Buffett steht mit seinem Angebot von Anfang der Woche, das traditionelle Geschäft der Monoliner herauszukaufen, Gewehr bei Fuß für eine solche Lösung. Diese haben bereits abgelehnt, wozu im „Big Picture Blog“ (Link auf der Web-Seite der TimePattern) festgestellt wird: „Diese Firmen wurden zu Finanz-Terroristen, die das Versicherungsgeschäft mit öffentlichen Anleihen als Geisel halten. Sie wissen, was Bankräubern und anderen schlechten Menschen passiert, wenn sie ihre Geiseln freilassen - sie werden von Kugeln durchsiebt.“
Die Spreads der CDS-Indices (Credit-Default-Swap) notieren weiter im Bereich ihrer Rekord-Hochs, was im Endeffekt dazu führt, dass die hohen Kredit-Hebel (Leverage) reduziert werden. Schon gibt es auch die ersten Stimmen, die von einer Gefährdung insbesondere der Unternehmen sprechen, die von private-equity-Gruppen übernommen und mit Schulden hoch belastet wurden. Wenn deren Geschäfte nun im Rahmen der sich verschlechternden Wachstumsaussichten weniger Profit abwerfen (von Rezession wollen wir hier jetzt einmal nicht reden), dann könnte es schwer werden, die Darlehen zu bedienen. Einmal wegen des schmäleren Gewinns, dann aber vor allem, weil sich mit schlechterer Bonität die Kreditkonditionen tendenziell verschlechtern und dann steigende Kosten den Gewinn weiter reduzieren.
Bisweilen wird argumentiert, die schlechten Neuigkeiten seien nun länglich bekannt und eine Rezession damit in den Kursen enthalten. Nun ist aber eine Rezession kein klar definiertes Ereignis - es gibt leichte, schwere und katastrophale. Dass in den Kursen bereits das worst-case-Szenario enthalten ist, wird wohl auch der bullischste Bulle nicht behaupten wollen.
Und das ist gegenwärtig das Entscheidende: Die Märkte ringen (noch) gar nicht darum, die bestehenden Risiken zu quantifizieren. Viel schlimmer - niemand kennt deren Ausmaß und Art auch nur annähernd. Und das ist kein Wunder, die Märkte für die zuletzt ach so beliebten „innovativen“ Finanzkonstruktionen sind ausgetrocknet. Es gibt keine Marktpreise mehr, damit fehlt die Bewertungsgrundlage für eine Quantifizierung von Risiken. Das beherrschende Merkmal der aktuellen Situation ist also nach wie vor Unsicherheit, nicht Risiko, wie hoch auch immer.
In der Folge ist auch der Prozess der „Securitisation“, also das Bündeln und Tranchieren von Darlehen zum Zwecke des Weiterverkaufs zusammengebrochen. Und das führt u.a. dazu, dass die Fed die Zinsen senken kann, wie sie will, die Zinsen für Ausleihungen bleiben hoch, Kredite damit teuer. Das billige Zentralbankgeld kommt nicht dort an, wo es hin soll - das sonst in einem Abschwung funktionierende Korrektiv ist einstweilen außer Kraft gesetzt. Von dieser Seite her die Bestätigung für das oben angesprochene „Deleveraging“.
Ob in der aktuellen Situation der Seiteneffekt niedriger Zinsen wirkt, nämlich dass das billige Geld die Preise treibt, steht noch dahin. Wir sahen diesen Effekt in der Hausse seit 2003 - zuerst trieb es die Asset-Preise, insbesondere die von Aktien an, dann schwappte der Effekt in die Güterwirtschaft über. Bis jetzt haben die sich seit Mitte 2007 auf mehrere hundert Milliarden Dollar summierenden Liquiditätsinjektionen der großen Zentralbanken keinen nachhaltigen Effekt in den Asset-Märkten hinterlassen. Das Geld zirkuliert offenbar nicht in den Märkten, weder direkt, noch über Geldschöpfung. Dieser Prozess wird auch nicht automatisch durch einen „Überfluss-Schock“ angestoßen, so wie sich das die Fed offenbar vorgestellt hat, als sie kürzlich binnen acht Tagen die Leitzinsen um 1,25 Prozent senkte.
Und so sehen wir gegenwärtig auch in den Geldmärkten deutliche Zeichen sehr tief sitzender Unsicherheit. Was übrig bleibt, ist Liquiditätspräferenz - man investiert, man spekuliert nicht, sondern hält sein Pulver trocken. Und das ist ein Merkmal von Deflation. Natürlich ist es noch zu früh, von einem ausgewachsenen deflationären Szenario zu sprechen. Aber nehmen wir das als böses Omen. Vor allem aber sollte nachdenklich stimmen, dass die angesprochene Aktion der Fed so wenig bewirken konnte.
Zu den Märkten: Aktien sind in die erwartete Konsolidierung eingetreten. Anlass waren die Rede Bernankes gestern und die andauernden Probleme der Monoliner, die nach dem „Ultimatum“ Spitzers, sich zu refinanzieren (s.o.), mit dem Rücken zur Wand stehen. Vermutlich ist der gestrige TBond-„Crash“ der Reflex auf die dunklen Schatten, die über dem Anleihe-Markt liegen. Die „Carry-Trade-Indikatoren“ Dollar/Yen und Euro/Yen sind in den vergangenen Tagen mit Aktien zusammen hoch gelaufen, aktuell allerdings setzen sie sich.
Der Euro/Dollar befindet sich in einer sehr wackeligen Phase - Ausbruch nach oben zum Test der Allzeithochs oder Abfall zur erneuten Bodenfindung im Bereich von 1,43. Hiervon wird auch unter Intermarket-Gesichtspunkten das Signal ausgehen, wie es kurzfristig im Aktiengeschäft weitergeht - baldiges Ende der laufenden Konsolidierung oder erneutes Abtauchen auf den zuletzt gebildeten Zwischenboden (z.B. beim Dow bei rund 12.000 Punkten).
Seitenhieb: Die Kreditkrise erreicht die Taschen des deutschen Steuerzahlers. Steinbrück stellt der maroden IKB bis zu 1,5 Mrd. Euro zur Verfügung [faktisch 2,3 Mrd., da die 800 Mio. potenzieller Verkaufserlös für die IKB reingerechnet wurden - A.L.], um den ansonsten drohenden Zusammenbruch zu verhindern. Eine Insolvenz würde dem Finanzplatz Deutschland Schaden zufügen, heißt es zur Begründung.
Das von hier ausgehende Signal ist verheerend. Die IKB ist nicht durch einen externen Schock in Probleme geraten, sondern durch eigene Fehler. Die Konsequenzen müssten folglich sie, ihre Anteilseigner und ihre Kapitalgeber tragen. Aber nun steht die Einladung an all die Oberspekulanten mit viel Gier, aber wenig Risikobewusstsein, so weiterzumachen wie bisher. Denn wenn es schon bei der wenig bedeutenden IKB heißt, der Finanzplatz nehme Schaden, wie heißt es dann erst bei größeren Adressen?
Die Instabilität des Finanzsystems wird durch diese „Rettungs“-Aktion weiter erhöht. Andererseits verhält sich die neoliberale Merkel-Regierung systemkonform: Im Kapitalismus werden Gewinne privatisiert, Verluste aber sozialisiert.
Wundern? Nein!