Boom in China
Fragwürdiges Wirtschaftswunder
Chinas Wirtschaft wächst überraschend stark. Doch die Zahlen trügen. Denn um die Konjunktur dauerhaft zu stützen, müssten die Chinesen mehr konsumieren.
Es ist wie verhext mit dem chinesischen Binnenmarkt. Wie sollen heimische Produkte den Weg zum Kunden finden, wenn die pragmatischen Chinesen den Gesetzen des Marktes einfach nicht gehorchen wollen? Da zieht sich nach Jahrzehnten wieder einmal eine Sonnenfinsternis quer durch das Land, und anstatt sich die dringend empfohlenen Schutzbrillen aus heimischer Produktion für gut einen Euro zuzulegen, schleppen die Chinesen zum Jahrhundertereignis viel lieber alles aus dem eigenen Haushalt an, was irgendwie dazu geeignet ist, der Sonne die Stirn zu bieten.
Auf einem Hügel am Caizi-See in der Provinz Anhui stehen Hunderte Einheimische und beobachten den Himmel, als der Mond damit beginnt, die Sonne zu verdecken. Ein Pärchen hält sich einen Motorradhelm über die Köpfe und blickt gemeinsam durch den schwarzen Sonnenschutz. Andere beobachten das Phänomen durch verdunkelte Glasplatten, halten sich Fotonegative vor die Augen oder das Röntgenbild einer überstandenen Knochenfraktur. Die wenigsten aber tragen eine eigens gefertigte "Sonnenfinsternis-Brille".
Chinas Industrie wird die Einnahmeverluste am Tag der Finsternis sicherlich verschmerzen können. Viel problematischer ist der Hintergrund des Einfallsreichtums in Sachen Sparsamkeit. Die meisten Chinesen drehen den Yuan mehrmals um, ehe sie ihn in Konsumgüter investieren. Die Sonnenfinsternis ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie schwierig es ist, den Konsum in China anzukurbeln.
Die Binnennachfrage macht in der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt gerade einmal 36 Prozent von Chinas Wirtschaftsleistung aus. In den USA sind es 70 Prozent. Chinesen legen ihr Geld lieber auf die hohe Kante - viel lieber noch als die Deutschen. Ende Mai betrug die Spareinlage des bevölkerungsreichsten Landes der Erde 25 Billionen oder auch 25.000 Milliarden Euro. Auf Sparkonten aber nutzt der Wirtschaft das Vermögen herzlich wenig. Um langfristig die Konjunktur auf Trab zu halten, muss es der Regierung gelingen, ihren Bürgern Teile dieser gewaltigen Summe aus der Tasche zu ziehen. Da sind sich die Analysten weitgehend einig.
Schleppboot der sinkenden Weltwirtschaft
Zwar trug die Binnennachfrage im zweiten Quartal in China immerhin 3,8 Prozentpunkte zur Wachstumsrate bei. Doch der Konsum wurde von der Regierung massiv gefördert. Käufer von Kleinwagen erhielten satte Steuervorteile und der Kauf von großen Haushaltsgeräten wie Kühlschränken, aber auch von Fernsehgeräten wurde vom Staat subventioniert. Ein Selbstläufer ist der Konsum deswegen noch lange nicht. Wichtig wäre es deshalb, das immer noch schwache Sozialsystem zu einem verlässlichen Rückhalt der Menschen auszubauen. Doch das kann noch Jahre dauern.
Folglich ist die zentrale Frage, wie nachhaltig das Wachstum der chinesischen Wirtschaft überhaupt sein kann, die sich seit vergangener Woche als Schleppboot der sinkenden Weltwirtschaft geriert.
7,9 Prozent Zuwachs bilanzierte das Nationale Statistikamt kürzlich. Das entspricht 14,9 Prozent im direkten Quartalsvergleich. Das 420-Milliarden-Euro-Konjunkturpaket zeigte Wirkung. Ein solches Plus hatte kein Experte erwartet. Öffentliche Investitionen in die landesweite Infrastruktur machten das Minus im Exportsektor wett.
"Je stärker die kurzfristige Erholung ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit eines zweiten Absturzes", warnt Jun Ma, Chef-Analyst der Deutschen Bank in Hongkong. Größte Gefahren seien hohe Inflationsraten und Spekulationsblasen an der Börse oder auf dem Immobilienmarkt. Denn noch immer fließen Rekordmengen an frischem Geld auf den Markt, weil die Regierung die Kreditvergabe fördert.
Abhängig von Nachfrage aus dem Westen
Allein im ersten Halbjahr verliehen Chinas Banken rund acht Billionen Euro. Das ist dreimal so viel wie im Vorjahreszeitraum, eine Summe, die ihresgleichen sucht. "Irgendwann muss China die Geldschraube festerziehen. Wir erwarten in den kommenden Wochen eine entsprechende Ankündigung der Regierung", sagt Analyst Ma.
Ob das Wachstum weiterhin derart kräftig sein wird, wenn China zwangsläufig weniger Geld in den Markt pumpt, hängt auch davon ab, ob sich der Exportsektor fangen kann. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Talsohle durchschritten ist. Doch China wird unmittelbar darunter leiden, wenn die Krise die Arbeitslosenzahlen in Europa oder den USA im kommenden Jahr möglicherweise weiter in die Höhe treibt. Denn viel zu abhängig ist der Exportsektor von der Nachfrage im Westen. Die sogenannte Werkbank der Welt rund um das Perlflussdelta in der südchinesischen Provinz Kanton werkelt deshalb mit aller Macht an einem Strukturwandel hin zum Binnenmarkt, wo ebenjener Kunde auf sie wartet, der durch Röntgenbilder die Sonnenfinsternis beobachtet.
Doch man gibt sich zuversichtlich im Reich der Mitte. Schon Premierminister Wen Jiabo hatte im Frühjahr davon gesprochen, dass es vor allem der Optimismus sei, mit dem man Krisen bekämpfen müsse. Manche Experten glauben deshalb, dass die 7,9 Prozent Wirtschaftswachstum eher das Ergebnis optimistischer Stimmungsmache sind, als Zahlen, die der Wirklichkeit entsprechen. Zumindest fragen sich Fachleute, weshalb die Industrie angezogen hat, der Energiesektor im zweiten Quartal jedoch hinterherhinkt. Er hätte ebenfalls zulegen müssen, glauben sie.
(SZ vom 29.07.2009/tob) www.sueddeutsche.de/wirtschaft/696/482160/text/
