Heute, liebe Leserinnen und Leser, wird das Drama -Conergy- in drei Akten aufgeführt. Der Grund sind die dritten Quartalszahlen des Unternehmens.
Ich, als Schauspielschüler, werde die Rolle des Baums in der Kulisse übernehmen. Normalerweise spiele ich immer die Rolle der personifizierten Conergy-Aktie, also ich stehe in der Rangliste noch vor Comberg und dem Unternehmen, aber nie vor den Schauspielern. Ich habe auch schon mal die Hamburger Stadtmauer darstellen dürfen, sozusagen als Schutz gegen jegliche Angriffe auf die Konzernzentrale.
Heute nun bin ich ein Baum. Nicht irgendein Baum, nein, nein keine "Ulme" ich spiele eine deutsche Eiche mit Laubwerk und so. Warum nun ein Baum, ich stehe halblinks in der Theaterkulisse. An mir kann sich die Fraktion der professionellen Schauspieler erleichtern, mitgebrachte Hunde können auch an meinem Stamm ein Häufchen ablegen oder etwas scharren. Die Darsteller können mit ihren Messern auch einige Kerben in meine Rinde schnitzen oder einen Zweig abbrechen. Eine Sprechrolle habe ich nicht, nur mit dem Laub darf ich etwas rascheln, raschel, raschel.
Im zweiten Akt, nach der Veröffentlichung der Quartalszahlen, wird die Fraktion der Darsteller das Bühnenbild betreten. Es wird wenig gesprochen, meist nur gemurmelt oder genuschelt. Alle Darsteller warten auf den Einsatz ihrer Lichtgestalt, ihres Helden. Die ersten Darsteller aus der Fraktion erleichtern sich schon an meinen Stamm, das ist unangenehm aber auszuhalten. Auch wird an meiner Rinde gekratzt, das ist sehr unangenehm aber nicht unbedingt schmerzvoll.
Nun kommt der dritte Akt. Lichtblitze zucken durch die Szenerie, die Fraktion der Kleindarsteller bildet eine Gasse und dann steht er da, unser Held, unsere Lichtgestalt. Er füllt den ganzen Raum aus, einfach gigantisch, wie ein Monument. Seine kolossale Stimme erhebt sich, und ich denke insgeheim, wie piepsig doch meine Stimme sich dagegen anhört. Er donnert förmlich los, nachdem er aus einer Art von Schriftrolle die Quartalszahlen gelesen hat. Dieser Vortrag ist wirklich der Höhepunkt des Theaterstücks. Seine Kernsätze sind -Oh mein Gott, Oh -m e i n -G o t t, wie schlecht, wie grottenschlecht sind diese Zahlen, ich bin erschüttert, doch ich habe es ja probezeit-
Was für ein überlanger theatralischer Satz. Welche enorme Leistung des Hauptdarstellers. Ich komme mir dagegen richtig klein vor -raschel-raschel-raschel.
Die ersten Bravorufe sind zu hören, Jubel bricht los, ich werde noch kleiner und höre vor Erfurcht auf zu rascheln.
Der Lohn für diese Darstellung, mindestens fünf grüne Sterne, die übrigen Kleindarsteller bekommen Zustimmung aber kaum Sterne, da das Kontingent der meisten schon ausgeschöpft ist. Ich bekomme als Student, der ja noch etwas dazu lernen möchte, gar nichts. Mein Lohn ist die Einsicht, dass ich noch viel lernen muss.
Ich wünsche den Zuschauern viel Spaß, es ist alles heute für lau, sie brauchen noch nicht mal eine Aktie kaufen.
Das war nur Angedachtes wie es heute laufen könnte zur Theateraufführung.