Der neue Buffett greift ins fallende Messer
Milliardär Eddie Lampert wettet auf den kaputten US-Immobiliensektor. Clevere Aktion oder Verzweiflungstat eines vermeintlichen Superinvestors?
von Martin Blümel (Euro am Sonntag)
Er ist für viele der neue Warren Buffett: Edward Lampert, genannt Ed, Eddie oder Fast Eddie. Der Hedgefondsmanager sorgt seit Jahren für spektakuläre Deals und Gewinne. Wie Buffett macht er sich als Aufkäufer langweiliger, in ihrer Substanz aber potenziell wertvoller und unterbewerteter Unternehmen einen Namen. 2005 etwa fusionierte er mit seinem Hedgefonds, der ESL Investments, US-Einzelhändler Sears Roebuck und Kmart und machte sich selbst zum Vorstandschef.
Jedoch: Lamperts Ansehen sank im vergangenen Jahr gewaltig. Sein neu geschaffenes Konglomerat Sears Holding ist inzwischen zwei Drittel weniger wert als noch Anfang 2007. Das Geschäft läuft schlecht, von erhofften Fusionssynergien ist nichts zu spüren. Und jetzt scheint er nach Meinung vieler ins fallende Messer zugreifen: Lampert setzt auf eine Erholung des mehr als nur angeschlagenen amerikanischen Immobiliensektors. Er kauft sich bei Wohnungsbaugesellschaften ein sowie bei Hypothekenbanken und bei einer Heimwerkerkette. Centex Home, KB Home, CIT Group und PHH Corp lauten die hierzulande wenig vertrauten Namen. Dazu kommt das bekanntere Unternehmen Home Depot, die USVariante von Obi und Praktiker.
Der vermeintliche Buffett-Nachfolger wird für diese Investments belächelt: "Irgendwie glaube ich nicht, das Buffett auch nur eines dieser Unternehmen kaufen würde", stichelt etwa Barry Ritholtz, Amerikas beliebtester Finanzblogger und Analyst beim Research-Haus Fusion IQ. In Internetforen wird Lampert sogar als Clown verspottet und sein Hedgefonds ESL als potenzieller Pleitekandidat bezeichnet.
Aber was, wenn Fast Eddie allen eine lange Nase zeigt? Sieht man einmal vom Sears-Debakel ab, kann er eine makellose Bilanz vorweisen: 1988 gründete er als gerade einmal 26-Jähriger seinen Hedgefonds ESL, der außer im Verlustjahr 2007 (minus 27 Prozent) im Schnitt 30 Prozent Gewinn pro Jahr brachte. Gelernt hat er sein Handwerk bei Goldman Sachs, im Bereich Risiko-Arbitrage, damals die Kaderschmiede für Hedgefondsmanager schlechthin. Lampert wurde damit Multimlflardär. Was er auch gerne zeigt: In Greenwich, rund 45 Kilometer von Manhattan entfernt, ist Fast Eddie zu Hause, in einer Villa auf einem 23 500 Quadratmeter großen Grundstück, das er sich 21 Millionen Dollar kosten ließ.
Lamperts neue Wetten hängen letztlich davon ab, wie weit und wie lange der Verfall der Immobilienpreise in den USA noch anhält. Ein stark beachteter Indikator hierfür ist der Case-Shiller-Index der Bewertungsagentur Standard & Poor's. Der sieht verheerend aus: 14 Prozent verlor der Index im ersten Quartal des Jahres gegenüber den ersten drei Monaten 2007 - der schlimmste Sturz in der 20-jährigen Geschichte des Index (siehe Grafik). "Der Preisverfall gerade bei Wohnimmobilien geht weiter", kommentiert IndexChef David Blitz. 'Es gibt kaum einen Silberstreifen am Horizont."
Aber wo ist dann der Boden? Geht man nach den Futures-Kontrakten, die an den Case-Shiller-Index gebunden sind und die Markterwartungen widerspiegeln, dann wird es weitere 20 Prozent nach unten gehen. Das Problem an der Krise ist der immer größer werdende Bestand an leeren und nicht verkauften Häusern und Wohnungen. Das Wirtschaftsmagazin “The Economist" spricht von einem "Überschuss" von 1,1 Millionen Häusern "on sale". Was vermutlich noch vorsichtig geschätzt ist (siehe Grafik). Die Bautätigkeit ist zwar drastisch zurückgegangen, allerdings steigt die Zahl der zwangsvollstreckten Häuser immer weiter an, woran unter anderem die steigenden Hypothekenzinsen Schuld haben. Das spezielle Problem an den Pleitehäusern: Die wechseln in der Regel nur mit einem kräftigen Discount von mindestens 20 Prozent auf den ohnehin mauen Verkehrswert den Besitzer. Wer will in so einem Umfeld bauen, kaufen, handeln, verkaufen? Der US-Immobilienmarkt ist mehr tot als lebendig.
Ein prominentes Beispiel liefert Lamperts Nachbar in Greenwich: ExCitigroup-Chef Charles Prince - bekanntlich gefeuert wegen der Immobilienkrise - versucht seit sechs Monaten sein Haus (Tudorstil) an den Mann zu bringen. Bisher vergeblich, obwohl Prince preislich bereits ein erstes Zugeständnis gemacht hat. Inzwischen will er nur noch 5,85 Millionen Dollar statt der anfänglich geforderten 6,15 Millionen.
Die Schwierigkeiten dürften Lampert nicht entgangen sein. Kritiker monieren, er sei mit seinen Investments zu früh dran. Aber vielleicht ist er einfach cleverer als die anderen? Lamperts Hedgefonds ist fast zwölf Milliarden Dollar schwer. Die Neuinvestments im Immobilienbereich machen davon gerade einmal sieben Prozent aus. "Der geht langsam, Schritt für Schritt rein", mutmaßt Gary McWilliams vom "Wall Street Journal". Lampert hätte sich jetzt erst einmal positioniert, sorgt für Presse und findet eventuell Nachahmer. Und wenn die Kurse trotzdem noch einmal fallen sollten, dann kauft Lampert nach und profitiert vom Durchschnittskosteneffekt.
Wenn dem so ist - dann müsste er jetzt kaufen. Seit seinem Einstieg bei Home Depot und Co sind nämlich die Kurse aller Neu-Investments rund 20 Prozent gefallen. Und von Bodenbildung keine Spur. Allenfalls beim US-Obi Home Depot ließe sich so etwas erkennen - allerdings nur mit viel gutem Willen.
Als ob Lampert nicht genügend Baustellen hätte. Sears etwa. 122 Jahre alt ist die Firma, einst war sie die größte US-Warenhauskette. Doch das ist lang her, der Umsatz schrumpft, die Marke ist beschädigt. Sears hat abgewirtschaftet, gilt als Ramschladen. "Mein Ziel ist es, Sears zu einer großartigen Firma zu machen", sagt Lampert. Er wolle nur die wertvollen Immobilien, mutmaßen andere. Das wäre beinahe kurios angesichts der Immo-Krise.
Lampert will nun aber klar Schiff machen, die Firma vermutlich in fünf unabhängige Einheiten aufspalten. Dazu gibt es eine Imagekampagne. "Reimagine you", heißt das Leitmotiv, was so viel heißt wie "erfinde dich neu". Das könnte genauso gut für Fast Eddie gelten. Vielleicht macht er zu viel? Chef eines Hedgefonds und Chef eines Riesenunternehmens zur selben Zeit. Das schafft wohl nur der alte und echte Buffett. Und so lässt die US-Presse Lampert, den sie in den vergangenen Jahren zum Helden und neuen Buffett erkor, jetzt fallen: Für das Web-Börsenportal MarketWatch ist Lampert schlicht "Worst CEO of 2007" und bei Motley Fool heißt es ,,Eddie Lampert lost his touch". Eine Kehrtwende um 180 Grad. Mitte 2007 war er für ,,TheStreet.com" noch der "Superinvestor", für Time Magazine" der "Go To Money Manager" und besagte Webseite Motley Fool adelte Sears vor eineinhalb Jahren zur besten Einzelhandelsaktie 2007.

Die weltgrößte Bank Citigroup warnt, dass im laufenden Quartal hohe Abschreibungen auf das Subprime-Portfolio anstehen. Die Belastungen im Kreditbereich könnten sogar noch größer sein als im Vorquartal.









