Goldman Sachs ist der Maßstab in der Finanzindustrie. Die Krise hat diese Vormachtstellung zementiert. Heute wollen die Manager über elf Milliarden Dollar Gewinn für das Jahr 2009 melden. Doch sie haben eine große Gefahr unterschätzt: Die Amerikaner finden hohe Boni nicht mehr cool. Der Druck auf die Bank aller Banken nimmt zu.
NEW YORK/LONDON/FRANKFURT. Er hat ihn nicht vergessen, diesen eigentlich schönen Herbsttag. Diese Wut. Sie war nicht unmittelbar gegen ihn gerichtet, aber auch er war gemeint, kein Zweifel.
„Zerschlagt sie jetzt! Zerschlagt sie jetzt!“ Hunderte Demonstranten vor der mächtigen Niederlassung der Goldies in Washington.
Sie tragen große Schilder, „Wanted“ wie früher im Wilden Westen und das Konterfei von Blankfein, den Männer in diesen Kreisen hassen oder bewundern. Oder beides. Lloyd Blankfein, Chef von Goldman, der Bank der Banken, den obersten Meister des Universums.
„Wanted!“ Die Menge ist aufgebracht, weil Blankfein und seine Leute einfach weitermachen. Als hätten nicht auch sie die Welt an einen Abgrund geführt. Als hätten sie nicht trotzdem Staatshilfen bekommen. Sie zahlen wieder Boni aus, unvorstellbare Summen für die, die da auf der Straße stehen.
Die verständnislosen Gesichter der Banker, die aus der Sicherheit ihrer Büros beobachten, was sich da vor ihrer Bank abspielt. Die Bilder waren in aller Welt zu sehen, im Fernsehen, in den Zeitungen.
Auch er war gemeint, auch er ist ein Spitzenmanager einer amerikanischen Bank. Nicht bei Goldman Sachs, bei einem Konkurrenten. Nun, Monate nach dieser Kundgebung des Volkszorns, sitzt er in einer New Yorker Bar bei einem Feierabenddrink am Ufer des Hudsons. Fast ehrfürchtig blickt er auf das riesige, schwarze Hochhaus, das auf der anderen Seite des Flusses in den Himmel ragt. Goldman.
Er will etwas loswerden, aber er will anonym bleiben. Was er zu sagen hat, könnte ihn selbst klein aussehen lassen, unbedeutend. Nach der dritten Runde Bier spricht er offener, als Männer in seinem Business und seiner Position es gewöhnlich tun. Die Wut von damals, sie freut ihn, sie nutzt ihm. „Goldman ist einfach die Messlatte, an der sich alle orientieren. Natürlich freuen wir uns alle auch, wenn sie nun die Hauptzielscheibe der Kritik sind.“
„Wir“, damit meint der Mann nicht nur sich und seine Bank. „Wir“, das sind viele Banken an der Wall Street.
Viele Konkurrenten sind in den vergangenen Monaten untergegangen. Die anderen sind schwach. Goldman dagegen ist so gut durch die Krise gekommen wie sonst keine Bank in den USA. Die Schwäche der anderen stärkt sie noch. Heute stellt die Bank ihre Geschäftszahlen für 2009 Jahr vor. Analysten rechnen mit einem Gewinn von über elf Milliarden Dollar. Fünfmal so viel wie im Krisenjahr 2008.
Das macht die ohnehin sehr selbstbewussten Banker noch selbstsicherer, einige in der Branche sagen: arrogant. Sie werfen Goldman vor, die gesamte Finanzindustrie mit ihrem ausgestellten Stolz in Verruf zu bringen. Die hohen Boni, die die Bank schon wieder zahlt, machen die Sache nicht besser in einer Lage, in der wöchentlich Hunderttausende Amerikaner ihren Job verlieren.
Der Neid der Konkurrenz ist nicht neu. Neu ist aber, dass Goldman der Häme Nahrung gibt und Schwäche zeigt. Dieses Interview etwa, das Bankchef Blankfein gab. „Wir tun Gottes Werk“, hat er darin gesagt. Die Branche konnte es kaum fassen. Konnte das möglich sein, solch eine Dummheit? Solch eine Hybris, öffentlich ausgestellt – und auch noch ohne Not? Kein Konkurrent hätte Goldman so beschädigen können, mit nur einem Satz.
Bankchef Blankfein hat versucht, den Schaden zu begrenzen. Es sei nur ein Scherz gewesen. Es nutzte nichts. Die Amerikaner bewundern fantastisch hohe Gewinne und Boni nicht mehr. Bevor die Banken mit hochriskanten Kreditderivaten handelten, bevor die Immobilienblase platzte, waren sich Wall Street und die große Mehrheit der Bürger einig gewesen: Wer Geld verdient, hat es richtig gemacht. Das ist nun anders. Amerika steckt in der Rezession, Menschen, mit deren Steuern Banken gerettet wurden, verlieren ihre Arbeit; die Elitebanker aber bekommen wieder Megaboni. Was die Banker als Lohn für Geschick, Cleverness und harte Arbeit sehen, gilt im Land als Diebstahl an der Allgemeinheit.
„Auf Dauer ist diese Diskrepanz zwischen Innen- und Außenansicht nicht gut, nicht für das Geschäft der Bank und nicht für das Land“, sagt Kaspar Ulf Nielsen, Experte für Imageberatung des Reputation Institute.
Wie kann es sein, dass Männer, die so einiges haben kommen sehen, früher als die anderen Banken, eine große Gefahr nicht haben kommen sehen?
Jan Hatzius sitzt an der Südspitze Manhattans in einem weitläufigen Büro hoch oben über der New York Plaza. Ein langer, dünner Mann, geboren in Heidelberg, der in Kiel studiert hat. An seinem Schreibtisch mit Blick auf den East River brütet der US-Chefvolkswirt über ökonomische Daten. 2006 sagte er die Krise am Markt für private Wohnimmobilien voraus. Kaum jemand glaubte ihm. Ben Stein, angesehener Kolumnist der New York Times, warf ihm sogar vor, er male ein zu negatives Bild, damit seine Händler wieder günstiger in den Markt einsteigen können. Am Ende behielt Hatzius recht.
Nicht nur einmal. Denn 18 Monate später sagte er: „Es würde mich sehr wundern, wenn nicht demnächst der Markt für Büro- und Geschäftsimmobilien einbricht.“ Goldman glaubte ihm und reichte früher als andere Banken riskante Kreditderivate weiter. Es waren solche Papiere, die wenig später Konkurrenten wie Lehman Brothers, Bear Stearns und Merrill Lynch in den Abgrund rissen.
Hatzius arbeitet für Goldman. Der Konzern buhlt aggressiv um den besten Nachwuchs. „Die grasen die Eliteunis ab, um ihre Führungsposition zu zementieren“, sagt ein Ex-Goldman-Manager. Die Bezahlung sei so gut, dass die meisten dafür gern 80 bis 90 Stunden in der Woche arbeiteten.
„Die sind mit der Bank verheiratet.“ Andere an der Wall Street sprechen von einer Sekte.
Hatzius also ist ein Goldie geworden. Auch, weil David Viniar aus Hatzius' Warnungen rechtzeitig Konsequenzen gezogen hat. Viniar, 53, Finanzvorstand, ist der oberste Risikowächter der Bank. Anders als bei anderen Banken ist er genauso mächtig wie die risikofreudigen Chefs der Händler. Beide Gruppen arbeiten mit der besten Ausstattung.
„Goldman Sachs besitzt eine Top-IT, ohne die ein Risikomanagement des Formats Goldman Sachs nicht möglich wäre“, sagt ein Bankenaufseher. Wertpapiere würden nur kurze Zeit gehalten, Risiken schnellstmöglichst bei anderen Investoren ausplatziert. „Sonst hätte Goldman Sachs die Krise nicht fast unbeschadet überstanden“, sagt ein Experte. Höchstens Morgan Stanley und die Deutsche Bank könnten da noch mithalten.
Das Risikomanagementsystem ist der Grund, warum die Bank von der Krise nicht so hart erwischt wurde wie andere und warum sie früher wieder Geschäfte machen konnte, als der Markt sich Anfang 2009 erholte.
In Deutschland hängt all das auf ähnliche Weise zusammen wie in den USA. Dafür steht Alexander Dibelius, der Deutschland-Chef der Bank. Dibelius ist der Prototyp eines Goldman-Investmentbankers. Er liebt PS-starke Autos, ihm gehört jene Münchener Villa, in der Thomas Mann den „Zauberberg“ schrieb. Er hasst es zu verlieren. Lieber einmal Erster und einmal Letzter als zweimal Zweiter, das ist seine Devise. Extrem ehrgeizig, extrem diszipliniert. Extrem angriffslustig. „Entweder man hält ihn für einen der besten Typen, die man je kennengelernt hat, oder man lehnt ihn ab“, sagt ein Weggefährte.
In Dibelius' Büro lässt sich beobachten, was es heißt, wenn bei Goldman viel zu tun ist. Dann wird das Büro zum Schlafzimmer. Dann hängen Anzüge und Krawatten zwischen den Regalen, und in den Schubladen des Schreibtisches: Hemden, Socken und Unterwäsche. Bei der Fusion von Daimler-Benz mit dem US-Konkurrenten Chrysler 1998 gab es viel zu tun. Es war Dibelius' spektakulärster Deal.
Bewunderer stören sich nicht daran, dass die anfangs gepriesene Verbindung später kläglich scheiterte. Sie preisen, wie perfekt Dibelius es verstanden habe, die Transaktion auszuhandeln, ohne dass etwas nach außen drang.
Dibelius hat nicht nur Bewunderer in der Branche. Viele sehen kritisch, dass die Investmentbanker mit sehr viel Geld die Bank zu einem Imperium mit Golfplätzen in Japan, Ölbohrinseln in der Nordsee und vielen anderen Beteiligungen geformt haben. Nicht ohne Risiken.
„Manchmal möchte ich die Bank gar als Zockerbude bezeichnen“, sagt einer, der Manager bei Goldman war. Kürzlich zitierte die Zeitung „New York Times“ aus der E-Mail eines führenden Goldman-Managers an ausgewählte Kunden. Bevor die Wertpapierhändler Anlageideen an ihre Kunden weitergeben, haben sie sie häufig selbst längst ausgebeutet. So lässt sich die Mail zusammenfassen. Auf Nachfrage wiegelt Goldman ab, den Warnhinweis gebe es schon seit Jahren.
„Jeder in der Branche weiß, dass es Goldman in erster Linie darum geht, selbst Geld zu verdienen, und in zweiter und in dritter Linie auch, aber die Kunden scheinen damit leben zu können“, sagt ein Londoner Konkurrent. Einer dieser Kunden bestätigt das: „Wenn Sie eine wichtige Transaktion vorbereiten, wem würden Sie vertrauen? Einer Bank, die vom Staat gerettet werden musste, oder einer, die ihre Risiken so gut im Griff hat, dass sie Profit aus der Krise ziehen konnte?“
Die wendigen Goldmänner haben Probleme bewältigt, die andere nicht bewältigt haben. Sie verdienen Geld, das andere nicht verdienen. Ein Risiko jedoch haben sie offenbar falsch eingeschätzt: die Wucht der öffentlichen Meinung, den menschlichen Faktor.
Alles begann im Juli 2009. Der angesehene Wirtschaftsjournalist Matt Taibbi zeichnet in einem aufsehenerregenden Artikel das Bild einer Bank, die über Jahrzehnte am Aufblähen und Platzen von Kapitalmarktblasen verdient und ihre Vorteile aus ihrer beispiellosen Vernetzung in Politik und Wirtschaft zieht.
Die erste Reaktion der Bank fiel ironisch-selbstgewiss aus. „Demnächst heißt es noch, Goldman habe die Mondlandung gefälscht“, sagte ein Sprecher. Die Ironie wurde der Bank als weiterer Beleg für ihre Arroganz ausgelegt. Sie hat die öffentliche Erregung noch befeuert. Bankchef Blankfein hat versucht, die Meinungshoheit zurückzugewinnen, hat Interviews in Serie gegeben, in denen er den Wert seiner Bank für die Allgemeinheit sehr betont hat. „Gottes Werk“ hat nur das Gegenteil bewirkt.
Schöne Worte allein, das hat Blankfein verstanden, helfen nicht mehr. Goldman hat nun die Sperrfrist für Managerboni verlängert. Bisher durften sie Aktien des eigenen Unternehmens erst nach drei Jahren verkaufen, künftig sind es fünf. Das soll Spekulationsgeschäfte verhindern, die auf schnelles Geld abzielen, nicht auf langfristigen Erfolg. Das ist keine Revolution, aber doch ein Signal.
Zudem legte Blankfein ein Kreditpaket für Kleinunternehmer auf: 500 Millionen Dollar. Die Bank, soll das heißen, steht zu ihrer Verantwortung. Damit das auch jeder kapiert, hat Blankfein sich auch entschuldigt. „Wir haben an Dingen teilgenommen, die ganz klar falsch waren, und wir haben Grund, das zu bedauern.“ Demut ist eine Geste, die er bisher nicht im Repertoire hatte. Das heißt, dass sie nötig ist.
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