Die meisten US-Housing-Kredite wurden vergeben, als die Hauspreise noch rasant stiegen. Das Haus bildet bei den Krediten die Sicherheit. Selbst bei einer 100 % Finanzierung durch die Bank ist - wenn jährlich 20 % Wertsteigerung anfallen - im Falle einer Insolvenz des Hauskäufers gewährleistet, dass die Bank ihren Einsatz samt Abwicklungskosten für die Zwangsvollstreckung zurückbekommt.
Gemäß dieser Kriterien waren in USA selbst mittellose mexikanische Einwanderer (Ninjas = no income, no job, no assets, no savings) "kreditwürdig". Das galt auch statistisch: Wenn man die Kredite von 1000 Ninjas zu einem Paket bündelt, bleibt dieses "CDO-Bündel" in der Ära steigender Hauspreise noch eine Weile sicher, weil ja auch die Sicherheiten weiter (mit-)steigen. Daher war damals sogar AAA-Rating für diese Pakete möglich. Zwingende Voraussetzung ist dabei freilich der "weiter steigende Hauspreis-Chart", der wiederum dem Kreditboom und Greenspans Tiefzinspolitik zu "verdanken" (besser: geschuldet) war.
Im August 2005 toppten in USA die Hauspreise aus. Jeder parabolisch steigende "Kirchturm-Chart" kommt irgendwann in einen "Sättigungsbereich", bei dem die horrenden Preise (1 Mio. Dollar für bessere Hundehütten) bei aller Gier der Beteiligten ein abschreckendes Übermaß erreicht haben. Wird der Hauspreis-Charts nun aber rückläufig, ist das obige Dynamik-Kriterium "ewig steigender Preise", das ja die falsche Sicherheit vorgaukelt, verletzt.
Eigentlich hätte der Markt sofort schlagartig in sich zusammenfallen müssen wie ein Kartenhaus. Im Kreditmarkt und insbesondere dem trägen Hausmarkt (der weit weniger Vola aufweist als z. B. der Aktienmarkt) gibt es aber eine gewisse "Massenträgheit". Selbst wenn die Grundvorausetzung der Ninja-Deals (weiter steigende Hauspreise) weggefallen ist, sorgt diese Massenträgheit und die "eingefahrenen Vertriebswege" (USA produziert massenhaft CDOs, deutsche Landesbanken kaufen sie auf, da immer noch AAA) dafür, dass die Chose noch eine Weile weiterläuft. Wie bei den Übertreibungsphasen der Börse wurden in dieser Phase sogar mit die meisten neuen Ninja-Hausverkäufe abgeschlossen. Easy Credit war weltweit verfügbar, Investoren lechzten bei den nun schon langsam wieder fallenden Zinsen nach Rendite, das System war "eingefahren" und lief "wie geschmiert". Landesbanken schwwammen im Geld deutscher Sparer, für das sie mangels Geschäftstüchtigkeit keiner lukrativeren Anlagen fanden als amerikanische CDOs.
Die Risse kamen erst eine Weile später auf , als die Ninjas nach den anfänglichen günstigen Teaser-Rates ihre Zinszahlungen nicht mehr leisten können. Die nicht kostendeckenden Teaser-Rates waren ein Teil des abgekarteten Spiels. Sie sorgten dafür, dass sich das System eine Weile am Top halten konnte, ohne gleich wieder den Rückwärtsgang einzulegen. Mit den günstigen Teaser-Rates wurde daher gezielt "Zeit geschunden" - und die Housing-Bombe sozusagen mit einem Zeitzünder versehen. Dabei war den Machern von Anfang an klar, dass die Ninjas, wenn die Schonfristen abgelaufen sind, reihenweise bankrott gehen würden.
In der Folge häuften sich ab Ende 2006 die Zwangsversteigerungen, die jeweils zu Hausverkäufen führen. Das Überangebot an Häusern führte nach dem Austoppen des "Preis-Charts" nun zu einem immer stärkeren Hauspreisverfall - womit zugleich die Sicherheiten wegbröckelten. Auch immer mehr Immofirmen, Makler und Banken gingen Anfang 2007 (als dieser Thread eröffnet wurde) pleite. Gewinnt ein solcher Preisverfall erstmal an Dynamik, ist "Land unter", weil immer mehr Ninjas Schulden haben, die nicht mehr durch den verbliebenen Hauswert gedeckt sind (negative equity).
Die Kreditvermittler, Makler, Hypo-Banken, Großbanken, Pakete-Schnürer bei GS usw. ahnten dies natürlich schon im Voraus. Sonst hätten sie die Pakete ja gar nicht erst an - meist ausländische - "Investoren" weiterverkauft. Der Trick war, die Hauspreis-"Dynamik" als falsche Sicherheit zu missbrauchen.
Solche Kreditvergabe ist mMn verbrecherisch. Die kommende Zahlungsunfähigkeit war von Vornherein klar. Durch Mittelsmänner, Zwischen-Hierarchien und abstrakte Konstrukte wie CDOs wurden diese Risiken bewusst verschleiert, um damit die Käufer der CDOs zu täuschen. Die Krone setzten die Rating-Agenturen auf, die den Schrott mit verlogenen AAA-Ratings adelten. Wie dies bei der IKB und den dt. Landesbanken usw. endet, wissen wir. Sie waren die Letzten in diesem Schneeball-System - und die beißen bekanntlich die Hunde. Ähnlich war es bei Madoff, und ähnlich könnte es irgendwann für die Käufer von US-Staatsanleihen enden.
Kosto, in Deinem Beispiel des Autozulieferer-Angestellten läge der Fall völlig anders, wenn dieser z. B. von dem Kredit seine "Traumreise" nach Mallorca für sich, seine Familie und die Oma finanzieren will. Dann gibt es keine Sicherheiten, nach der Reise ist das Geld weg, und die Banken wären dann auch sehr vorsichtig. Ein "Mittelding" wäre, wenn er ein neues Auto kaufen würde. Dann würde die Bank Vollkasko-Versicherung. verlangen und darauf bestehen, dass der KFZ-Brief bei ihr verpfändet als Sicherheit hinterlegt wird. Außerdem müsste der Kauf mit mindestens 10 % Eigenkapital des Arbeiters finanziert sein (es sei denn, eine Autobank macht die 100 % Finanzierung - die jedoch immer riskant ist, sonst würden nicht mittlerweile auch Autobanken beim Soffin vorsprechen...).
Ein Auto hat im Gegensatz zu einer (Blasen-)Immobilie aber keine Wertsteigerungen, sondern wohldefinierte Wertverluste. Der Abtrag des Kredits müsste diesen Wertverlust abfangen. Die 10 % "EK" sind der Puffer im Fall eines Zwangsverkaufs, um die Bank schadlos zu halten. Ein Einkommen, das den Abtrag sicherstellt, müsste vorhanden sein. Ninjas könnten so ein Auto daher nicht kaufen (zumindest in D.).
Grundsätzlich sind Schulden aber nicht schlecht, sondern für die Banken ein tatsächlicher "Wert". In einer stabilen Wirtschaft ohne obige Dynamik-Exzesse sind Schulden, solange sie in vernünftigem Verhältnis zum Einkommen stehen, hilfreich, da sie die Wirtschaft effektiver machen. Auch die Börse ist ja ein Verschuldungssystem, bei dem die Öffentlichkeit Gelegenheit erhält, sich an Firmen zu beteiligen - um auf diese Weise Kapital zu schöpfen, das (im Idealfall) Wachstum fördert.
Lässt man das kapitalistische System jedoch unbeaufsichtigt wuchern - auf die regulierenden "Selbstheilungskräfte" des freien Marktes vertrauend - , gibt es immer wieder Exzesse, da skrupellose Macher gezielt Missbrauch treiben. Nach dieser schweren Pleite-Ära wird der Staat wieder mehr Gewicht gewinnen und "dämpfende" Regeln erlassen. Die sind aber nicht bevormundend oder unternehmensfeindlich, sondern schützen den Kapitalismus letztlich vor sich selbst. Man könnte auch sagen: vor seiner eigenen - system-zersetzenden - Gier.