Terroristen unterstützen oder Drogen kaufen oder das Zeug vielleicht doch nur horten? Mit den privat herausgegebenen Bitcoins hat der Traum von der zentralbankfreien Währung neuen Auftrieb bekommen. Ein Essay von Axel Reimann
Als kürzlich Bundesbankpräsident Jens Weidmann von der mikronesischen Inselgruppe Yap erzählte, wuchs mein Vermögen etwa um den Gegenwert einer Papaya. Das war wahrscheinlich Zufall. Trotzdem haben diese beiden Ereignisse für mich sehr viel miteinander zu tun, auch wenn der Nachweis der Korreliertheit sehr schwerfallen wird. Was war geschehen? In seinem Eröffnungsvortrag auf dem Bargeldsymposium der Bundesbank erinnerte Weidmann daran, dass selbst heute noch Bargeld ganz unterschiedlich geschöpft wird - auf den Yap-Inseln würde zum Beispiel Steingeld verwendet, in Gegenden Papua-Neuguineas Muscheln. "Es gibt dort sogar eine Muschelbank, die das Muschelgeld in harte Landeswährung wechselt", erklärte der Bundesbankchef. Gerade diese exotischen Beispiele machten deutlich, dass Geld letztlich eine gesellschaftliche Konvention darstelle. Ach so.
So weit, so unspektakulär. Wenn es da nicht einen Umstand gäbe, der der folkloristischen Einlassung des Bundesbankchefs für mich mehr Gewicht verleiht: Seit einiger Zeit trage ich auch so etwas wie Muschel- oder Steingeld mit mir herum - auf meinem Handy. Keine Euro, sondern sogenannte Bitcoins, elektronische Münzen, die irgendwann in den vergangenen drei Jahren auf irgendwelchen Computern irgendwo auf der Welt entstanden sind. Privat und dezentral geschöpft, ohne Zutun von irgendwelchen Notenbankern. Und nun liegt das Zeug als Datei gespeichert in meinem elektronischen Portemonnaie mit der griffigen Adresse 1BkwELDBrytAfaVMEBs96fUMx6kqsvGWL6. Nur falls sich das irgendjemand aufschreiben möchte.
Im Moment reichen meine Bitcoins aus, um einmal gepflegt essen zu gehen. Das FBI, das Bundeskriminalamt, der Bundesverband Digitale Wirtschaft, die BaFin, selbst die lieben Kollegen, alle vermuten, ich würde damit wohl eher Drogen kaufen, Terroristen unterstützen, Waffen erwerben, Kinderpornos bezahlen, Schwarzgeld waschen oder Steuern hinterziehen wollen. Das kann man natürlich nicht ausschließen, aber für den Anfang würden es auch ein Bier und ein Cheeseburger tun.
Das Ganze klingt wie eine neue Folge aus dem bisher nur Verschwörungstheoretikern vertrauten Epos "Krieg der Währungen", diesmal die Doppelepisode "Eine neue Hoffnung" und "Das Imperium schlägt zurück". Drehbuch: Friedrich August von Hayek ("Entnationalisierung des Geldes") und andere. In diesem Krieg hält sich mein Bedrohungspotenzial für die herrschende Geldordnung mit 4,965 elektronischen Einheiten einer völlig politikfreien Kunstwährung sehr in Grenzen. Doch das Zeug, das da in meinem Handy ruht, könnte eine längere Lebensdauer haben als der Euro. Denn es hat Eigenschaften, die es - fast - unkaputtbar machen. Es ist eher ein Virus als eine Währung, und das ist jetzt freigesetzt. Ich bin infiziert, ein bisschen jedenfalls.
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