| HANDELSBLATT, Montag, 9. Oktober 2006, 18:59 Uhr |
Ökonomie-Nobelpreis 2006 für Edmund PhelpsDer Versöhner von Arbeitsmarkt und InflationVon Dorit Hess, Helmut Steuer und Olaf StorbeckZum sechsten Mal geht der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften an einen Pionier der angebotsorientiertern Wirtschaftspolitik. Der US-Professor Edmund Phelps hat gezeigt, dass niedrige Arbeitslosigkeit und Preisstabilität keine Gegensätze sind. Das Handelsblatt erklärt seine Arbeit.Für Helmut Schmidt war die Sache klar: „Mir sind fünf Prozent Inflation lieber als fünf Prozent Arbeitslosigkeit“, sagte der einstige Bundeskanzler in den 70er-Jahren. Dass er dabei einem Irrtum aufgesessen war, lernt heute jeder angehende Ökonom im Grundstudium: Langfristig sind Beschäftigungsniveau und Geldentwertung eben keine Gegensätze. Zu verdanken hat die Volkswirtschaftslehre diese Einsicht einem heute 73 Jahre alten Wissenschaftler von der Columbia University in New York City: Edmund Phelps. Genau 39 Jahre, nachdem seine ersten Arbeiten zu diesem Thema erschienen, erhält Phelps nun den Ökonomie-Nobelpreis. „Phelps hat viele der ganz großen Ideen, die in der Makroökonomie der Nachkriegsgeschichte bedeutend waren, geliefert“, sagt Dennis Snower, Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und Freund des US-Wissenschaftlers. Phelps habe den Preis daher schon lange verdient. Auch für Michael Burda, Ökonom an der HU Berlin, war Phelps ein „Dauerkandidat“ für den Nobelpreis. Die schwedische Akademie der Wissenschaften ehrt damit zum sechsten Mal einen der Ökonomen, die in den 60er- und 70er-Jahren in der Makroökonomie die Abkehr von John Maynard Keynes einläuteten. Der Ökonomie-Nobelpreis 2006 steht in der Tradition des Preises an Friedrich August von Hayek (1974), Milton Friedman (1976), Robert Lucas (1995) sowie Finn Kydland und Edward Prescott (beide 2004). Ein weiteres Mal wird 2006 ein Vordenker der angebotsorientierten Wirtschaftspolitik mit den Ökonomie-Nobelpreis ausgezeichnet. Gemeinsam haben all diese Wissenschaftler vor drei Jahrzehnten in der Makroökonomie einen Paradigmenwechsel eingeleitet. Bis in die 70er-Jahre kreiste diese um die Frage, wie der Staat durch die Steuerung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage den Arbeits- und Gütermarkt im Gleichgewicht halten kann. Phelps und Co. verschoben die Perspektive auf die Angebotsseite der Volkswirtschaft – Geldwertstabilität, Stetigkeit und Glaubwürdigkeit staatlicher Politik rückten in den Vordergrund. Phelps wichtigster Beitrag war es, die so genannte Phillips-Kurve theoretisch zu widerlegen – diese postuliert eine kurz- wie langfristig negative Wechselwirkung zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation. Bis in die 70er-Jahre war sie in Wissenschaft und Politik allgemein akzeptiert. Eine verbreitete Faustregel lautete damals: Wenn die Arbeitslosenquote um einen Prozentpunkt sinkt, steigt die Inflationsrate um einen halben Prozentpunkt. Diese These ging zurück auf den neuseeländischen Ökonom Alban Phillips, dem dieser Zusammenhang bei der Analyse von Arbeitslosigkeit und Inflation in Großbritannien zwischen 1861 und 1957 aufgefallen war. Phelps dagegen zeigte Ende der 60er-Jahre: Diese Trade-off existiert nur kurzfristig und bloß dann, wenn die tatsächliche Inflation von den Inflationserwartungen abweicht. Denn der 1933 im Mittleren Westen der USA geborene Forscher arbeitete heraus: Die aktuelle Inflation in einem Land hängt nicht in erster Linie von der Arbeitslosigkeit ab, sondern von den Inflationserwartungen. Preise und Löhne, so argumentierte er, werden in der Realität nicht laufend, sondern nur unregelmäßig angepasst. Dabei, so Phelps, orientieren sich Arbeiter und Unternehmer an der zukünftig erwartenden Geldentwertung. Je höher die aktuelle Teuerungsrate, desto höher auch die Erwartungen für die Zukunft. Dies erschwere eine stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik in der Zukunft. Eine expansive Geldpolitik könne nur dann kurzfristig zu mehr Beschäftigung führen, wenn sie überraschend kommt. „Phelps betonte, dass der Unterschied zwischen der tatsächlichen und der erwarteten Inflationsrate – und nicht die Inflation per se – mit der Arbeitslosigkeit verknüpft ist“, schreibt die schwedische Akademie der Wissenschaften. <!--nodist-->Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie Phelps die "goldene Regel" der Wachstumstheorie erfand <!--/nodist-->Damit unterstrich er eines der grundlegenden Prinzipien der modernen Makroökonomie – die These von der Neutralität der Geldpolitik: „Dieses Prinzip besagt, dass sich bei langfristiger Betrachtung der reale und der nominale Sektor einer Volkswirtschaft nicht beeinflussen“, schreiben Michael Burda und Charles Wyplosz (Genf) im Lehrbuch „Macroeconomics“. Auch methodisch betrat Phelps damals Neuland – als einer der ersten versuchte er, in makroökonomischen Modellen das Verhalten von Unternehmen und Beschäftigten auf individueller Ebene abzubilden. Rund zehn Jahre nachdem Phelps sowie auch Milton Friedman die Neutralität der Geldpolitik theoretisch untermauert hatten, bestätigte die Realität ihre These: Mitte der 70er-Jahre erlebten die Industrieländer eine Phase hoher Arbeitslosigkeit und hoher Inflationsraten – die so genannte Stagflation. Neben der Entkräftung der Phillips-Kurve hat der 73-jährige Makro-Ökonom auch die Wachstumstheorie um wichtige Erkenntnisse bereichert. So hat Phelps die Bedingungen für die optimale Kapital-Akkumulation in einer Volkswirtschaft untersucht – und theoretische Kriterien dafür entwickelt, wie hoch die Spar- und Investitionsquote in einem Land sein sollte. Diese in der Wachstumstheorie als „goldene Regel“ der Kapital-Akkumulation bekannte Formel besagt: Die Sparquote ist dann optimal, wenn sie so groß ist wie das Verhältnis des Kapitalstocks zur Wirtschaftsleistung. Phelps zeigte: Es kann Situationen geben kann, in denen eine Wirtschaft zu viel spart und in denen die Wohlfahrt aller Generationen gesteigert werden kann, wenn man die Sparquote reduziert. Schon im Vorfeld der Bekanntgabe galt Phelps als „heißer Kandidat“. Hubert Fromlet, Chefvolkswirt der Swedbank in Stockholm, der jedes Jahr eine Liste der möglichen Preisträger veröffentlicht, hatte den amerikanischen Wissenschaftler weit oben in seinem Ranking. „Er ist ein würdiger Preisträger, aber auch ein erwarteter“, sagte Fromlet dem Handelsblatt. Beim britischen Wettbüro Ladbrokes gab es für Phelps nur den fünffachen Einsatz zurück. Wäre der an der Princeton-Universität lehrende schwedische Ökonom Lars E. O. Svensson ausgezeichnet worden, hätte es dagegen den 41-fachen Einsatz zurückgegeben. Auch Phelps selbst zeigte sich nur recht wenig überrascht über die mit zehn Mill. Kronen (1,1 Mill. Euro) dotierte Auszeichnung. „Ich hatte die Auszeichnung zwar nicht erwartet, aber mir war klar, dass ich zu den Kandidaten zählte“, sagte er am Montag nach der Bekanntgabe der Entscheidung. „Mir geht es besser und besser, nachdem mir immer klarer wird, dass ich diesen wunderbaren Preis gewonnen habe.“ Die Auszeichnung für den US-Professor Phelps zeigt erneut, wie sehr Amerikaner die moderne Wirtschaftswissenschaft dominieren. Zwei Drittel der 58 Forscher, die seit 1969 den Preis erhalten haben, waren Amerikaner. „Das zeigt, dass der US-Markt viel mehr zu bieten hat als der immer noch kleine europäische“, kommentiert der Bonner Makroökonom Manfred Neumann. Phelps sei „kein Theoretiker im Elfenbeinturm“, betonte er. Vor allem seine Arbeitsmarkt-Forschung zeige, „dass er die Realität sehr genau in seine Arbeit mit einbezieht und empirische Daten zur Kenntnis nimmt“. <!-- ISI_LISTEN_STOP --> |
Freies Unternehmertum und Wettbewerb sichern das Recht jedes Einzelnen auf Selbstverwirklichung und gleichzeitig ein Höchstmaß an ökonomischer Gerechtigkeit – sagt Wirtschaftsnobelpreisträger Edmund S. Phelps. Wir veröffentlichen die gekürzte Version eines Beitrags für das "Wall Street Journal".