Denn eins ist sicher, die Börse ist es nicht
von Jochen Steffens
Da Herr Steffens sich zurzeit in Urlaub befindet, haben wir für Sie einige der Klassiker des Investor's Daily aus den Jahren zwischen 2002 und 2005 zusammengestellt:
Ausgabe vom 31. März 2004
Gestern war ich etwas verdutzt. Ich las zuerst "Wall Street tendiert uneinheitlich - Verbrauchervertrauen stützt", direkt darunter stand die Headline: "DAX-Schluss: US-Verbrauchervertrauen sorgt für keine Unterstützung." Ja, was denn nun?
Aber das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Wirrwarr der Meinung, Einschätzungen und Analysen, die mir und Ihnen so täglich begegnen.
Tritt man einen Schritt zurück muss man lakonische feststellen: Keiner weiß was genaues, aber alle machen fleißig mit. Kein Wunder, dass mein Kollege Bill Bonner heute zu dem Schluss kommt, jemand ohne Information durch die Massenmedien sei in einer besseren Position.
Sollten Sie also zu dem Schluss kommen, mit der "Masseninformation"
durch die Medien kommen Sie nicht wirklich weiter, könnten Sie in Gefahr geraten, sich tiefgreifender mit dem Studium der Wirtschaft und der Börse zu beschäftigen. Doch je tiefer Sie sich mit der Materie Wirtschaft und Börse beschäftigen würden, desto frustrierter würden Sie. Denn selbst die grundlegensten Wirtschaftstheorien widersprechen sich zum Teil dramatisch. Der nach einer universellen Antwort dürstende Studierende würde wohl bald die Börsen- und Wirtschaftsbücher an die Wand werfen und zu der Erkenntnis kommen:
"Eins ist sicher, die Börse ist es nicht!"
Doch ist es ein grundsätzliches Problem unserer Zeit, kaum ein Mensch dürfte noch in der Lage sein, allein eine einzige Wissenschaft erschöpfend zu erlernen und zu begreifen. Wenn ich da an den Anspruch der Enzyklopädisten denke. Einer von Ihnen, Denis Diderot (1713-1784) formulierte wie folgt:
"Bei der lexikalischen Zusammenfassung alles dessen, was in die Bereiche der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks gehört, muss es darum gehen, deren gegenseitige Verflechtungen sichtbar zu machen, und mit Hilfe dieser Querverbindungen die ihnen zugrundeliegenden Prinzipen genauer zu erfassen und die Konsequenzen klarer herauszustellen; es geht darum, die entfernteren und näheren Beziehungen der Dinge aufzuzeigen, aus denen die Natur besteht und die die Menschen beschäftigt haben, ein allgemeines Bild der Anstrengungen des menschlichen Geistes auf allen Gebieten und in allen Jahrhunderten zu entwerfen."
Heute wäre das allein aufgrund der Masse der Informationen ein völlig sinnloses Unterfangen.
Was bleibt ist Chaos. Dabei fühlen wir uns nicht wohl im Angesicht des Chaos. Denn Chaos ist nicht zu beherrschen, nicht in Formeln zu pressen. Wir Menschen suchen jedoch noch nach Sicherheiten, nach vertrauten Wegen. Was gestern so war, soll auch morgen so sein. Gerade an den Börsen ist dieser Wunsch nach Sicherheit sehr hoch und führt meistens zu Verlusten.
Wirklich niemand weiß, wenn er eine Position eingeht, ob es ein Erfolg wird oder nicht. In dem Moment, indem Sie eine Aktie kaufen, haben Sie es sich auf dem Achterbahnsitz der Börse bequem gemacht, sind angeschnallt worden und warten was nun passiert. Die Fahrt wird rucklig und Sie wissen niemals wohin sie geht, egal wie viel Sie recherchiert haben, egal wie viel Sie verstanden haben.
Beim Futuretraden habe ich gelernt, den Wunsch nach sicheren Trades vollständig aufzugeben. Ich habe mich dem Chaos des Futures quasi ergeben. Egal was ich auch denke, das erste was ich mache, noch bevor ich einen Kontrakt kaufe, ich suche einen geeigneten Stop Kurs. Nicht weil ich meiner Analyse nicht traue, sondern weil ich der Börse, dem Chaos nicht traue.
Der Stop-Kurs ist der wichtigste aller Faktoren. Er muss relativ nahe am Kaufkurs liegen, damit die Verluste gering bleiben, denn mehrere kleine Verluste kann man durch einen Trade wieder rausholen. Erst dann überlege ich mir das Kursziel. Im Future ist es möglich sowohl Stop Kurs als auch das Verkaufslimit auf dem Kursziel gleichzeitig zu setzen. Sobald ich dann die Kontrakte habe, überlasse ich den Rest der Börse. In diesem Moment habe ich alles abgegeben und keinen Einfluss mehr. Ich entspanne mich und mache etwas anderes (zum Beispiel den Investor's Daily schreiben). Bei Aktien reagiere ich noch etwas mehr auf Nachrichten, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich es nicht auch dort sein lassen sollte. Und da bin ich wieder bei Bill Bonner, der heute ähnliche Gedanken hat.
P.S. Gerade kommt das noch völlig unbestätigte (!) Gerücht über die Ticker, Alan Greenspan solle eine Herzattacke erlitten haben. Die Märkte reagierten mit Kursverlusten. (Anm. Red: Das Gerücht bestätigte sich natürlich nicht)
von Jochen Steffens
Da Herr Steffens sich zurzeit in Urlaub befindet, haben wir für Sie einige der Klassiker des Investor's Daily aus den Jahren zwischen 2002 und 2005 zusammengestellt:
Ausgabe vom 31. März 2004
Gestern war ich etwas verdutzt. Ich las zuerst "Wall Street tendiert uneinheitlich - Verbrauchervertrauen stützt", direkt darunter stand die Headline: "DAX-Schluss: US-Verbrauchervertrauen sorgt für keine Unterstützung." Ja, was denn nun?
Aber das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem Wirrwarr der Meinung, Einschätzungen und Analysen, die mir und Ihnen so täglich begegnen.
Tritt man einen Schritt zurück muss man lakonische feststellen: Keiner weiß was genaues, aber alle machen fleißig mit. Kein Wunder, dass mein Kollege Bill Bonner heute zu dem Schluss kommt, jemand ohne Information durch die Massenmedien sei in einer besseren Position.
Sollten Sie also zu dem Schluss kommen, mit der "Masseninformation"
durch die Medien kommen Sie nicht wirklich weiter, könnten Sie in Gefahr geraten, sich tiefgreifender mit dem Studium der Wirtschaft und der Börse zu beschäftigen. Doch je tiefer Sie sich mit der Materie Wirtschaft und Börse beschäftigen würden, desto frustrierter würden Sie. Denn selbst die grundlegensten Wirtschaftstheorien widersprechen sich zum Teil dramatisch. Der nach einer universellen Antwort dürstende Studierende würde wohl bald die Börsen- und Wirtschaftsbücher an die Wand werfen und zu der Erkenntnis kommen:
"Eins ist sicher, die Börse ist es nicht!"
Doch ist es ein grundsätzliches Problem unserer Zeit, kaum ein Mensch dürfte noch in der Lage sein, allein eine einzige Wissenschaft erschöpfend zu erlernen und zu begreifen. Wenn ich da an den Anspruch der Enzyklopädisten denke. Einer von Ihnen, Denis Diderot (1713-1784) formulierte wie folgt:
"Bei der lexikalischen Zusammenfassung alles dessen, was in die Bereiche der Wissenschaften, der Kunst und des Handwerks gehört, muss es darum gehen, deren gegenseitige Verflechtungen sichtbar zu machen, und mit Hilfe dieser Querverbindungen die ihnen zugrundeliegenden Prinzipen genauer zu erfassen und die Konsequenzen klarer herauszustellen; es geht darum, die entfernteren und näheren Beziehungen der Dinge aufzuzeigen, aus denen die Natur besteht und die die Menschen beschäftigt haben, ein allgemeines Bild der Anstrengungen des menschlichen Geistes auf allen Gebieten und in allen Jahrhunderten zu entwerfen."
Heute wäre das allein aufgrund der Masse der Informationen ein völlig sinnloses Unterfangen.
Was bleibt ist Chaos. Dabei fühlen wir uns nicht wohl im Angesicht des Chaos. Denn Chaos ist nicht zu beherrschen, nicht in Formeln zu pressen. Wir Menschen suchen jedoch noch nach Sicherheiten, nach vertrauten Wegen. Was gestern so war, soll auch morgen so sein. Gerade an den Börsen ist dieser Wunsch nach Sicherheit sehr hoch und führt meistens zu Verlusten.
Wirklich niemand weiß, wenn er eine Position eingeht, ob es ein Erfolg wird oder nicht. In dem Moment, indem Sie eine Aktie kaufen, haben Sie es sich auf dem Achterbahnsitz der Börse bequem gemacht, sind angeschnallt worden und warten was nun passiert. Die Fahrt wird rucklig und Sie wissen niemals wohin sie geht, egal wie viel Sie recherchiert haben, egal wie viel Sie verstanden haben.
Beim Futuretraden habe ich gelernt, den Wunsch nach sicheren Trades vollständig aufzugeben. Ich habe mich dem Chaos des Futures quasi ergeben. Egal was ich auch denke, das erste was ich mache, noch bevor ich einen Kontrakt kaufe, ich suche einen geeigneten Stop Kurs. Nicht weil ich meiner Analyse nicht traue, sondern weil ich der Börse, dem Chaos nicht traue.
Der Stop-Kurs ist der wichtigste aller Faktoren. Er muss relativ nahe am Kaufkurs liegen, damit die Verluste gering bleiben, denn mehrere kleine Verluste kann man durch einen Trade wieder rausholen. Erst dann überlege ich mir das Kursziel. Im Future ist es möglich sowohl Stop Kurs als auch das Verkaufslimit auf dem Kursziel gleichzeitig zu setzen. Sobald ich dann die Kontrakte habe, überlasse ich den Rest der Börse. In diesem Moment habe ich alles abgegeben und keinen Einfluss mehr. Ich entspanne mich und mache etwas anderes (zum Beispiel den Investor's Daily schreiben). Bei Aktien reagiere ich noch etwas mehr auf Nachrichten, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich es nicht auch dort sein lassen sollte. Und da bin ich wieder bei Bill Bonner, der heute ähnliche Gedanken hat.
P.S. Gerade kommt das noch völlig unbestätigte (!) Gerücht über die Ticker, Alan Greenspan solle eine Herzattacke erlitten haben. Die Märkte reagierten mit Kursverlusten. (Anm. Red: Das Gerücht bestätigte sich natürlich nicht)
Gruß Moya 