Auszug:
Wie hoch ist das Verlustrisiko der Euro-Notenbanken im Ernstfall?
Die Anleihen gehen zunächst zu dem Preis in die Bilanz ein, zu dem sie erworben wurden. Eine irische Staatsanleihe mit einer Laufzeit von zehn Jahren notiert derzeit bereits nur noch bei gut 80 Prozent des Nennwerts. Folglich ist schon ein gewisser Risikopuffer eingebaut, wenn die Anleihen in die EZB-Bilanz eingestellt werden. Zusätzlich passt die Notenbank jeweils zum Quartalsende die Bewertung aller Wertpapiere, Gold- und Devisenbestände des Euro-Systems den aktuellen Marktpreisen an. [A.L.: Was passiert, wenn irische Bonds auf 40 % fallen?]
Womit können die Notenbanken mögliche Verluste ausgleichen?
Den kritischen Wertpapieren aus den Krisenländern in Höhe von 72 Mrd. Euro stehen Kapital und Rücklagen des Euro-Systems von 78,2 Mrd. Euro gegenüber - wovon 5,8 Mrd. Euro auf die EZB entfallen und der Rest auf die anderen Notenbank im Euro-Raum. Die Bundesbank kommt insgesamt auf 6,1 Mrd. Euro des Kapitals und der Rücklagen im Euro-System. Sollte die EZB ihr Grundkapital auf gut 10 Mrd. Euro erhöhen, würden Kapital und Rücklagen des Euro-Systems auf rund 82 Mrd. Euro steigen.
Diese könnten im Verlustfall herangezogen werden. [A.L. Müssen die Eurozonen-Mitgliedsstaaten nicht unbegrenzt für die EZB haften? Gibt es zum Ausgleich der EZB-Verluste nicht eine unbegrenzte Nachschusspflicht? Unter der Prämisse sind die obigen 82 Mrd. nicht der Maximalverlust, sondern lediglich die "Anzahlung".] Hinzu kommen noch stille Rücklagen, die dadurch entstehen, dass die Gold- und Devisenreserven der Notenbanken zu sehr niedrigen Werten bilanziert wurden. Der Ausgleichsposten aus Neubewertung lag laut EZB zuletzt bei 296,7 Mrd. Euro. Zusätzlich können die Euro-Notenbanken noch auf laufende Einnahmen durch Refinanzierungsgeschäfte mit den Geschäftsbanken hoffen. Denn die Finanzinstitute müssen für die Geldleihe bei den Euro-Notenbanken einen Zins bezahlen - etwa für einwöchige Geschäfte ist das der Leitzins. Im schlimmsten Fall könnte die EZB sogar Verlustvorträge vornehmen und auf spätere Gewinne hoffen.
Wieso können Notenbanken im Gegensatz zu Geschäftsbanken weiterarbeiten, auch wenn ihr Eigenkapital aufgezehrt ist?
Die Bilanzsumme des Euro-Systems lag am 10. Dezember bei 1951,7 Mrd. Euro. Auf die EZB allein entfiel zum Jahreswechsel aber nur eine Bilanzsumme von 138 Mrd. Euro. Somit macht das Eigenkapital der EZB grob gerechnet rund vier Prozent der Bilanz aus. Diese Quote ist vergleichbar mit der großer Geschäftsbanken. Allerdings liegt sie unter dem, was einige Regulierer mittlerweile für vernünftig halten. In der Schweiz hat etwa eine Expertenkommission der Regierung vorgeschlagen, den beiden großen Geldhäusern UBS und Credit Suisse künftig einen Wert von fünf Prozent vorzuschreiben.
Die Vergleichbarkeit von Noten- und Geschäftsbanken hält sich allerdings in Grenzen. Wichtigster Unterschied ist, dass Notenbanken nicht illiquide werden. "Wenigstens in der Theorie können Zentralbanken mit negativem Eigenkapital operieren", sagte Dirk Schumacher, Ökonom bei Goldman Sachs. Von negativem Eigenkapital spricht man, wenn Verbindlichkeiten oder Verluste die Eigenmittel mehr als aufzehren. Allerdings dürfte ein negatives Eigenkapital die Glaubwürdigkeit einer Notenbank schmälern. [A.L.: zu möglichem negativem Eigenkapital der Zentralbanken hatte ich in # 942 und # 949 geschrieben.]
