Bush oder Kerry: Mögliche Folgen für die Aktienmärkte
Von Amey Stone, BusinessWeek Online

23. August 2004 Die Wahlbeobachtung durch Investoren wird voraussichtlich mit den Parteitagen der Republikaner ab dem 30. August verstärkt beginnen und mit den ersten Fernsehdebatten Ende September intensiver werden. Der Ausgang der Präsidentschaftswahlen sei „definitiv etwas, das Investoren in ihre Erwägungen einbeziehen sollten”, sagt Michael Panzner, Börsenhändler bei Rabo Securities und Autor des Buches „The New Laws of the Stock Market Jungle” („Die neuen Gesetze im Aktienmarkt-Dschungel”).

„Professionelle Investoren werden dafür bezahlt, daß sie sechs Monate vorausblicken”, so Greg Valliere, Chefstratege bei der Washingtoner Research-Abteilung von Charles Schwab. „Sie dürften jetzt anfangen zu prognostizieren, wie die Dinge nach den Wahlen aussehen könnten.” Professionelle Investoren können den Wahlausgang zu diesem Zeitpunkt zwar ebenso wenig vorher sagen wie die politischen Experten. Statt dessen schauen sie sich jedoch beide Szenarien an - eine Wiederwahl von George Bush und einen Sieg John Kerrys.
Kerry trotz republikanischer Kongreßmehrheit mit großem Einfluß
Ein Blick auf die Geschichte ist dabei wenig hilfreich. Die Aktien entwickelten sich unter Bill Clinton wesentlich besser als unter Bush II, aber im laufenden Jahr hat der S&P 500-Aktienindex ziemlich genau die Futures-Preise widergespiegelt, die eng mit einer Wiederwahl Bushs verbunden sind. Wenn Bush in Wahlumfragen an Popularität gewinnt, steigen auch die Aktien und umgekehrt.
Dieser Zusammenhang wird nach Ansicht mancher Analysten zum Zeitpunkt der Wahlen so vielleicht nicht mehr bestehen. Sie gehen davon aus, daß sich Investoren mit Kerry anfreunden, je mehr sie über seine zukünftige Regierungssituation wissen. Ein Kongreß mit einer republikanischen Mehrheit würde Kerry die Verabschiedung von Gesetzen zwar erschweren, meint Valliere, aber ein Präsident könne dennoch enormen Einfluß haben. Beispielsweise glaubt er, daß das ordnungspolitische Umfeld unter Kerry ungünstiger wäre.
Gesundheitssektor profitiert von Bushs Wiederwahl
Nur bestimmte Branchen würden eventuell durch neue Regularien betroffen. „Für die meisten Branchen macht es keinen großen Unterschied, wer gewinnt”, so Andy Laperriere, Leiter der Research-Firma International Strategy & Investment (ISI) in Washington. „Aber für einige wenige macht es einen großen Unterschied”. Es folgt eine Übersicht, wie wichtige Branchen vom Wahlausgang betroffen sein könnten.
Der Gesundheitssektor würde nach Ansicht von Analysten am meisten von einer Wiederwahl Bushs profitieren. Für die großen Pharma-Firmen wären vier weitere Jahre unter einer Bush-Regierung wahrscheinlich eine große Erleichterung. Pharma-Aktien haben in den vergangenen Monaten einiges einstecken müssen, weil sich Investoren Gedanken über Kerrys Pläne gemacht haben, die Kostenerstattung für verschreibungspflichtige Medikamente zu senken und die Einfuhr billigerer Medikamente aus Kanada zu erleichtern. Ebenso würden andere Firmen im Gesundheitsbereich, beispielsweise Versicherer durch eine Wiederwahl Bushs einen positiven Impuls erhalten.
Bush-Sieg bringt psychologischen Vorteil für Rüstungsindustrie
Die Energie- und Rüstungsindustrien sind unter der Regierung Bush am besten gediehen. Peter Cohan, Autor und Management-Berater in Marlborough, Massachusetts, hat einen Index entwickelt, der sich aus global führenden Unternehmen der Öl-, Kohle-, Gas- und Rüstungsindustrie zusammensetzt. Der so genannte W Industrial Complex Index (WIC) hat seit Januar 2001 um 39 Prozent zugelegt, während der Referenzindex S&P 500 um 18 Prozent und der Nasdaq-Index im selben Zeitraum um 34 Prozent sanken.
Politikanalysten gehen davon aus, daß ein Wahlsieg Bushs kurzfristig ein Plus für diese Industrien bedeuten würde. Die tatsächlichen Auswirkungen der weiteren Politik Bushs auf die Umsätze und Gewinne dieser Unternehmen wären jedoch schwer vorhersehbar. Beispielsweise könne die Rüstungsindustrie einen psychologischen Vorteil aus einer Wiederwahl Bushs erhalten, erläutert Lapierre, die Beschaffung von Waffen würde jedoch unabhängig vom Wahlausgang steigen. „Falls Kerry gewinnt, würden die Rüstungsaktien verlieren, aber das wäre eine gute Kaufgelegenheit”, ergänzt Lapierre noch. Panzner ist dagegen der Ansicht, dass Bush die Verteidigungsausgaben insgesamt reduzieren könnte, zum Teil, um das Haushaltsdefizit zu begrenzen.
Was die Ölindustrie betrifft, wäre eine Wiederwahl Bushs ein klarer Gewinn für die meisten traditionellen Energieunternehmen. Kerry steht dagegen für höhere Emissionsstandards und die Förderung erneuerbarer Energien. Analysten weisen jedoch darauf hin, daß die Aktien von Energieunternehmen zuletzt vor allem wegen steigender Ölpreise gestiegen seien, die außerhalb von Bushs Einflußbereich liegen.
Baufinanzierer und alternative Energien profitieren von Wahlsieg Kerrys
Ein Sieg Kerrys würde dagegen positive Aussichten für andere Branchen bedeuten. Nach Ansicht Vallieres würden Aktien der großen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac einen Aufschwung erleben. Diese operieren unter Federal Charter und sahen sich zunehmend kritischer Prüfung von Seiten der Republikaner ausgesetzt, die den Draht zur Regierung vielleicht kappen könnten. „Das ordnungspolitische Klima wäre [für diese von öffentlicher Seite gesponserten Unternehmen] unter Kerry weit freundlicher”, erläutert Valliere.
Alternative Energien sind eine andere Branche, für die ein Präsident Kerry positive Aussichten bedeuten könnte. Die Förderung erneuerbarer Energien „ist ein Eckstein des Kerry-Programms”, so Jack Robinson, Co-Manager des Winslow Green Growth Fund, der viele Unternehmen besitzt, die von einem Wahlsieg Kerrys profitieren würden. Er erläutert, daß der heutige Senator im Präsidentenamt beispielsweise Steuerermäßigungen für Solar- und Windenergie sowie restriktivere Standards für Treibstoff-Effizienz einführen will.
Das einzige Problem mit der Investition in alternative Energien sei, daß viele Unternehmen klein und spekulativ seien, meint Dan McNeela, der bei Morningstar für den Energiesektor zuständig ist. Selbst wenn Kerry gewänne, wäre es eine riskante Investition. Im Portfolio von Robinson finden sich beispielsweise Quantum Tech, die Treibstoffzellen produzieren, Vestas Wind Power, ein Hersteller von Windturbinen sowie FuelTech, die Produkte herstellen, die eine effizientere Kohleverbrennung ermöglichen.
Kerry bringt Impulse für Biotechnologie
Manche Investoren gehen davon aus, daß auch Biotechnologieaktien ebenso wie einige andere forschungsintensive und risikokapitalfinanzierte Industrien wie Nanotechnologie durch einen Sieg Kerrys gewinnen würden. Beispielsweise würde die Liberalisierung der Stammzellenforschung, die in den Vereinigten Staaten durch die Kürzung von Forschungsgeldern durch die Regierung Bush deutlich behindert war, der amerikanischen Biotech-Industrie einen wichtigen Impuls geben, erläutert Robinson. Sein Fonds besitzt Thermogenesis, die Ausrüstungen zur Gewinnung von Blutbestandteilen einschließlich Stammzellen herstellen.
Nach Ansicht Robinsons würden auch Unternehmen im Bereich „gesünderes Leben” von Versuchen einer neuen Regierung Kerry profitieren, die Gesundheitsausgaben des Staates zu reduzieren. Er setzt dabei beispielsweise auf Whole Foods, United Natural Foods und Chiquita Bananen.
Demokraten innovativer, aber auch regulierungswütiger
Robinson hofft mit seinem Fonds klar auf einen Wahlsieg Kerrys. „Unter Bill Clinton hat sich der Aktienmarkt gut entwickelt, und ich spüre bei den Demokraten eine größere Offenheit gegenüber neuen Ideen und Technologien”, so Robinson. Andere Investoren sind der Ansicht, daß Kerry schädlich für das Wirtschaftswachstum wäre, da er wahrscheinlich für höhere Steuern und stärkere staatliche Regulierung steht. „Wir haben große Bedenken bezüglich einer negativen Wirkung auf die Wirtschaft und die Märkte, falls Kerry gewinnt”, schrieb Donald Luskin, Chief Investment Officer der Research-Firma TrendMacrolytics am 13. August.
Außerdem gibt es da noch den dritten Kandidaten, Ralph Nader. Obwohl Investoren nicht wissen, ob sie nun auf Bush oder auf Kerry setzen sollen, müssen sie sich immerhin keine Gedanken darüber machen, wie die Märkte sich unter einem Präsidenten Nader entwickeln würden.
Text: Bearbeitung: @thwi
Bildmaterial: dpa/dpaweb