
02. August 2004 Viele amerikanische Anleger, Vermögensverwalter und Fondsmanager sind unverbesserliche Optimisten. So dürfte es wenig verwundern, wenn aktuell immer wieder Analysen durch den Raum geistern nach dem Motto: „Die Aktien im Standard & Poor's 500 Index sind so günstig wie zuletzt vor sieben Jahren“.Das mag zwar stimmen, erweckt allerdings einen falschen Eindruck. Denn wenn unbescholtene Anleger beim Lesen von solchen Analysen und Berichten denken sollten, die amerikanischen Aktien seien zu wahren Schnäppchen geworden, dann liegen sie schlicht und einfach falsch: „So günstig wie zuletzt vor sieben Jahren“ heißt noch lange nicht preiswert. Das wären sie erst dann, wenn die Bewertungen der Aktien im Durchschnitt tatsächlich unterdurchschnittlich hoch wären. Das sind sie allerdings nicht.
Kurs-Gewinnverhältnisse günstiger, aber nicht richtig günstig
Ein Blick auf die angehängte Graphik zeigt erstens, daß die Kurs-Gewinnverhältnisse (KGV) der Aktien des S&P 500-Index in den vergangenen fünfzig Jahren zugenommen haben. Das zeigt sich an der leicht ansteigenden Regressionsgerade. Wie immer man es auch theoretisch begründen mag - mit der Bereitschaft der Anleger, mehr zu zahlen, mit sinkenden Zinsen et cetera -, es ist zunächst einmal nur Fakt. Zweitens liegt der langjährige Durchschnitt der KGVs tiefer liegt. Bezogen auf den langjährigen Durchschnitt sind damit amerikanische Aktien nicht nur keine Schnäppchen, sondern immer noch leicht überbewertet.
In den vergangenen Jahren wurde damit in einer Kombination zwischen fallenden Kursen und steigenden Gewinnen die massive Überbewertung abgebaut. Allerdings kann man im Durchschnitt noch lange nicht von Schnäppchenkursen reden. Vor allem auch dann nicht, wenn die extrem niedrigen Zinsen berücksichtigt. Sie führen auf Grund des Bewertungsmechanismus automatisch zu höheren Kursen. Gleichzeitig haben sie aber auch die Wirtschaft kurzfristig aktiviert und zu einer starken Verschuldung der Haushalte und auch des Staates geführt. Sollten die Zinsen weiter steigen - was notwendig und sehr wahrscheinlich ist -, wird nicht nur einem Teil der Bewertung die Basis entzogen, sondern gleichzeitig dürfte auch die künstlich gepushte Konjunktur an Dampf verlieren. Beides wäre nicht gut für die Aktien.
Solche Argumente stehen im Gegensatz zu den „bullischen Otpimisten“. Etwa Craig Callahan, Chief Investment Officer für die Kapitalanlagen bei Icon Advisers: "Es gibt gerade ganz außergewöhnliche Schnäppchen", sagt er. Denn "das Gewinnwachstum ist ganz beachtlich, die Zinsen sind etwa da, wo sie Anfang des Jahres waren und die Gewinnaussichten sind auch gut." Amerikanische Aktien dürften zur Zeit 19 Prozent unterbewertet sein, lautet sein Fazit. Er stützt seine Bewertung von insgesamt 1.700 Unternehmen unter anderem auf Kriterien wie Gewinn und Zinsniveau.
Sind Aktien preiswert genug geworden?
Das Kurs-Gewinnverhältnis für die Unternehmen im S&P 500 Index hatte im Jahr 2000 mit 65,8 einen Höchstwert erreicht und ist seither um mehr als zwei Drittel gefallen. Das durchschnittliche KGV seit 1954 liegt indes bei 15. "Sie sind preiswerter geworden, die Frage ist nur, ob die Aktien preiswert genug geworden sind", bringt es Wendell Perkins, Vermögensverwalter bei Johnson Family of Fund s in Racine, Wisconsin, auf den Punkt. Die Aktienkurse werden im kommenden Jahr etwa acht bis zehn Prozent zulegen, die Gewinne dürften im gleichen Ausmaß steigen, erwartet Perkins.
Andere Strategen sind nicht ganz so optimistisch. „Die Gewinnprognosen für den Rest des Jahres beeindrucken die Analysten nicht“, schrieb etwa Francois Trahan, Chief Investment Strategist bei Bear Stearns in einem Bericht in der vergangenen Woche. "In den Ergebnissen für das zweiten Quartal findet sich kein einziger Grund für Analysten, optimistischer für das zweite Halbjahr zu sein", so Trahan. Das Gewinnwachstum wird sich im dritten Quartal auf 14,7 Prozent verlangsamen, und im vierten bei 15,6 Prozent liegen, geht aus Umfragen von Thomson hervor. Für das gesamte nächste Jahr rechnen die Befragten lediglich noch mit 10,1 Prozent Wachstum, nach 18,7 Prozent im Jahr 2004.
Insgesamt wird deutlich, daß die amerikanischen Aktien zwar günstiger geworden sind als in den vergangenen Jahren. Aber richtig günstig sind sie noch lange nicht. Auch die Markttechnik kann nicht überzeugen. In diesem Sinne dürfte es ratsam sein, die weitere Entwicklung kritisch zu betrachten, um rechtzeitig reagieren zu können. Sei es, wenn die Börsen richtig nach unten drehen. Oder sei es, weil sie - aus welchem Impuls auch immer - neue spekulative Dynamik entwickeln. Das sicherste dürfte sein, auf ausgewählte Aktien und Einzeltrends zu setzen. Allerdings immer verbunden mit entsprechenden Absicherungsstrategien.
Text: @cri
Bildmaterial: Bloomberg
