Anhörung zu Ratings Moody's-Analysten am Pranger
[19:16, 02.06.10]
Die Ratingagenturen stehen wegen ihrer Rolle während der Krise in der Kritik. Sie sollen komplexe Hypothekenprodukte zu gut bewertet haben. Ein Ex-Mitarbeiter schildert, wie kritische Analysten systematisch kleingemacht wurden.
Ein ehemaliger Moody's-Analyst hat die Ratingagentur schwer belastet. Mark Froeba, der bis 2007 als Senior Vice President im Derivateteam von Moody's arbeitete, beschrieb vor der Financial Crisis Inquiry Commission am Mittwoch, wie Mitarbeiter des Unternehmens von ihren Vorgesetzten zu guten Bewertungen gedrängt wurden. Die Kommission wird von Kaliforniens ehemaligem Finanzminister Phil Angelides geleitet. Der amerikanische Kongress beauftragte sie mit der Aufarbeitung der Kreditkrise.
Froeba schildert eine Kultur der Angst, in der Moody's das Erobern von Marktanteilen über sorgfältige Analysen stellte. Das Management habe beispielsweise den Investmentbankern dabei geholfen, sich gegenüber Analysten durchzusetzen: "Moody's-Analysten wurden dazu umerzogen, dass sie mit den Bankern kooperieren sollten. (...) Die Vorstände ermutigten die Investmentbanker, sich gegen Analysten zu wehren. Ihnen wurde signalisiert, dass das Moody's-Management ihnen notfalls gegen die eigenen Mitarbeiter Rückendeckung geben würde", sagte Froeba, der heute bei PF2 Securities Evaluation arbeitet. Das ist ein Beratungshaus für komplexe Hypothekenprodukte.
Froebas Kritik fügt sich in eine Reihe kritischer Aussagen ehemaliger Moody's-Mitarbeiter. Ratingagenturen wie Moody's, Standard & Poor's und Fitch stehen wegen allzu optimistischer Bewertungen von Hypothekenpapieren stark in der Kritik. Sowohl in den USA als auch in Europa wird an härteren Vorschriften gearbeitet. Unter anderem ist vorgesehen, die Agenturen stärker zu beaufsichtigen. Außerdem soll der Wettbewerb angefacht werden.
Nicht angetastet wird dagegen das Geschäftsmodell, das von vielen Experten ebenfalls kritisch gesehen wird: Emittenten - im Fall von strukturierten Produkten insbesondere Investmentbanken - bezahlen für ihre Ratings. Das stelle einen Interessenskonflikt dar und sorge für zu optimistische Bewertungen, lautet das Argument der Kritiker. Froebas Aussagen stützen diese Warnung.
Unter der Leitung von Managing Director Brian Clarkson sei Moody's stark gewachsen. Kritik im Hause sei unterdrückt, zahme Analysten seien gefördert worden, erinnert sich Froeba. Beispielsweise seien viele College-Absolventen eingestellt worden, die keine Aufenthaltsbewilligung gehabt hätten. Jedes Mal, wenn eine Transaktion nicht von Moody's begleitet wurde, habe das Management eine detaillierte Erklärung gefordert.
Zudem seien Mitarbeiter mit mangelnder Qualifikation protegiert worden. Froeba nennt die Personalie Yuri Yoshizawa. Hätten zuvor die meisten Derivateanalysten ein Abschluss in Mathematik oder Statistik gehabt, so habe die auf die Position eines Managing Director beförderte Yoshizawa "nur" einen Bachelor in internationale Beziehungen gehabt: "Es kann nicht sein, dass Yuri mit ihrem begrenzten akademischen Hintergrund auf Augenhöhe mit den Bankern sprechen sollte", erinnert sich Froeba.
Moody's weist die harsche Kritik zurück, räumt aber Fehler ein. Moody's-Vorstandschef Raymond McDaniel bezeichnete die Bewertung von komplexen Hypothekenprodukten als "enttäuschend". "Wir sind sicherlich nicht mit unserer Leistung hinsichtlich dieser Wertpapiere zufrieden", sagte McDaniel, der ebenfalls vor der Financial Crisis Inquiry Commission aussagte.
Konkret bezog sich McDaniel auf Collateralized Debt Obligations (CDOs) und hypothekenbesicherte Anleihen (Residential Mortgage Backed Securities, RMBS). Bei CDOs handelt es sich um Kreditportfolien, die in unterschiedlich riskante Tranchen aufgeteilt und an Investoren verkauft wurden. Moody's hatte hier Spitzennoten vergeben. Am Ende hatten Investoren wie die Deutsche Industriebank IKB gewaltige Verluste erlitten, als sich die Papiere als nahezu wertlos erwiesen.
"Ab 2003 hatten wir beobachtet, dass die Standards bei der Hypothekenvergabe sich kontinuierlich verschlechterten. Zudem fielen uns die rasant steigenden Hauspreise auf. Darauf wiesen wir in unseren Berichten auch hin", sagte McDaniel. "Allerdings unterschätzten wir, wie die meisten anderen Beobachter und Aufseher auch, die Schwere und das Tempo des Einbruchs auf dem Häusermarkt. Das gilt auch für die Geschwindigkeit, mit der die Kreditvergabe zurückging und die Situation verschlimmerte."
McDaniel begrüßt Reformen, hält aber den Vorschlag, dass künftig die Käufer, nicht aber die Emittenten für die Ratings bezahlen, für untauglich. "Investoren können genauso ein Interesse daran haben, ein Rating zu ihren Gunsten zu beeinflussen." Leerverkäufer, die auf fallende Kurse wetten, hätten beispielsweise ein Interesse an negativen Einschätzungen. Außerdem seien viele Investoren auch Emittenten von Wertpapieren. Das sei bei Banken, Versicherungen und auch Regierungen der Fall. "Viele Parteien könnten versucht sein, Ratings zu beeinflussen. Das wäre dann nicht im Sinne der Ratingagentur", sagte McDaniel.
Die Financial Crisis Inquiry Commission hat auch Starinvestor Warren Buffett geladen, der Aktien an Moody's hält. Buffett musste laut einem Sprecher der Kommission mit juristischen Mitteln zur Aussage gezwungen werden. Er weigerte sich, seine Kommentare vorab schriftlich einzureichen. Während der Anhörung sagte er: "Das Geschäftsmodell von Moody's ist nicht länger absolut kugelsicher. Aber es ist immer noch ein gutes Unternehmen." In den vergangenen zwölf Monaten verlor die Moody's-Aktie 31 Prozent.
quelle: www.boerse-online.de/abo/...s-Analysten-am-Pranger/612338.html