Hi Ulm,
Du scheinst ja nach wie vor stark überzeugt von Solarworld und dem Geschäftsmodell zu sein. Woher diese felsenfeste Überzeugung kommt, kann ich nicht nachvollziehen. Das schöne ist, dass wir in 2 Wochen alle etwas schlauer sein werden. Anbei meine Meinung zu Deinen Argumenten (in Klammern).
(Ich denke mal, dass die Q1-Zahlen von Solarworld gar nicht so übel aussehen werden. )
Also hier halte ich gegen und gehe davon aus, dass die Q1-Zahlen katastrophal sein werden:
- Seit Ende Januar gab es die Insolvenzgerüchte zu Solarworld. Was dies für den Wert der Solarworld Produkt- und Leistungsgarantien (25 Jahre) bedeutet ist klar. Die sind nämlich bis zur Klärung der Restrukturierung nicht mehr das Papier wert, auf dem sie geschrieben sind. Die Bankability von Solarworld dürfte deutlich gelitten haben und mit ihnen der Absatz. Hinzu kommt die schleppende Nachfrage im für SWV wichtigsten Einzelmarkt Deutschland (770 MW in Q1).
- Aufgrund der drohenden Insolvenz, die man in nahezu allen Tageszeitungen (nicht nur in den Börsen-Blogs) lesen konnte, dürften einerseits die Zulieferer auf Vorkasse oder zumindest deutlich verkürzte Zahlungsziele umgestellt haben. Die Kunden wiederum werden ihrerseits nur noch gegen Lieferung der Module zahlen wollen, um nicht am Ende mit einer Insolvenzforderung dazustehen. Durch diese beiden Effekte müsste das Working Capital von SWV stark gestiegen sein, mit entsprechenden Finanzierungskosten. Frische Bankkredite kann man wohl angesichts der prekären Bilanzsituation ausschließen.
- Cash is King: Ergo muss Solarworld verzweifelt versucht haben das Lager zu räumen um Cash zu reinzubekommen- koste es was es wolle! Aus Interesse habe ich verschiedene Angebote von Solarworld-Installateuren eingeholt. Solarworld scheint im März Module an Installateure für 0,6-0,7 EUR/Wp verkauft zu haben, was unter Herstellkosten und Buchwerten des Lagers liegen dürfte. Die Solarworld-Installateure waren jedenfalls hinreichend besorgt. Das Preispremium gegenüber den Chinesen ist merklich abgeschmolzen und mit jedem verkauften Modul wird Geld verloren. Die 0,6 EUR/Wp liegen signifikant unter dem Durchschnittspreis aus 2012 und auch unter dem Preis Q4/2012.
(Zum einem dürfte Solarworld in 2012 fast alles was möglich ist abgeschrieben haben, von Anlagen (damit wird es geringere Abschreibungen geben) bis zu den Lagervorräten (damit werden in Q1 die Herstellungskosten geringer).
- An den Cashkosten ändert das allerdings nichts! Sondern wie Du richtig sagst ändern sich nur die Abschreibungen.
Ein Blick in die 2012 Bilanz zeigt übrigens, dass es noch einiges an Abschreibungsbedarf gibt. Die Wafer-Fabs in Deutschland und USA dürften auch mit Schutzzöllen keine wettbewerbsfähigen Wafer produzieren und daher perspektivisch voll abzuschreiben sein. Die Modullagerbestände dürften noch nicht zu Marktpreisen 2013 bewertet worden sein. Falls Solarworld den Absatz in Q1 2013 versucht hat zu halten, dürfte dies nur unter hohen Preisnachlässen gelungen sein.
(Außerdem sind die Modulpreise in Europa in diesem Jahr bis jetzt um gut 10% gestiegen und die Nachfrage war in Europa, vor allem in Griechenland, Deutschland und Italien, recht gut und auch in den USA war die Q1-Nachfrage sehr ordentlich. )
Der durchschnittliche Marktpreis in Q1/2013 lag weit unter dem Preis aus Q1/2012 und noch immer unter dem Preis von Q4/2012. Insbesondere der Solarworld-Verkaufspreis dürfte in Q1 2012 massiv erodiert sein (siehe oben).
Die Marktnachfrage im für Solarworld wichtigsten Einzelmarkt Deutschland war mit 776 MW in Q1 deutlich unter der Nachfrage aus 2012. Daher dürfte es für Solarworld schwierig werden, den Absatz im Vergleich zu Q1 2012 zu halten. Der Umsatz wird aufgrund der schlechten Verkaufspreise für SWV um so stärker fallen.
(Das alles sollte dann dafür sorgen, dass Solarworld recht akzeptable Q1-Zahlen vorlegen wird.)
Akzeptabel im Vergleich zu welchem Referenzwert? Solarworld Q1/2012 Zahlen? Solarworld Q4 2012 Zahlen? Oder akzeptable im Vergleich zum Wettbewerb und anderen Branchenplayern:
- Aleo Q1 2013: Umsatzeinbruch von -58%.
- SMA Q1 2013: Umsatz bricht um die Hälfte ein
- Trina lowers 1Q13 module shipment guidance to 390-400MW
Warum ausgerechnet die angeschlagene Solarworld ein gegen den Branchentrend "akzeptables" Q1 hingelegt haben sollte, erschließt sich mir nicht. Es hängt natürlich davon ab, was Du als akzeptabel empfindest. Oder meintest Du damit, dass die Solarworld Aktionäre die Zahlen akzeptieren werden müssen. Was anderes bleibt ihnen ja nicht übrig. Das die Veröffentlichung der Zahlen auf den letztmöglichen Tag verschoben wurde, empfinde ich jedenfalls als nicht akzeptabel für ein seriös agierendes Unternehmen.
(Durch die ganzen Abschreibungen sind natürlich die Herstellungskosten automatisch gefallen und die Modulverkaufspreise sind gestiegen. )
Vollkosten ja, Cashkosten nein!
(Das sollte sich dann beim Q1-EBITA und beim Q1-EBIT doch recht positiv bemerkbar gemacht haben.)
Auch hier kann ich nicht nachvollziehen, wie am Solarworld Q1-EBITA und Q1-EBIT etwas Positives abzulesen sein wird. In 2 Wochen werden wir es ja sehen.
(Sehr interessant wird sein ob Solarworld in Q1 einigermaßen Fuss gefasst hat in Japan, denn dort explodiert der Solarmarkt regelrecht bei den Freiflächenanlagen wie bei den Aufachanlagen und dort gibt es mit Abstand die höchsten Modulpreise (rd. 15% höher wie in Europa).
"Fuss fassen" sieht meines Erachtens anders aus!
Solarworld ist im japanischen Markt viel zu spät dran, insbesondere im Vergleich zu den chinesischen Wettbewerbern und auch ausgewählten europäischen und amerikanischen Unternehmen.
Vgl. hierzu die Pressemeldung zum japanischen Vertriebsbüro 5.12.2012 (ziemlich spät dran, um in Q1 einen sichtbaren Effekt in Japan zu erzielen)
www.solarworld.de/presse/aktuelles/...vertriebsbuero-in-japan/
Auszug aus der Pressemeldung:
"Seit mehr als einem Jahr ist die Konzerntochter SolarWorld Asia Pacific von Singapur aus im wachsenden japanischen Markt aktiv. Beim Betrieb des neuen Büros in Tokyo wird die Gesellschaft vom Vertriebspartner Europe Solar Innovations Co. Ltd. (ESI) unterstützt."
Japan aus Singapur zu erobern hat offensichtlich nicht geklappt! Aus dem Nachhaltigkeitsbericht 2012 geht hervor, dass es keinen einzigen Mitarbeiter von SWV in Japan im Jahr 2012 gab! Sie besitzen kein eigenes Büro sondern haben einen Handelsvertreter Namens Europe Solar Innovations Co. Ltd. (ESI). Commitment zu einem Markt der 2013 wahrscheinlich der zweitgrößte Markt der Welt sein wird sieht anders aus!
Auf der Homepage des Handelsvertreters (trägt den Namen Solarworld natürlich nicht im eigenen Firmennamen) finden sich 5 Referenzanlagen, die sie verkauft haben. In Summe ergibt sich daraus das sagenhafte Verkaufsvolumen von 490 KWp. Die Installation gehört nicht zum Leistungsspektrum, so dass hier also maximal der Modul-Umsatz zu buche schlagen wird: Wenns hoch kommt sprechen wir hier also von 0,5 mio EUR. Die Modulpreise dürften in der Tat die höchsten der Welt sein aber umsonst macht es der Handelsvertreter ja auch nicht.
(Schaut man dann noch ein wenig weiter in Q2, dann dürfte Solarworld in diesem Zeitraum gut profitieren von den Verkäufen der drei Solarkraftwerken (2 in den USA und 1 in Deutschland) mit insgesamt 46 MW. Das alleine bringt schon einen Umsatz und auch eine zusätzliche Liquidität von über 70 Mio. € ein mit sehr wahrscheinlich guten Gewinnmargen im zweistelligen Bereich (15 bis 20% ??), da Solarworld diese drei Solarkraftwerke selbst projektiert hat und zwar von A bis Z (von der Landsicherung über Stromabnahmeverträge bis hin zur Finanzierung).
Hier geh ich mit! Das Projektgeschäft dürfte einen Teil der Verluste auf Modulebene wett machen können. Wie oft sich dies mit den viel zu teuren Solarworldmodulen replizieren lässt bleibt offen. Eine Projekt-Pipeline wir First Solar oder Sunpower sie zu jedem Quartalsbericht vorweisen können zeigt SWV jedenfalls nicht.
(Ganz so übel wie hier andauernd einige tun sieht es dann doch nicht aus. Für die Aktionäre sehr wahrscheinlich schon aufgrund der zu erwartenden Fast-Enteignung, aber für das Unternehmen Solarworld wohl nicht. )
Das hier ist ein Börsenforum und das einzige, was die Leser hier interessieren sollte, ist die Aktienkurs-Entwicklung und die dürfte für die aktuell an der Börse handelbaren Gesellschaftsanteile sehr negativ sein. Wenn du so positiv für Solarworld als Unternehmen gestimmt bist, kannst Du Dich ja mit den Anleihen eindecken.
(Man darf z.B. nicht vergessen, dass der US-Markt für kleine und mittelgroße Solaranlagen jetzt erst so richtig anspringt wie auch wohl Aufdachanlagen im Mittleren und Nahen Osten und da hat Made in Germany einen ganz hervorragenden Ruf. Sollte dann Solarworld noch einen Fuss in den sehr lukrativen japanischen Solarmarkt gelingen, dann würde es doch gar nicht so übel aussehen. )
USA: Der US-Absatz ist laut SWV Geschäftsbericht 2012 rückläufig für SWV.
Japan: Bisher gibt es meines Erachtens wenig Hinweise darauf, dass Solarworld das notwendige Geld in die Hand nimmt, um in Japan Gas zu geben. Wer in Japan (egal in welcher Branche) als Nicht-Japaner erfolgreich sein will, muss über Jahre hinweg erstmal investieren. Das passiert nicht innerhalb eines Quartals.
(Mit den finanzstarken Ölscheichs aus Katar zusammen hätte dann Solarworld eine sehr solide Geschäftsgrundlage um Ende des Jahres mit einer aufgräumten Unternehmensbilanz inkl. einer geringen Nettofinanzverschuldung (< 150 Mio. € ???) und einer guten und langfristigen Kapitalaussattung durch die Kataris einen Restart zu starten, der sehr erfolgreich werden könnte. )
Restart ohne die Altaktionäre sollte hier nicht vergessen werden.
(Man schaue sich doch nur Sunpower mal an. )
Der Sunpower vs. Solarworld Vergleich hinkt sehr. Sunpower ist nahezu das einzige auf kristalliner Technologie beruhende PV-Unternehmen, das sich im Markt aufgrund ihrer Hocheffizienztechnologie (im Schnitt:20% ; in der Spitze: 21,5% auf dem Modul) differenzieren kann. Solarworld (Schnitt um die 15,5%) ist von der Moduleffizienz und den Datenblättern betrachtet nicht außergewöhnlich sondern schwimmt ziemlich im Mittelfeld aller Hersteller. USPs sind starker Fokus auf Qualität, Nachhaltigkeit, faire Arbeitsbedingungen und Umweltstandards. Aber mehr ehrlich, das interessiert außerhalb Deutschlands vielleicht noch die Japaner und das wars. Und auch in Deutschland scheinen die Kunden ja eher zu den preiswerten (bzw. billigen) Solarmodulen made in China zu greifen. Die Chinesen sind in Japan ebenfalls sehr erfolgreich. Wenns ums Geld geht, zählen alte Feindschaften der Großväter nicht!
(Ohne den französischen Großaktionär Total wäre Sunpower schon längst Pleite. )
Total ist Mehrheitsaktionär (66%) bei Sunpower. Die Qatar Foundation strebt eine 20% Beteiligung an und bisher noch kein bewertbares Angebot auf den Tisch gelegt. Hinzu soll Asbeck mit 20% kommen, 55% Banken, Versicherungen und Hedge Fonds + 5% Altaktionäre. Stabile Verhältnisse in der Eigentümerstruktur aus der sich eine strategische Stoßrichtung (siehe Sunpower) ableiten lässt sieht anders aus.
(und hat im japanischen Aufdachanlagengeschäft einen Marktanteil von gut 10% trotz der zahlreichen japanischen Konkurrenz. Warum sollte das Solarworld nicht schaffen ?? )
Von Sunpower kann man gut lernen, wie man den japanischen Markt knackt! Nämlich mit starken Partnern: Sharp und Toshiba! Mit der "No Name Company" Europe Solar Innovations Co. Ltd., die SWV am Start hat dürfte man nur schwer in die richtigen Kanäle reinkommen. Sharp oder Toshiba spielen jedenfalls in einer anderen Liga.
Ausserdem hat Sunpower mit seinen Hocheffizienzmodulen einen echten USP im japanischen Residential Aufdachanlagen-Segment. Die Dachflächen der japanischen Eigenheime sind sehr klein, so dass die maximale Stromausbeute pro Quadratmeter (kWh/qm) zählt und nicht so sehr der Preis/kWp. Hier kann Sunpower seine Stärke ausspielen. Ein Solarworld hat außer dem Made in Germany Image nichts zu bieten. Die Preise in Japan dürften nun mit Schutzzöllen in der EU auch mächtig unter Druck kommen, da die Chinesen mit aller Gewalt ihre für Europa bestimmten Module auf den japanischen Markt werfen werden.
Sunpower hat von klein auf gelernt, wie man in einem Markt ohne Einspeisevergütung (USA: PPAs und Tax Credit) operieren muss, während Solarworld mit Einspeisevergütung groß geworden ist. Darüber hinaus musste Sunpower frühzeitig lernen wie man in fremden Märkten außerhalb des Heimatmarktes (Deutschland) Fuss fassen und Geld verdienen kann. Solarworld ist wie die meisten deutschen PV-Unternehmen im Kern ein deutsches Unternehmen, das sich mit der Internationalisierung sehr schwer tut, weil es in der Vergangenheit auch nicht notwendig war. Die Chinesen hatten bisher keinen Heimatmarkt und haben nur vom Export gelebt.
(Anfang des Jahres hatte Sunpower noch eine Marktkapitalisierung von rd. 500 Mio. € und heute liegt sie bei 1,9 Mrd. € !!! So schnell kann es manchmal gehen bei Solar und das sollte man nie vergessen.)
Willst Du damit sagen, dass die Solarworld heute mit 0,70 EUR fair bewertet ist weil dies nach Verwässerung von 95% und dem anstehenden Debt 2 Equity Swap eine Marktkapitalisierung von 1,568 Mrd EUR entspräche?
Die Argumente, die Du oben genannt hast, sprechen jedenfalls meines Erachtens nicht dafür, dass man SWV mit Sunpower vergleichen sollte. Meines Erachtens ist eine Post-Money Bewertung von maximal 400 mio EUR für SWV gerechtfertigt, was einen Aktienkurs von <0,2 EUR bedeuten würde. 200 mio EUR fände ich realistischer angesichts der nach wie vor ungelösten finanziellen Restrukturierung (per heute) und den ungelösten Problemen beim Geschäftsmodell aber das ist eine andere Geschichte…