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Interview mit Klaus Kaldemorgen
"Da mauert man den Anleger ein"Das Verbot ungedeckter Leerverkäufe könnte das Einfallstor für eine Regulierungswut werden, fürchtet Klaus Kaldemorgen von der Fondsgesellschaft DWS. Der Anleger müsse im schlimmsten Fall die verfehlte Schuldenpolitik der Euro-Staaten ausbaden.
10. Juni 2010
Herr Kaldemorgen, die Bundesregierung verbietet ungedeckte Leerverkäufe. Die Finanzbranche tobt. Wollen Sie alles beim Alten belassen?
Wir sind im Fondsmanagement nicht betroffen, solange es beim Verbot von ungedeckten Leerverkäufen bleibt. Sollte es jedoch auf gedeckte Leerverkäufe ausgeweitet werden, wird es schwierig. Es ist an den Märkten nun mal so: Wenn Sie an einer Stelle ein Teil herausbrechen, läuft die ganze Maschine nicht mehr rund.
Was befürchten Sie?
Unter Umständen kommt es zu negativen Effekten, die man bei dem Verbot nicht berücksichtigt hat. Daher nehmen wir die Diskussion sehr ernst. Wir sind froh, dass es im Gesetzentwurf beim Verbot der ungedeckten Leerverkäufe geblieben ist. Daneben gibt es aber eine Ermächtigung. Sollten künftig per Rechtsverordnung beispielsweise auch Derivate auf Leerverkäufe verboten werden, ginge es ans Eingemachte. Man verbietet doch nicht den Verkauf von Hämmern, nur weil man damit andere verletzen kann. Die Tat gehört unter Strafe gestellt, aber nicht der Verkauf von Hämmern, mit denen man Nützliches machen kann. Die Regulierung scheint mir Selbstzweck zu sein. Ich fürchte Nachteile für die deutschen Privatanleger.
Was sind das für Nachteile?
Besonders schlimm wäre, dass die Liquidität der Märkte beeinträchtigt wird. Weniger Liquidität bedeutet schlechtere Preise. Und schlechtere Preise bedeuten Nachteile für die Rendite. Hinzu kommen Umgehungsmöglichkeiten.
Welche?
Die deutschen Anleger werden künftig einer Regulierung unterstehen, die für ausländische Anleger nicht gilt. Dadurch entstehen für deutsche Fonds Wettbewerbsnachteile gegenüber ausländischen Anbietern, die ihre Produkte in Deutschland verkaufen und dieser Regulierung nicht unterliegen. Nationale Alleingänge helfen nicht weiter.
Können Sie nicht ausweichen?
Ja, wir könnten zum Beispiel verstärkt nach Luxemburg gehen.
Das wird nicht mehr lange gehen, weil sich Frankreich und Deutschland gerade auf ein europaweites Verbot einigen.
Investmentfonds sind in der Ucits-Richtlinie auf europäischer Ebene geregelt. Und es gilt für sie schon die Derivateverordnung. Uns ist wichtig, dass unsere Anleger nicht geschädigt werden. Wir wollen bei Aktien keine ungedeckten Leerverkäufe eingehen. Aber im Management von Anleihen gibt es Anlagestrategien, auf die wir angewiesen sind und die wir vielleicht nicht mehr verfolgen können. Auch Währungsderivate auf den Euro, die nicht der Absicherung von Währungsrisiken dienen, könnten ebenfalls per Verordnung kurzerhand verboten werden. Da mauert man den Anleger ein.
Das müssen Sie erklären.
Wenn das so kommt - was ich nicht hoffe -, stehe ich vor der Frage, was ich machen kann, wenn der Euro fällt. Der Anleger sagt: Investiere in den Dollar, damit ich davon nicht betroffen bin. Das ist aber kein Absicherungsgeschäft. Denn wenn der Euro fällt, ist der Anleger ja nicht per se negativ betroffen. Dabei kann ich ihm eine Anlagechance bieten, indem ich in Dollar investiere.
Warum kaufen Sie nicht Dollar? Dazu brauchen Sie kein Derivat.
Durch den fallenden Euro ergeben sich Kurschancen zum Beispiel bei Aktien aus der europäischen Exportindustrie. Gleichzeitig will ich vom steigenden Dollar profitieren. Also kaufe ich mir über ein Derivat Dollar gegen Euro und gleichzeitig europäische Exportaktien. Dieses Geschäft könnte mir, wenn es schlimm kommt, verboten werden.
Ist es nicht Ziel der Politik, genau solche Geschäfte zu unterbinden, die Abwärtsspiralen auslösen können?
Sicher, aber man darf den Preisbildungsprozess an den Kapitalmärkten nicht behindern. Dazu gehören fallende Kurse genauso wie steigende. Wenn man aber so weit gehen will, muss man auch klar sagen, dass dies zu Lasten des Anlegers geht. Der Anleger muss dann eine missratene Schuldenpolitik der Europäischen Union ausbaden, indem man ihm sagt: Kauf deutsche Staatsanleihen für 2,5 Prozent und bleib im Euro, aber geh mit deinem Geld ja nicht woanders hin.
Sie kritisieren die Schuldenpolitik. Sind die Schulden nicht Folge der Finanzkrise, die die Banken verursacht haben?
Zum Teil, aber nicht alles ist auf die Banken zurückzuführen. Ich erkenne an, dass der Staat während der Finanzkrise eine Hilfe war und mit Recht daraus ableitet, einen Teil des Geldes zurückzuholen. Auch gegen Regulierung ist nichts einzuwenden. Nur darf sie nicht die Falschen treffen, zum Beispiel Anleger, die für ihre Altersvorsorge sparen.
Halten Sie die Beeinträchtigungen für so groß, dass Sie Deutschland als Fondsstandort gefährdet sehen?
Vieles ist noch hypothetisch, denn die Verordnung gibt es noch nicht. Wichtig ist für uns, dass die Politik berechenbar bleibt. Sie sollte im Sinne einer gezielten Regulierung, gegen die nichts einzuwenden ist, wieder das Gespräch mit uns suchen und auch den Sachverstand von Institutionen wie der Bundesbank nutzen.
Ist die Unwägbarkeit der Regulierung schon eine Belastung auf den Märkten?
Das lässt sich am Euro festmachen. Stellen Sie sich vor, wir kommen in eine Situation, in der man über Regulierung die Flucht aus dem Euro unterbinden will. Allein der Versuch, den Euro über Regulierung zu stützen, sorgt schon dafür, dass das Vertrauen in den Euro schwindet. Wo bleibt das Selbstvertrauen der Politik, dass sie zu solchen Maßnahmen greift? Wenn man damit anfängt, dann wäre der nächste Schritt, den Erwerb von Gold zu verbieten, wenn der Goldpreis zu stark steigt. Sagen Sie nicht, das gab es noch nie. Der Kapitalmarkt wird dann Teil der Fiskal- und Steuerpolitik.
Wie sieht Ihr Gegenmodell aus?
Ich würde als Erstes die Märkte so transparent wie möglich machen, um zu wissen, wer was wann und wie viel davon macht. Dazu sollten auch außerbörsliche Geschäfte, so gut es geht, auf die Börsen verlagert werden, damit man die Zahlen kennt. Wir stochern doch diesbezüglich alle im Nebel. Man könnte auch darüber nachdenken, für gehebelte Geschäfte, die Hedge-Fonds besonders gern machen, neue Vorschriften zu erlassen. Das wäre ein vernünftiger Anfang. Aber zu sagen: Du darfst nicht in A investieren, du musst in B investieren, das ist ganz schlecht.
Für CDS gibt es schon eine zentrale Gegenpartei, und niemand nutzt sie. Muss eine Art Börsenzwang her?
Ich würde mich nicht beschweren, wenn CDS künftig nur über staatlich anerkannte Börsen gehandelt und ein Clearinghaus abgewickelt werden dürften.
Eine Zeitlang suchte die Politik den Dialog mit der Finanzbranche. Ist dieser abgerissen?
Ich kann im Augenblick nicht erkennen, dass die Politik den Dialog sucht.
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