An den Devisenmärkten wird in diesen Tagen wieder munter die Yen-Karte gespielt. Die Trader setzen darauf, dass die hoch verschuldeten EU-Staaten und die schlappe US-Konjunktur Euro und Dollar schwächen und gleichzeitig den Yen in neue Höhen treiben. Charttechnisch scheint der Yen auch robust, aber die fundamentale Lage ist bedenklich.
Wenn ein »Geheimfavorit« für einen plötzlichen Staatsbankrott gesucht wird, ist Japan der Spitzenreiter. Ein Regierungswechsel verbunden mit einer anschließenden realistischen Bestandsaufnahme der Staatsfinanzen könnte einen solchen Schock auslösen (nach diesem Muster ist auch die Griechenland-Krise abgelaufen).
Ein Teil des Problems wird deutlich, wenn Sie sich die Verschuldungsstruktur anschauen: Die Gesamtverschuldung liegt bei 471% des Bruttoinlandsprodukts. Zum Vergleich: Das ebenfalls nicht gerade niedrig verschuldete Deutschland kommt auf eine Quote von »nur« 285%. In allen Sektoren ist der japanische Schuldenwert höher als in Deutschland.
Ein Sektor überragt jedoch alle anderen Bereiche: Die Schulden im staatlichen Sektor. Zur Erinnerung: Ein Schuldenstand von unter 60% des BIP gilt als noch kontrollierbar, Werte
über 90% lösten in der Vergangenheit fast automatisch Krisen aus. Die japanischen
Staatsschulden erreichen aktuell fast schon 200%. Das ist ein Wert, der fast jedes andere Land direkt in den Staatsbankrott treiben würde.
Es gibt nur einen einzigen Grund, warum Japan mit dieser Schuldenquote überleben kann: Fast alle Staatsanleihen wurden an die eigene Bevölkerung verkauft. Ausländische Investoren halten weniger als 10% der japanischen Staatsanleihen. Daher kann – anders als im Fall Griechenland – kaum Druck von den Kapitalmärkten kommen. So lange die japanische Bevölkerung die heimischen Staatsanleihen aufsaugt wie ein Staubsauger, funktioniert das Schuldensystem.
Allerdings gibt es in Japan 3 tickende Zeitbomben:
1. Was ist, wenn die Zinsen steigen?
2. Was passiert, wenn die Inländer nicht mehr über 90 % der Anleihen kaufen?
3. Und was geschieht, wenn viele Japaner gleichzeitig ihre Ersparnisse auflösen (müssen) und alte Anleihen vor dem Laufzeitende verkaufen?
Schuldenberg als Reaktion auf Deflation und Wirtschaftskrise
Zunächst stellt sich die Frage, warum der japanische Staat eine gigantische Schuldenlast von fast 200% des BIP bewältigen muss. 1990 lag die Schuldenquote mit 59% noch im normalenRahmen. Zehn Jahre später erreichte die Quote 131%, wiederum zehn Jahre später 197%.
Die Verschuldungsorgie begann mit der Deflations- und Wirtschaftskrise vor rund 20 Jahren. Zuerst wollte der Staat diese Krise »aussitzen«, als der Fall jedoch zu tief war, sollte dernächste konjunkturelle Aufschwung mit allen finanziellen Mitteln erzwungen werden. Die Bilanz nach 20 Jahren: Blühende Landschaften sind weiterhin nicht in Sicht und die Staatsfinanzen sind ruiniert.
Das System ist noch nicht implodiert, weil die japanischen Sparer die Staatsanleihen trotz der Mini-Renditen kaufen. Dieses System hat jedoch mehrere Sollbruchstellen.
Die Bevölkerungsstruktur ist in Japan sehr ungünstig
Die Geburtenrate in Japan gehört zu den niedrigsten weltweit. Das Land vergreist und die Bevölkerung schrumpft. Im Jahr 2000 kamen auf knapp 40 Japaner im Rentenalter 100 Personen im Erwerbsalter. Setzt sich der aktuelle Trend fort, verschlechtert sich das Verhältnis bis 2050 auf 90 zu 100. Faktisch wird es aber unmöglich sein, dass 100 Personen im Erwerbsalter, die nicht einmal alle arbeiten und Steuern zahlen, 90 Rentner finanzieren. Die logische Konsequenz: Die Rentner müssen ihre Ersparnisse auflösen,
um die Versorgungslücke zu schließen.
Dieser Prozess beginnt nicht erst im Jahr 2050. Er hat schon begonnen. Im Jahr 1980 lag die Sparquote in Japan bei üppigen 18%, im Jahr 1990 bei 13% und im Jahr 2000 bei 8%. In
der aktuellen Krise wurden kurzfristig in Japan schon Sparquoten von 0% gemessen.
Es kann auch kein Comeback der »Sparweltmeister« geben. Der Internationale Währungsfonds (IWF) geht davon aus, dass im Jahr 2015 die öffentlichen Schulden das Vermögen der Privathaushalte übertreffen. Es ist dann schon faktisch unmöglich, dass
die Bevölkerung über 90% der Staatsanleihen aufkauft.
Die Zinsen können nicht ewig niedrig gehalten werden
Die japanische Regierung muss sich aus den genannten Gründen darauf einstellen, dass die eigene Bevölkerung die Staatsanleihen nicht mehr einsammeln kann. Das bedeutet: Internationale Investoren müssen einspringen.
Bei einem langfristigen Zinssatz von gut 1% wird das Interesse jedoch extrem gering sein. Um Investoren anzulocken, müssen die Zinsen steigen. Nur so kann Japan frisches Kapital
einsammeln. Der Preis ist allerdings hoch: Die Zinsbelastung wird explosionsartig steigen.
Obwohl die Zinsen aktuell so niedrig sind, muss Japan rund 20% der Staatsausgaben
für den Schuldendienst reservieren. Erhöht Japan das Zinsniveau auf ein international normales Niveau, wird der Staatshaushalt ruiniert.
Schon jetzt besitzt Japan kein Spitzenrating von »AAA« mehr. Die Rating-Agentur Standard & Poor’s benotet Japan mit »AA« und einer »negativen Tendenz«. Zur Einordnung: Ähnlich wird auch der EU-Krisen-Kandidat Spanien benotet. Spanien muss am Kapitalmarkt 4 bis 5% Zinsen bieten, um eine Anleihe mit zehn Jahren Laufzeit zu platzieren. Solche Zinsbelastungen kann Japan unmöglich bewältigen.
Zu einer negativen Einschätzung kommen auch die Analysten der Schweizer Bank Vontobel, die einen Risiko-Index für Staaten erstellt haben. Mit einem Index-Wert von 6,9
ist Japan Schlusslicht und liegt sogar deutlich hinter Griechenland.
Fazit: Schneller Zinsanstieg wäre das Todesurteil
Japan gehört zu den Ländern, die einen Bankrott – in welcher Form auch immer – kaum noch verhindern können. Die Zahlen sprechen für sich: Die Gesamtverschuldung erreicht
fast 500% des BIP, der öffentliche Sektor steht mit 200% des BIP in der Kreide, die Bevölkerungsstruktur ist extrem ungünstig, die Einkommensteuer bricht weg, die Rentenausgaben steigen, die einst sehr hohe Sparquote wird aufgrund der Überalterung
negativ, steigende Zinsen ruinieren den Staatshaushalt endgültig. Steigen die Zinsen überraschend schnell, droht sogar ein sofortiger Bankrott (Staatsbankrott = ein Staat
kann die Schulden nicht mehr aus eigener Kraft am Kapitalmarkt refinanzieren).
Daher die Empfehlung: Wer mit der japanischen Währung oder japanischen Staatsanleihen tradet, sollte die Ausgangstür stets im Blick halten.
Autor: Rolf Morrien
Seiten 14 und 15 aus:
http://www.gmxattachments.net/de/cgi/g.fcgi/mail/...GRLVCc3JHPkvBK%2F An der Börse ist alles möglich, auch das Gegenteil.
André Kostolany
MfG
Palaimon