DJ: MARKTUMFRAGE/Die Uhr für den DAX läuft ab
FRANKFURT (Dow Jones)--Zu keiner einheitlichen Meinung über die kurzfristige
Zukunft von DAX & Co können sich Charttechniker durchringen. Damit spiegeln sch
die am Markt verbreitete Skepsis auch hier. Immerhin sehen zwei der drei von
Dow Jones Newswires befragten Analysten eher Abwärtsrisiken für die Märkte.
Einig sind sich jedoch alle Techniker darüber, dass der Markt an einem
Scheideweg steht. Das Seitwärtsgezuckel im DAX dürfte nun vor seinem Ende
stehen.
So sieht Christoph Schmidt von der NMF AG den Markt vor einer sehr kritischen
Phase. Aus der Zyklentechnik lasse sich auf einen potenziellen Wendepunkt nach
unten schließen. Sollte der DAX unter den Bereich von 6.250 fallen, sei eine
ausgedehntere Korrekturphase bis 6.100 oder 5.900 Punkte erwarten. Nur wenn der
DAX den Sprung über 6.400 schaffe, werde sich das Negativszenario nach oben
auflösen. Kursziele sieht er dort bei 6.550, maximal 6.600, dann habe sich der
Markt allerdings endgültig erschöpft.
Das übergeordnete Bild zeigen den DAX weiter in einer Distributionsphase,
also oberen Topbildung. Aktiv geworden sei sie zum Ende April hin und könne ab
da mehrere Monate bis zu einem halben Jahr andauern. Die wiederholten
Kurzfristtrends und Swings im DAX seien ein typisches Bestandteil dieser Phase.
Erkennbar sei diese Marktumgebung auch an der Reaktion auf die Berichtssaison.
"Auf gute Zahlen hat es kaum noch Reaktionen nach oben gegeben", sagt Schmidt.
Das Potenzial aus dem Markt sei raus. Da der Markt der Konjunktur mindestens
sechs Monate voraus laufe, sollten sich Investoren von kurz anziehenden Kursen
nicht verunsichern lassen. "Gute Marktphasen sollte man eher für
Gewinnmitnahmen nutzen", rät der Analyst.
Auch den US-Markt sieht Schmidt nur noch kurzfristig seitwärts gehen. Das
obere Restpotenzial für den S&P500 liege bei 1.130 bis 1.140 Punkten.
Unterstützung gebe noch die 1.100er-Marke, die der Bedeutung der 6.250 im DAX
entspreche. Danach sei ein Rückzug auf 1.040 möglich.
Auch Klaus Deppermann von der BHF-Bank sieht den DAX vor einer sehr
kurzfristigen Entscheidung stehen. Zwar sei der Markt zunächst nach oben
ausgebrochen, laufe seitdem aber nun schon eine Woche nur seitwärts. Damit
müsse der Markt, wenn er denn nach oben wollte, den Ausbruch schnell durch
Anschlussgewinne validieren. Ansonsten handele es sich um einen gefährlichen
Fehlausbruch. "Der DAX müsste noch diese Woche über die letzten Hochs
springen", sagt Deppermann. Für den DAX hieße die Herausforderung also, die
6400er-Marke auf Schlusskursbasis zu überspringen.
Auch in den USA hält Deppermann das Thema der Kopf-Schulter-Formationen in
den Hauptindizes für noch nicht abgeschlossen. Im Dow Jones Industrial Index
und im S&P-500 seien diese oberen Trendumkehr-Formationen weiter intakt. Einen
Fall des S&P-500 durch die Marke von 10.500 würde der Analyst als ersten
Trigger für die Auslösung dieser negativen Formation betrachten. Der zweite
wäre ein Fall durch die Juli-Tiefs bei 10.350. Besonders wahrscheinlich werde
dieses Szenario durch den jüngsten Anstieg des Dow-Index in Form eines
"Aufsteigenden Keils". Diese Formationen würden zumeist nach unten aufgelöst.
Umgekehrt warnt Deppermann die deutschen Anleger. Wer seinen Optimismus für
den DAX aus dem Ausbruch aus der aktuellen Formationen eines "Aufsteigenden
Dreiecks" beziehe, könne sich vielleicht täuschen. Ein Studium von 50 Jahren
DAX-Geschichte zeige, dass die Ausbrüche oft nur kurz seien und dann nach unten
drehten. "Die Wahrscheinlichkeit für einen Fehlausbruch ist gerade bei dieser
Formation besonders groß", warnt der Analyst.
Licht im Tunnel sieht nur Thomas Nagel von equinet. Er sieht den Markt als
einen reinen Trading-Markt, da aktuell niemand wirklich investiert sei. Zudem
seien zu viele Short-Spieler im Markt, was nach dem Contrary-Opionion-Ansatz
ein guter Indikator sei. "Wenn der Markt wirklich ein Double-Dip-Szenario
spielen wollte, dann hätte er es bei sechs Monaten Vorlauf längst eingepreist",
sagt der Analyst.
Den entscheidenden Widerstandsbereich für den DAX sieht er zwischen 6.300 bis
6.410 Punkten. Sollte dieser Bereich genommen werden, habe das deutsche
Börsenbarometer bis rund 7.075 Zähler keine nennenswerten Widerstände mehr.
Besonders positive Indikationen dafür leitet Nagel aus dem DAX auf
US-Dollar-Basis ab. Er spiegelt die Performance eines Anlegers aus dem
Dollar-Raum. Hier seit der Abwärtstrend seit November 2.009 im zweiten Anlauf
klar nach oben durchbrochen worden. Für US-Investoren gebe es mithin keinen
Grund, deutsche Aktien abzuverkaufen, da ihre Performance zunehmen.
Auch die Relative Stärke vom DAX zum S&P-500 sehe gut aus. Sie habe diverse
Zwischenhochs überwunden und stehe nun unweit ihres Hochs aus dem Jahre 2000.
Für den DAX könne dies eine Outperformance von rund 4% bis 5% gegenüber dem
US-Leitindex bedeuten. Gut sehe zudem die Relative Stärke der asiatischen
Börsen aus. Hier gefallen ihm besonders der Sensex und der marktbreite
chinesische CSI-300-Index.
DJG/mod/gei
(END) Dow Jones Newswires
August 09, 2010 09:54 ET (13:54 GMT)
Dow Jones & Company, Inc.2010
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