07.10.11 15:35 DJN: DEVISEN-AUSBLICK/Für ein paar Cent ist der Euro noch gut
Von Jörg E. Jäger
DOW JONES NEWSWIRES
FRANKFURT (Dow Jones)--Seit der wieder aufgeflammten Banken- und
Staatsschuldenkrise im Gemeinsamen Währungsgebiet hat der Dollar ein
bemerkenswertes Comeback gegenüber dem Euro hingelegt. Freilich kein Wunder,
denn nach Berechnungen der Commerzbank ist der Greenback mittlerweile der
letzte sichere Hafen für Anleger. Nach der Talfahrt der vergangenen Wochen
könnte der Euro in den kommenden Tagen aber dennoch für eine fortgesetzte
Erholung gut sein.
Denn die Korrelation zwischen der Gemeinschaftswährung und den Aktienmärkten
hat sich wieder auf Rekordniveaus geschwungen. Und nachdem es den Anschein hat,
dass die Politik begriffen hat, wie dringend viele Kreditinstitute Europas
frisches Kapital brauchen, wittern die Börsianer wieder Morgenluft oder sind
gezwungen, ihre Wetten auf fallende Kurse glatt zu stellen. Noch dazu haben die
jüngsten Konjunkturdaten aus den USA womöglich signalisiert, dass die
Rezessionshysterie der vergangenen Wochen verfrüht gewesen ist. "Das legt nahe,
dass der Dollar auf kurze Sicht nachgeben wird", heißt es von den Analysten von
Morgan Stanley.
Und schließlich hat auch der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB),
Jean-Claude Trichet, im Rahmen der letzten von dem Franzosen geleiteten
geldpolitischen Entscheidung für Euro-Rückenwind gesorgt. So ist die von
Unbelehrbaren, denen immer noch nicht klar ist, dass die Notenbank zwischen
regulären und außergewöhnlichen Instrumenten unterscheidet, erhoffte
Leitzinssenkung ausgeblieben. Auch den Hinweis auf eine geldpolitische
Lockerung im November ist Trichet schuldig geblieben. Auch dürften die
beschlossenen Langfristtender und die Wiederaufnahme des Kaufprogramms für
Pfandbriefe die Sorge vor Liquiditätsengpässen im europäischen Bankensystem
mildern.
Auf längere Sicht sei die Position der Gemeinschaftswährung durch die
Ereignisse der zurückliegenden Wochen freilich geschwächt worden, rechnet
jedoch die Commerzbank vor. Denn mittlerweile sei der Greenback der letzte
sichere Hafen für Anleger. Franken und Yen seien mehr oder weniger stark an den
Dollar gekoppelt, den Bund machten die gestiegenen Preise für deutsche
Kreditausfallversicherungen unattraktiv. Die einzigen Staatsanleihen, deren
laufende Rendite auf währungsgesicherter Basis noch die Versicherungsprämie
gegen einen Staatsbankrott übersteige, seien US-Schuldtitel.
Nachdem die Kapitalmärkte bereits in den zurückliegenden Tagen die
US-Konjunkturdaten aus der allerersten Reihe abgefeiert haben, dürften die
Impulse für die Devisenmärkte von der Seite der makroökonomischen Kennziffern
in der kommenden Woche schwach ausfallen. Erst am Freitag steht mit den
Einzelhandelsumsätzen in der größten Volkswirtschaft der Welt im September ein
Konjunkturdatum mit einigermaßen Gewicht auf dem Programm. Ökonomen rechnen mit
einem Plus von 0,4% binnen Monatsfrist.
Ein erstes Indiz gab bereits der Automobilabsatz, der um 7,8% gegenüber dem
Vorjahresmonat zulegte. Damit kauften die US-Konsumenten wieder fast so viele
Fahrzeuge wie im März, bevor die Lieferprobleme japanischer Hersteller den
Absatz dämpften und die Händler die Preise anhoben. Ebenfalls erst zum
Wochenausklang steht die Entwicklung der chinesischen Verbraucherpreise auf der
Agenda. Hier lautet der Ökonomenkonsens für September auf einen Anstieg um 6,1%
auf Sicht von zwölf Monaten.
Auf der Notenbankseite wird der Offenmarktausschuss der Federal Reserve am
Dienstagabend das Protokoll seiner geldpolitischen Beratungen vom 20. und 21.
September vorlegen. Seinerzeit beschlossen die Währungshüter um Chairman Ben
Bernanke die "Operation Twist", in deren Rahmen sie bis Ende Juni 2012 Anleihen
aus ihrem Portfolio mit einem Wert von 400 Mrd USD in längere Restlaufzeiten
umschichten will. Dies soll die Renditen am langen Ende drücken und die
Kreditvergabe ankurbeln.
Angesichts der wenigen Konjunkturdaten und Notenbanktermine dürften sich die
Blicke in der kommenden Woche jedoch vor allem auf die Abstimmung des
slowakischen Parlaments über die Reform der European Financial Stability
Facility (EFSF) am Dienstag richten. Der Rettungsfonds für den Euro soll mit
mehr Geld und erweiterten Befugnissen ausgestattet werden. Diesem "EFSF 2.0"
müssen allerdings alle Mitgliedstaaten des Gemeinsamen Währungsgebiets
zustimmen, im Fall der Slowakei müssen die Volksvertreter den Vertrag
ratifizieren.
Ob sie ihr Plazet geben werden, ist - anders als im Fall der schon für Montag
angesetzten Abstimmung in Malta - allerdings völlig offen. Denn die neoliberale
Regierungspartei "Freiheit und Solidarität" (SaS) mauert ganz offen. "Es wird
versucht, die Schuldenkrise mit neuen Schulden zu lösen. Das funktioniert
niemals. Aber mir geht es vor allem darum, das Geld des slowakischen
Steuerzahlers zu schützen. Gemessen an der Wirtschaftskraft sollen wir den
größten Anteil am Rettungsschirm zahlen. Das ist nicht akzeptabel", sagte
SaS-Chef Richard Sulik unlängst im Gespräch mit "Spiegel online".
Die Slowakei ist zu knapp einem Prozent am EFSF beteiligt, das Land müsste
also etwa 7,7 Mrd EUR aufbringen. Devisenexperte Lutz Karpowitz von der
Commerzbank rechnet aber dennoch damit, dass "die Kuh vom Eis kommen wird". Er
halte einen Formelkompromiss für wahrscheinlich, wie er bereits in der Frage
der finnischen Forderung nach griechischen Sicherheiten für Hilfskredite
gefunden worden sei. Dieser Einigung zufolge kann zwar jedes Geberland ein
Pfand in Form hellenischer Staatsanleihen einfordern. Allerdings wäre es
angesichts der vereinbarten Bedingungen völlig unattraktiv, die Schuldtitel
auch tatsächlich abzurufen. Denn im Fall eines Bankrotts Athens wären die
Sicherheiten beispielsweise bis zu 30 Jahre lang eingefroren.
-Von Jörg E. Jäger, Dow Jones Newswires,
+49 (0)69 29725 220, joerg.jaeger@dowjones.com
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October 07, 2011 09:35 ET (13:35 GMT)
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Finanzielle Probleme lassen sich am besten mit anderer Leute Geld regeln. (J. Paul Getty)