Die Vereinigten Arabischen Emirate bereiten sich auf die Zeit nach dem Öl vor. Der Umbau der Wirtschaft verspricht Anlegern märchenhafte Gewinne
Morgens, gegen halb zehn, fahren BMWs, Porsches und Ferraris vor. Den Luxuskarossen entsteigen Männer in blütenweißen Gewändern. Zur traditionellen Dischdascha tragen sie Sandalen, Sonnenbrille und den Kopfschmuck der Beduinen, die Ghutra. Handy am Ohr und heftig gestikulierend betreten die Wüstensöhne das auf 22 Grad abgekühlte Parkett der Dubai Stock Exchange. Die Herren machen es sich auf schwarzen Ledercouchen bequem. Während die Bedienung erfrischende Limonen-Minze- oder Mango-Bananen-Drinks reicht, überprüfen sie ihre PCs. Endlich klingelt die Glocke. Dubais Börse eröffnet den Aktienhandel. Der in zartem Grün gehaltene Chart des Dubai Financial Market General Index zeigt nach wenigen Minuten klar nach oben.
Wie schon in den vergangenen Wochen treibt auch an diesem Tag das Immobilienunternehmen Emaar Properties das Börsenbarometer an. Offenbar haben nicht wenige Besucher auf den Titel gesetzt. Der Kurs-anstieg wird jedenfalls mit Beifall quittiert. "Unsere Investoren sind überwiegend wohlhabende Privatpersonen", sagt Khalifa Ahmed Rabba von der Brokeraufsicht. "Klar wollen sie, dass sich ihr Geld vermehrt. In erster Linie verstehen sie die Börse aber als spannenden und kommunikativen Zeitvertreib."
Auch die Frauen mischen mit. Den zum Teil verschleierten Damen steht im ersten Stock ein eigener Ladies-Trading-Room zur Verfügung. "Dort können sie unbeobachtet ihre Dispositionen treffen", sagt Rabba. Investieren sie erfolgreicher als die Männer? "Unabhängig von Risiko- neigung oder Aktien-Know-how fällt es derzeit niemandem schwer, an Dubais Börse aussichtsreiche Werte zu finden", so Rabbas diplomatische Antwort. Tatsächlich liegt das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis der 26 notierten Unternehmen bei 17. Das ist weit unter den Werten, die der chinesische oder der indische Aktienmarkt aufweisen. In puncto Wirtschaftswachstum hält das Scheichtum Dubai mit den asiatischen Schwellenländern jedoch mit: Bis zum Jahr 2015 soll das Bruttoinlandsprodukt jährlich um elf Prozent wachsen. Das ist zumindest die Vorgabe von Scheich Mohammed bin Rashid Al Maktoum, dem Herrscher von Dubai. Sein rastloser Ehrgeiz lässt bei den Unternehmen die Kasse klingen und speist zugleich die Kursfantasie der Anleger.
Im krassen Gegensatz zur aufgelockerten Atmosphäre auf dem Parkett herrscht daher in Dubai City fieberhafte Dynamik. Entlang der Scheikh Zayed Road, der Hauptschlagader der Wüstenmetropole, reihen sich gigantische Wolkenkratzer, deren futuristische Architektur und Hightech-Verglasung Manhatten in den Schatten stellt. Ein Ende des Baubooms ist nicht in Sicht. Immer neuere Projekte werden in Rekordzeit aus dem Boden gestampft. Keine Stadt auf der Welt wächst so schnell. Nirgendwo wird mehr Beton verbraucht.
Das aktuell prestigeträchtigste Projekt ist der Burj Dubai. Der Turm steht auf 192 Pfeilern, beschäftigt über 20?000 Bauarbeiter und wächst pro Woche um eine Etage. Im November maß er schon über 510 Meter. Seitdem ist der Burj Dubai das höchste Gebäude der Welt. Wann der Beton-Superlativ, der neben Luxus-appartements, Fitnesscentern und Büroräumen auch ein Armani-Hotel beherbergen wird, die Kletterpartie beendet, ist bislang geheim. 800, aber auch 1000 Meter sind vorstellbar, meinen die Experten. Klar ist: Das Scheichtum Dubai will sich von niemandem übertrumpfen lassen.
Besser, schneller, opulenter – das sind auch die Vorgaben für den Ausbau des Tourismus. Vor der Küste im Persischen Golf werden ständig neue künstliche Inseln aufgeschüttet und pompöse Villen hochgezogen, in die der westliche Jetset und russische Millionäre einziehen sollen. Weiter im Landesinnern errichtet zudem das Unternehmen Tatweer mehr als 30 Hotels. Zentrum des Bawadi-Projekts wird der Asia-Asia-Komplex – mit 6500 Zimmern das größte Hotel auf dem Globus. 2010 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Bis dahin hofft Dubai, pro Jahr 15 Millionen Urlauber ins Land zu locken. Riesige Shopping-Malls, ein Opernhaus und die – wie könnte es auch anders sein – weltweit größte Indoor-Skihalle sollen für zusätzliche Attraktivität sorgen. Auch die Touristen, die das ursprüngliche Arabien suchen, kommen auf ihre Kosten. In der Nähe des Burj Dubai entsteht eine neue "Altstadt" mit engen Gässchen und Wasserpfeifen- Cafés.
Kann der geplante Touristenan-sturm organisatorisch bewältigt werden? Kein Problem. Neben dem Ausbau des bestehenden Dubaier Flughafens sind die Arbeiten zum neuen Jebel Ali Airport in vollem Gange. Er soll, man ahnt es schon, der größte internationale Flughafen der Welt werden. Zudem hat die Fluggesellschaft Emirates vor Kurzem auf einen Schlag 93 neue Airbusse zum Gesamtpreis von 35 Milliarden Dollar geordert.
Motor des gigantischen Investitionsprogramms in Dubai – allein in den nächsten zwei Jahren sollen rund 250 Milliarden Dollar eingesetzt werden – ist seine Hoheit höchstpersönlich, Scheich Mohammed. Der 56-jährige Herrscher drängt zur Eile. Die Ölvorräte, die bislang den Wohlstand der Dubaitis garantiert haben, gehen schon in wenigen Jahren zur Neige. Um den Lebensstandard seiner Untertanen weiterhin auf hohem Niveau zu sichern, muss Al Maktoum die Wirtschaft diversifizieren.
Neben dem Ausbau zum Tourismus-Mekka soll Dubai auch das führende Finanzzentrum der Welt werden. Schon jetzt haben sich fast alle internationalen Bankhäuser im Dubai Financial District (DFD) niedergelassen, um vom Aufschwung am Golf zu profitieren. Weitere sollen folgen. Der Parkplatz im DFD ist für 60?000 Fahrzeuge ausgelegt.
Zweifel, dass sein Plan aufgeht, hat Scheich Mohammed nicht. "Wer Großes erreichen will, darf keine kleinen Schritte tun", lautet eine seiner Botschaften. Nicht weniger energisch fällt der zweite aus: "Wer nicht danach strebt, die Nummer 1 zu werden, wird letztendlich scheitern."
Wesentlich entspannter als Dubai präsentiert sich Abu Dhabi. In zahlreichen Grünanlagen picknicken -Familien, die Cafés sind gut besucht und Jogger trainieren entlang der Strandpromenade. Die Zeit zur Muse hat einen Grund. In Abu Dhabi, - dem größten Staat der Vereinigten Arabischen Emirate, lagern geschätzte Ölreserven von über 93 Milliarden Barrel. Das Emirat kann bei einer täglichen Förderung von 2,5 bis vier Millionen Barrel weitere 100 Jahre mit hohen Einnahmen rechnen. Der Druck sich zu verändern, ist daher nicht so groß wie im Nachbarstaat. Die Gigantonomie in Dubai spornt aber auch Scheich Khalifa bin Zayed Al Nahyan an, die Abhängigkeit vom schwarzen Gold zu verringern. Er und sein Expertenstab gehen jedoch deutlich behutsamer voran. Fehlentwicklungen, wie sie sich in dem Verkehrs-Chaos Dubais zeigen, sollen unbedingt vermieden werden.
Nicht gerade selbstverständlich für ein arabisches Land: Der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs hat in Abu Dhabi höchste Priorität. "Niemand soll künftig mehr als fünf Minuten zu Fuß gehen müssen, um eine Straßenbahn, einen Bus oder eine U-Bahn zu erreichen", sagt der für die Verkehrsplanung zuständige Kronprinz Scheich Mohamad bin Zayed Al Nahyan. Seine Vision: Die Innenstadt wird autofreie Zone.
Auch bei der Einführung erneuerbarer Energien drängt es Abu Dhabi nach einer Führungsrolle. Bis zum Jahr 2015 will sich die Regierung über ihren Investionsarm Mubadala an zahlreichen europäischen, asiatischen und amerikanischen Ökofirmen beteiligen. Zugleich werden die Manager heftig umworben, sich im Land direkt niederzulassen. Abu Dhabi hofft so, weiterhin als bedeutender Energielieferant auftreten zu können – jedoch nicht nur mit Öl im Angebot, sondern auch mit Wind und Sonne.
Die Tatsache, dass in Abu Dhabi ab 2009 auch Formel-1-Rennen stattfinden werden, sehen die Verantwortlichen nicht als Widerspruch. "Wir locken damit Besucher ins Land", sagt Kaldoon Khalifa Al Mubarak. Der erst 32-Jährige trifft als Chef der Executive Affairs Authority die wichtigsten Investitionsentscheidungen in seinem Land. Al Mubarak zielt jedoch nicht nur auf Motorsportfans: "Wir wollen auch für Kunstliebhaber die erste Adresse sein." So überzeugte Abu Dhabi die Guggenheim-Stiftung, sich auf der Insel Saadiyat niederzulassen. Mit 30?000 Quadratmetern wird das Museum größer sein als die bisherigen in New York oder Berlin. Die Topattraktion Abu Dhabis dürfte aber weiterhin das Sieben-Sterne-Hotel Emirates Palace bleiben. Die golden und silbern geflieste Eingangshalle ist ein Kilometer lang und unter die Kuppel würde die St. Paul’s Cathedral von London ohne Weiteres Platz finden. Jedem Gast steht ein persönlicher Butler zur Verfügung. In den Emiraten gibt es nicht selten Momente, die an orientalische Märchen erinnern.
--------------------------------------------------
Wenn die Scheichs da mal nicht gewaltig "auf die Schnauze fallen". Leider konnte ich keinen Chart des Dubai Financial Market General Index finden, doch ein Endlos-Zerti der Deutschen Bank mit der WKN
DB5281, das just fast am Höhepunkt einer gigantischen Aufwärtsentwicklung seit 2002 emittiert wurde, reflektiert die Indexentwicklung fast identisch. Ich befürchte, die Scheichs haben die Rechnung ohne den Wirt, äh: R.N. Elliott, gemacht. Sie hoffen immer noch auf starke Investitionen aus dem Ausland (wie bis Frühherbst 2005) in ihren vom Volumen her gesehen durchaus respektablen Aktienmarkt (von den vorhandenen Werten her gesehen aber sehr markteng), spekulieren jedoch darin am liebsten selbst mit ihren Petrogeldern. Betrachtet man die Wellenstruktur seit August 2006, wird deutlich, woher der Wind weht.