Heute in der internationalen Presse aufgeschnappt ;o)
New York, (Ischariot-Press). Es ist 7:30 a.m. in Washington DC. Zufrieden schlürft Prof. Dr. F.E.D. mult. Tim Gytener seine Choko-Pops. Er ist Direktor des mittlerweile bedeutensten Instituts für Verhaltensbiologie weltweit. Die Sonne scheint, eine kühle Frühlingsbrise weht durch die Terassentür, und dieser Tag wird ein besonderer werden. Gytener macht sich auf den Weg zur Arbeit.
Er ist erst vor kurzem zum Vorstand des Instituts berufen worden, und es gibt noch Personalprobleme. Die Verträge mit einem Großteil der Beschäftigten sind mit der Abberufung seines Vorgängers ausgelaufen, und gutes neues Personal ist rar angesichts des atemberaubenden Change-Tempos, das "Der Neue" an den Tag legt. "Pah", murmelt Gytener verächtlich, als er an der leeren Pförtnerloge vorbeischlurft, "wer braucht schon Personal hier?". Und Recht hat er, reicht doch sein Einfluß weit über die Mauern seines schlichten Instituts hinaus.
Denn was ursprünglich ein ruhiger Job in einem verschlafenen Institut war, hat sich mittlerweile zu einem Projekt epochaler Bedeutung gewandelt, seit die Aufsichtsbehörde das Leitbild des Instituts ersetzt hat durch die schlichte Parole "Yes, we can" und alle ethischen Restriktionen für Tierversuche endgültig über Bord geworfen hat. Jetzt ist Gytener Zeremonienmeister für ein Netzwerk an Labors, das in seiner Ausdehnung den Ambitionen Alexanders des Großen in nichts nachsteht.
Gytener setzt sich an seine Monitorwand. Per Knopfdruck erscheinen Bilder der Labors in Tokio, Moskau, Frankfurt, London und New York. Während die Labormäuse "auf dem Parkett" (wie man die Käfige neckisch im Wissenschaftlerjargon nennt) in Europa schon hektisch umherhuschen, herrscht in NY noch müdes Herumräkeln.
Heute steht ein ganz besonderes Experiment an. Die Labormäuse sollen weltweit synchron unter morbiden Streß gesetzt werden. Seit Monaten schon wird Ihnen über eine Futterklappe eine karge Kost dargeboten, im Überschuß zwar (ad libitum), aber wenig nahrhaft und magenfüllend. Daneben wurde eine weitere Futterklappe installiert, bunt bemalt und geheimnisvoll schimmernd, was die Mäuse auf dem Parkett in Wallungen versetzt. Was würde sich hinter der Klappe befinden? Schmackhaftes Manna oder vergälltes Trockenbrot? Das ist existentiell für die Mäuse, denn sie werden fortan davon leben müssen. Wer sich nicht rechtzeitig mit der 'kargen Kost' aus der Standardklappe vollgestopft hat, kann sich günstigenfalls an Manna laben, oder aber sie verhungert. Dementsprechend aufgeregt sind die Mäuse, jede versucht sich zu positionieren, denn heute soll die bunte Futterklappe geöffnet werden.
Wäre da nicht in den letzten Tagen der Forscherdrang mit Gytener durchgegangen. Abweichend vom Studienprotokoll konnte er es nämlich nicht lassen, die Labormäuse ein bißchen zu ärgern, indem er das Lichtsignal an der Futterklappe wechselweise zwischen tiefrot und dunkelgrün variierte. "Das erhöht den Streß zusätzlich" grunzt Gytener sichtlich zufrieden, und grinst dabei diabolisch. "Sowas wäre früher undenkbar gewesen", schwärmt er, und denkt mit Grausen zurück an die lästigen Diskussionen mit den parlamentarischen Ethikkommissionen vergangener Administrationen.
Wie haben sich die Mäuse positioniert? Wieviele werden überleben, und wieviele werden den qualvollen Tod durch plötzlichen Knock-out und brutales Squeezing erleiden? Wir werden es erleben. Heute ist D-day in New York…