ABB will nach der Sonne greifen
Der Elektro- und Automationskonzern ABB wittert große Wachstumschancen in der Solartechnologie - obwohl das Geschäft mit der Energie aus Sonnenkraft wegen der Finanzkrise Rückschläge hinnehmen musste. ABB hält sogar den Einstieg in die Solarzellenproduktion für möglich.
von Aice Chalupny, Alicante,
Die Sonne gleißt am stahlblauen Himmel, brennt auf eine verdorrte, braune Landschaft. Hier, in der katalanischen Ebene, irgendwo im Nirgendwo nahe dem spanischen Alicante, recken sich auf fünf Fussballfeldern hunderte von Solarmodulen der Sonne entgegen. «Die Gegend ist eigentlich ideal für Photovoltaikkraftwerke - viel, viel Sonnenschein», sagt Roger Reinhold - und seufzt. «Aber leider ist diese Anlage für uns Investoren nicht attraktiv.» Totana - so heißt der Solarpark - wirft nämlich deutlich weniger Rendite ab, als von den Bauherren erwartet.
Der Park im Hinterland der Costa Blanca ist bestückt mit Modulen aus chinesischer Produktion, ergänzt um Elektro- und Automationsprodukte von ABB und finanziert von einem Investoren-Tandem aus dem Beratungskonzern Global Capital mit Sitz in Malta und der australischen Beteiligungsfirma Keybridge Capital. Totana hat eine Leistung von einem Megawatt, versorgt damit gut 700 Haushalte und spart 2200 t Treibhausgase pro Jahr ein. Der Park gilt als Rolls Royce: Zu 100% automatisiert, können die Paneele über mobile Anwendungen und über Internet gesteuert werden. So ist es möglich, dass die Besitzer im fernen Australien in Echtzeit, Tag und Nacht, Leistung und Rentabilität des Kraftwerks überprüfen können. Und fallen einmal Module aus oder erbringen zu wenig Leistung, ist ABB sogleich zur Stelle. Trotzdem ist Totana für die Investoren ein Reinfall.
Spanien hat Förderung gestutzt
Eigentlich wollte Gobal-Cpital-Mann Reinhold mit den Australiern gleich mehrere Solarkraftwerkparks in der Gegend bauen lassen und zusammenschliessen. Es lockten traumhaft hohe Einspeisevergütungen, offeriert vom spanischen Staat. Doch Ende 2008 entschied die Regierung, die Garantiepreise von 47 auf noch 31 Eurocent pro Kilowattstunde zurückzustutzen - den Politikern war klar geworden, dass die künstlich hochgehaltenen Preise dringend nach unten korrigiert werden mussten, um die Branche endlich zu mehr Wirtschaftlichkeit zu zwingen.
Das war der erste Bremsschritt. Der zweite, weitaus heftigere erfolgte in Gestalt der Finanzkrise: Die Banken - in Südspanien waren vor allem deutsche Landesbanken aktiv - reduzierten ihre Risiken im Kreditgeschäft. «In den Boomjahren stellten die Institute bis zu 85% des Fremdkapitals für solche Solarparks», sagt Reinhold. Heute hätten die Banken den Anteil auf maximal 70% zurückgefahren. Auch das Fremdfinanzierungsmodell für Totana scheiterte, die Investoren stemmten das Projekt in der Not alleine: Totana ist zu 100% aus Eigenmitteln finanziert, die eigentlich angestrebte Eigenkapitalrendite von 10 bis 15% hat sich Reinhold abgeschminkt. «Auf Totana erzielen wir höchstens noch eine Projektrendite von 6 bis 8%», sagt er. Für die weiteren geplanten Projekte in der katalanischen Ebene fehlen dem australischen Partner die Mittel.
Auch anderswo in Spanien sind die Bauaktivitäten für Solar-Neuanlagen weitgehend zum Erliegen gekommen. Denn die Karawane zieht weiter. «Jetzt ist der Markt in Italien ganz heiss, dort locken noch Einspeisevergütungen von über 40 Eurocent», erklärt Reinhold. Zudem werde jetzt auch über Griechenland geredet - dort sei die Regierung gerade dabei, die Gesetze im Hinblick auf eine breite Solar-Förderung anzupassen.
Solar folgt dem Windkraft-Boom
Während die Investoren den Fördermitteln hinterher laufen, bleibt ABB gelassen. Für den global aufgestellten Elektro- und Automationskonzern spielt es keine Rolle, wo der Geldregen gerade niedergeht. ABB kann überall hin liefern. Langfristig gesehen, so erwartet ABB, wird sich der weltweite Solarmarkt ähnlich positiv entwickeln wie die Windkraft. Im vergangenen Jahr holte ABB Aufträge für Windkraftprodukte für 1 Mrd Dollar ein, im Solarbereich erst für 100 Mio Dollar. Wie schnell sich das ABB-Solargeschäft entwickelt, mag Peter Leupp, ABB-Konzernleitungsmitglied und Chef der Sparte Power Systems, aber nicht sagen.
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