Der Spiegel-Artikel zu Irland & Co., den Malko07 eingestellt hat, beginnt mit dem Satz:
"Wer in der heutigen Hysterie-Gesellschaft besonnene statt extreme Ansichten vertritt, läuft Gefahr, überhört zu werden. Oder er gilt als jemand, der beschwichtigt, die wahren Gefahren nicht erkennt, ja eh keine Ahnung hat. Und so weiter."
Mag sein, dass ich mich täusche - jedoch sehe ich es eher UMGEKEHRT.
Meiner Meinung und Beobachtung nach ist die große Masse der Gesellschaft eben NICHT hysterisch. Warum sollte sie auch hysterisch sein? Die große Masse ist wohl eher unwissend bzw. nicht sehr gut informiert. Die große Masse bekommt doch kaum etwas mit, von dem, was passiert. Ein paar Zeilen aus der Dorf- und Stadtzeitung, ein paar reißerische Headlines aus der Bild, ein paar Nachrichten aus dem Fernsehen. Die gehen ins eine Ohr rein, aus dem anderen Ohr schnell wieder raus.
Ebenso MERKT die große Masse - zumindest, was Deutschland betrifft - noch nicht zwingend "am eigenen Leib" und am "eigenen Geldbeutel" gewisse Veränderungen. Weder wurden der Hochfinanz empfindliche Steuern, wie z.B. Vermögenssteuer etc. "aufgebürdet", noch wurden Rentnern und Hartz4-Empfängern unzumutbare Kürzungen zugemutet. Auch wurde vermieden, den Mittelständlern und dem gemeinen Arbeitnehmer und Angestellten extrem unzumutbare Steuererhöhungen aufzubürden. Und was die Beamten betrifft, so ist mir persönlich auch nicht bekannt, dass in dieser Gruppe extreme Kürzungen vorgenommen wurden, die "Hysterie" auslösen könnten. Durch verschiedene Konjunkturpakete wurden auch in der "sogar von der großen Masse" wahrgenommenen Krise in 2008 viele Dinge gemildert, wie z.B. durch Kurzarbeit-Regelungen, Firmensubventionen, Bankbürgschaften etc.
Schritt für Schritt, fein dosiert - hier ein paar Euro Steuern mehr, dort ein paar Cent weniger - gerade so, dass sich immens viele Bürger zwar ein bisschen oder auch sehr ärgern, aber noch lange keinen echten, existenziellen Grund haben könnten, hysterisch oder gar wütend zu werden.
Somit ging bzw. geht eine der wohl größten Krisen der Weltwirtschaft des Jahrhunderts scheinbar fast unbemerkt an der "grossen Masse" einfach so vorbei - einfach deshalb, weil es kaum einen persönlich betrifft bzw. betroffen hat, außer eben denjenigen Wenigen (im Vergleich zur "grossen Masse"), die arbeitslos geworden sind oder auch denjenigen, die einen Großteil ihrer Vermögen, Ersparnisse oder sogar alle Ersparnisse aufgrund von Falschberatungen durch "Bankberater" bzw. "Provisionsorientierte Verkäufer im Dienste einer Bank" verloren haben.
Hier noch mal zur Erinnerung der 1. Satz aus dem zitierten Spiegel-Artikel:
"Wer in der heutigen Hysterie-Gesellschaft besonnene statt extreme Ansichten vertritt, läuft Gefahr, überhört zu werden. Oder er gilt als jemand, der beschwichtigt, die wahren Gefahren nicht erkennt, ja eh keine Ahnung hat. Und so weiter."
Unabhängig davon, dass ich persönlich KEINE "Hysterie-Gesellschaft" ausmachen kann, frage ich mich nun: "Was ist "besonnen" und was ist "extrem"?
Für mich persönlich bedeutet "Besonnenheit", dass man sehr wohl sehr viel weiß, jedoch mit diesem Wissen sehr vorsichtig, klug, eben besonnen und nicht leichtfertig oder gar populistisch umgeht. "Extrem" hat für mich persönlich etwas sehr Negatives. Extremisten- egal ob politisch, religiös etc. sind bei mir persönlich eher negativ behaftet. Verbindet die Masse nicht oft Extremisten mit Terroristen? Sind dann demnächst diejenigen, die es wagen, Zweifel gegen die weltweite Finanz- und Wirtschaftspolitik zu äußern, für die Masse mit Terroristen fast gleichzusetzen?
Vielleicht interpretiere ich zu viel in diesen Satz. Vielleicht geht auch meine Phantasie ein wenig zu weit.
Doch scheinbar dreht nun selbst ein relativ kritisches Blättchen wie der Spiegel die Dinge aus meiner Sichtweise heraus komplett um. Diejenigen nämlich, die wirklich besonnen sind und auf Missstände und nicht gänzlich auszuschließende Gefahren bezüglich der Wirtschaft, der Finanzlage in den Ländern weltweit hinweisen, werden als "Extremisten" dargestellt. Diejenigen wiederum, die jegliche Gefahr ausblenden, nicht sehen oder gar leugnen, als "Besonnene".
Sind diejenigen, die mindestens drei rosarote Brillen aufgesetzt haben und sich noch 26 Ohrstöpsel in die Öhrchen gesteckt haben und über alle Maßen optimistisch oder vielleicht auch ein wenig naiv, unwissend und uninteressiert sind, "besonnen"? Und diejenigen, die Vieles wissen, hinterfragen, Manches in Frage stellen, ein wenig skeptisch und vielleicht auch zweifelnd sind, sind die gleich "extrem"?
Und vor allem: Aus welcher und aus wessen Sicht? Und zu wessen Vorteil und zu wessen Nachteil? Sorry - rhetorische Frage ;-) Ist ja klar zu wessen Vor- und zu wessen Nachteil ;-)
Ich kenne sehr, sehr viele verschiedene Menschen mit den unterschiedlichsten Berufen und mit den unterschiedlichsten Vermögen. Von der Friseurin über den Maler (sowohl Künstler als auch Anstreicher), den Bauarbeiter und KFZ-Mechaniker, Autoverkäufer, Autohausbesitzer, Kellner, Gastronomen, Intendanten, Redakteure, Sekretärinnen, Ärzte, Beamte, Autoren, Musiker, Bänker, Geschäftsführer, Arbeitslose, Hartz4-Empfänger, Erben usw.
Diese Liste der Menschen, die ich kenne, soll mich persönlich weder auf- noch abwerten. Ich kenne sie einfach. Mit manchen bin ich verwandt, mit manchen befreundet, mit manchen einfach nur gut bekannt.
Was jedoch ALLE meiner mir bekannten Menschen gemeinsam haben ist, dass sie eben allesamt NICHT hysterisch sind. Egal ob sie einen mehr oder weniger gut bezahlten Job haben, arbeitslos sind oder gar Millionen auf dem Konto haben - sie sind allesamt relativ UNWISSEND und UNINTERESSIERT an Wirtschaft, Politik und Finanzwesen und vor allem: STAATSGLÄUBIG. "Da passiert schon nichts. Die machen das schon."
Sprich: Keiner von ihnen käme auch nur im Ansatz auf die Idee, sich für Wirtschaftspolitik, Finanzwesen, oder gar für die eigenen Finanzen zu interessieren, geschweige denn, sich mit Vorgenanntem ernsthaft auseinanderzusetzen.
Wenn ich mal das Thema "Wirtschaft & Finanzen" vorsichtig anspreche, kriege ich entweder zu hören, dass es a) stinklangweilig ist, b) sowieso nicht interessant, da kaum Kapital zur Anlage vorhanden, c) man eh nix damit am Hut hat, da ja alles auf´m Sparbuch und in LV´s und RV´S "sicher" investiert ist, d) man eine Vermögensverwaltung bei der Bank oder einen Vermögensverwalter hat, e) man eh´ keinen Einfluss auf das Geschehen hat - also - wieso sich dafür interessieren?
Von Hysterie also keine Spur. Zumindest nicht in meinem persönlichen recht "diversifizierten Bekanntenkreis" ;-)
Ganz im GEGENTEIL - und DAS meine ich mit UMGEKEHRT:
Nämlich, sobald ich auch nur ansatzweise auch nur ein klitzekleines Bisschen auf die jetzige Situation zumindest aufmerksam machen möchte - ohne jegliche Wertung - ganz objektiv nur die Menschen dazu bewegen möchte, ein bisschen "aufmerksamer" zu sein, was die Politik, die Wirtschaft und die Finanzen betrifft, sich einfach nur so ein kleines Bisschen mehr als sonst mit solchen Themen zu befassen, so blocken die Meisten gelangweilt ab.
Nun gut, das bezieht sich jetzt natürlich ganz subjektiv auf "meinen persönlichen" aber doch recht breit gefächerten Bekanntenkreis. Ist selbstverständlich und natürlich nicht maßgeblich für "die große Masse".
Trotzdem gehe ich persönlich schon eher davon aus, dass eher diejenigen Gefahr laufen, überhört zu werden, die tatsächlich die wahren Gefahren erkennen, die ein wenig Ahnung haben und mehr oder weniger "besonnen" auf manche Tatsachen und auch Missstände aufmerksam machen und hinweisen bzw. sie zumindest zur Diskussion stellen. Die gelten jetzt aber lt. Spiegel als "Extreme"!
Mein persönliches Fazit:
Ich meine nicht, dass unsere Gesellschaft hysterisch ist. Vielleicht ein wenig durch Politik, Wirtschaft, Finanzmärkte und Medien verunsichert. Aber nicht hysterisch und immer noch insgesamt recht besonnen.
Eher, so scheint es fast, ist der Herausgeber des SPIEGEL wohl ein wenig hysterisch geworden. Denn vor lauter Angst, im Mediendschungel überlesen zu werden, vertritt er eher extreme statt besonnene Ansichten ;-) So hoffen wir doch alle - insbesondere für die Reputation des SPIEGEL, dass alles gut bleibt, der Euro und die EU niemals auseinander brechen. Nicht, dass der SPIEGEL eines Tages noch schreiben muss:
"Wir haben beschwichtigt, die wahren Gefahren nicht erkannt, hatten ja eh keine Ahnung. Und so weiter." ;-)
Besonnene und extrem freundliche Grüße an Alle
Kosto