Man darf vor dem Hintergrund dieser Fragestellung nie die Grundtendenzen in dieser Stadt außer Betracht lassen: SH hat nichts mit Politik, Religion, Kunst oder Sport am Hut, SH ist einfach nur Wirtschaft („bussines“) „pur“.
Und die wirtschaftliche Dynamik, die man dort überall zu sehen bekommt, sucht ihresgleichen in der Welt.
Man vergleiche diese Entwicklung SH’s etwa mit der (sehr dürftigen) Entwicklung Berlins seit der Wende bis heute.
Und die Ziele dieser Stadt sind weiterhin ehrgeizig. Zu den Zielsetzungen SH’s gehört etwa dass bis 2020 das Wachstum nie unter 9% p .a. liegen darf. Das hat nichts damit zu tun, dass man etwaig soziale Unruhen (etwa bei den Wanderarbeitern) im Zaume halten möchte. Das ist das E i g e n v e r s t ä n d n i s dieser Stadt.
Entsprechend ehrgeizig sind auch die Umwelt - Ziele dieser Stadt bis 2020.
Als jd. der nun das 4. Jahr in Folge SH besucht (und sich derzeit auch dort aufhält), vermag ich mir ein gewisses(!) Bild von den Auswirkungen der Finanzkrise auf SH zu machen.
1. SH’s Finanzsektor hatte keine großen Verluste im Zusammenhang mit der Finanzkrise zu verzeichnen. Und um SH weiterhin auf dem Weg zum Finanzplatz Nr. 1 der Welt voran zu bringen, hatte man die Gunst der Stunde genutzt, um entlassene, hoch qualifizierte Fachleute aus dem amerikanischen und britischen Finanzsektor anzuheuern. SH hatte für diese Zwecke eigens eine Delegation nach London und New York gesandt. Sie soll nach SH zurück gekommen sein mit biographischen Akten zu zahlreichen Bewerbern – mehr als150 kg schwer!
2. Es ist aber bekannt, dass viele Shanghainesen sich eine „goldene Nase“ am Amerikageschäft verdient hatten. Jetzt wo die Geschäfte mit den USA schleppen, müssen auch hier kleinere Brötchen gebacken werden.
Die Auswirkungen – so meine Vernutung - müssten daher insbesondere im Segment der Luxusgüter zu finden sein. Das ist das Segment, in dem die Reichen in SH liebend gerne ihr Geld zurücklassen.
Huai Huai Lu:
(auch die „Champs Elysee“ von SH genannt, da in der ehemaligen französischen Konzession belegen).
Hier findet man allenfalls eine handvoll von Läden die dicht gemacht haben. Ob das aber mit der Finanzkrise / Kaufzurückhaltung der Reichen etwas zu tun hat??
Es könnte sich auch - vergleichbar wie in der Nanjing Rd (Ost) - verhalten (vgl. nachfolgend), dass nämlich im Hinblick auf die anstehende EXPO 2010 die Stadt - die Eigentümerin vieler Gewerbeimmobilien SH ist - die Mietverträge mit einigen Einzelgeschäften aufgekündigt hat, weil sie dem Anspruch auf Exklusivität in dieser Straße nicht mehr genügen.
Einen Hinweis auf letztere Sichtweise könnten die bereits aushängenden Vorankündigungen der demnächst einziehenden Nachfolger sein: alles Uhrengeschäfte aus dem obersten Preissegment (IWC, Jager Le Coultre, Mont Blanc, ……).
In einer der „Edelboutiquen“ hatte ich mir 2 Hemden maßschneidern lassen. Man bestätigt schon, dass 2008 /2009 nicht mehr so gut ist wie die Jahre zuvor laufen. Aber ans aufgeben denkt niemand.
Westliche Nanjing Rd. (Nanjing Xi Lu):
(eine sehr noble „Shopping – Meile“ mit Geschäften die Rang und Namen in dieser Welt haben – Lagerfeld, Gucci, Paul Shark, …..).
Ich denke 98 % aller Chinesen dürfte das Angebot hier absolut unerschwinglich sein.
Noch ziemlich am Anfang der Straße trifft man auf Gucci. Das Ladengeschäft ist mit Papier verhangen und geschlossen. Finanzkrise? - Aber nein doch. Geht man näher an das Geschäft heran, sieht man eine kleine „Removal Notice“. Und in der Tat - nur einige 100 m. weiter findet man Gucci wiedererstanden, nur größer noch (auf 4 Etagen statt bislang nur 1) und nachts glitzert alles in Gold.
Und dann das Plazza 66: auf über 8 (?) Etagen Luxusgeschäft an Luxusgeschäft gereiht. Im Vergleich zu den sonst sehr gut frequentierten Kaufhäusern in SH, findet sich hier jedoch nur wenig Kundschaft. Finanzkrise? Kein Geschäft ist geschlossen oder hat eine Schließung angekündigt. Man lebt hier offenbar von nur wenigen Umsatzakten.
In einem Geschäft waren 2 Vasen à (umgerechnet) 40.000 € bereits an den Mann gebracht (nicht mehr käuflich).
In einem anderen Geschäft war es ein ca. 1 m langes Boot aus Porzellan mit einer feiernden chinesischen Gesellschaft an Bord (ebenfalls aus Porzellan). Preis: ca. 200.000 €.
Östliche Nanjing Rd. (Nanjing Lu):
(Fußgängerzone mit vielen Restaurants, Cafes, Geschäften, Kaufhäusern – die(!) Einkaufsmeile für Touristen (auch aus China) schlechthin.)
Nachts fällt die sehr üppige Reklamebeleuchtung in dieser Straße auf. Nur ein Hochhaus (wohl über 200m) steht jedoch total im Dunkeln. Hat hier evtl. die Finanzkrise dem „Turm“ den Garaus gemacht?
Aber nein doch – wie konnte ich nur so was vermuten! Die Nachbeleuchtung ist seit ca. 1 Jahr abgeschaltet. Es handelt sich um eine Solidar - Aktion der angeschlossenen Unternehmen. Die eingesparten Stromkosten lässt man den Erdbebenopfern des letzten Jahres zugute kommen.
Yi Wu
Eine Stadt, ca. 500 km außerhalb SH gelegen und mit einem riesigen Einkaufszentrum für Wiederverkäufer. Gehandelt wird mit Kosmetikartikeln, Elektronik, Spielsachen, Dekorationsgegenständen, bis hin zu Schmuck und Kleidung.
Ich habe die in diesem Zentrum angesiedelten Geschäfte nicht gezählt. 20.000 Geschäfte? 30.000 Geschäfte? - dicht an dicht.
Ich denke, dass ein großer Teil des Amerikageschäfts Chinas hier abgewickelt wird. Finanzkrise? - Nicht ein einziges geschlossenes Geschäft war mir bei meinem Besuch begegnet.
Sonst
Die Restaurants sind voll (und laut) wie eh und je. Selbiges gilt für die Kaufhäuser.
Einige Straßen kenn ich sehr genau. Finanzkrise? - Keine Spur davon. Keine Fluktuation in den angesiedelten Geschäften. Exakt die gleichen Geschäfte wie in den Vorjahren.
III. Keine Zeit für Finanzkrisen?
Die Stadt will zuviel. Da bleibt keine Zeit sich mit der Finanzkrise zu befassen.
Pudong:
das Finanzzentrum der Stadt. Man könnte meinen, dass mit der Fertigstellung des Shanghai World Financial Centers (SWFC) in 2009 (s. o. mit 492m das derzeit höchstes Gebäude der Stadt), die Entwicklung von Pudong nun einen krönenden Abschluss gefunden hat.
Aber man will die künftige Nr.1 unter den Finanzzentren der Welt werden! Also wird weiter gebaut. Gleich daneben befinden sich schon neue „Skyscrappers“ im Bau.
Der gesamte Verkehrsfluss auf Pudong war noch nie so zähflüssig wie in diesen Tagen.
EXPO 2010
Auch da wird geklotzt und nicht gekleckert.
Der Bund: das ist die weltbekannte Uferpromenade am Huangpu – Fluss. Die(!) Flaniermeile - für jeden Touristen ein Muss. Bei meinem diesjährigen Besuch jedoch gänzlich geschlossen. Wird vermutlich gänzlich neu gestaltet. Bei einer Vorbeifahrt mit dem Taxi war erkennbar, dass da kein Stein mehr auf dem anderen bleibt.
Nanjing Lu (s. o.): insbesondere im Eingangsbereich gibt es kein Gebäude, das nicht mit Gerüsten und Planen verdeckt ist. Der Baulärm der Presslufthämmer ist sogar mitternachts zu hören.
Die Nanjning Lu drohte jedoch in den letzten Jahren zu einer Billigmeile herunter zu kommen. Bereits Ende 2007 hatte die Stadt, die Eigentümerin der Gebäude dieser Straße ist, die Mietverträge mit vielen Einzelhändlern gekündigt um hier höherwertige Geschäfte anzusiedeln.
Viele Grüße und bis demnächst
Keno