"Dow Jones hat Luft bis 10.000 Punkte"
Die Börse erlebt eine Rallye aus Mangel an Alternativen, meint Karl Strohmeier, Experte für US-Aktien bei der Landesbank Baden-Württemberg. Deshalb kann es trotz schwacher Konjunkturdaten weiter nach oben gehen. Bewertungen seien noch nicht das Problem: Risiken für den Aktienmarkt drohen von anderer Seite.
SPIEGEL ONLINE: Die US-Börsen legen seit Mitte März zu und treiben die weltweiten Indizes vor sich her. Wann geht der Wall Street die Puste aus?
![]() | |
| |
| |
Da auch die Renditen am Geldmarkt abzüglich Inflation gegen Null tendieren, investieren Anleger lieber in Blue Chips, die in den vergangenen Jahren ihre Dividende stabil gehalten oder sogar gesteigert haben. Daher fließt derzeit viel Geld aus Anleihen und Geldmarktfonds zurück in den Aktienmarkt - und das kann noch eine Weile so bleiben.
SPIEGEL ONLINE: Die Rallye am Aktienmarkt ist also ausschließlich von hoher Liquidität und der Erkenntnis getrieben, dass anderswo kaum noch Geld zu verdienen ist?
Strohmeier: Zu einem großen Teil ja, aber nicht nur. Seit Ende des Irak-Krieges und dem Abklingen der SARS-Epidemie ist Entspannung zu spüren. Die Situation im Luftfahrt- und Touristiksektor zum Beispiel sieht wieder viel freundlicher aus.
Außerdem hilft der schwache Dollar den US-Unternehmen, ihre Umsätze und Erträge zu steigern. Ich glaube daher, dass die nächsten Quartalsergebnisse in den USA besser ausfallen werden als in Europa, wo auf Grund des starken Euro Gewinneinbußen drohen.
SPIEGEL ONLINE: Der starke Euro schürt Deflationsangst, und Deutschland ist in die Rezession gerutscht. Viele Marktbeobachter halten eine Korrektur an den Börsen inzwischen für überfällig. Wie hoch ist das Risiko, dass es an der Wall Street und in der Folge auch an den europäischen Börsen zu einem deutlichen Rückschlag kommt?
Strohmeier: Ich halte das Risiko einer Deflation in den USA für gering. Die Zinsen sind extrem niedrig, die Liquidität ist hoch, und die Preisentwicklung ist stabil. Wer in den USA ein Deflations-Szenario wie in Japan heraufbeschwören will, sollte beachten, dass die US-Wirtschaft in diesem Jahr immer noch um voraussichtlich 2,5 Prozent wächst. Im Gegensatz zu Japan und Deutschland haben wir in den USA außerdem Bevölkerungswachstum.
Von "Überbewertung" sprechen meistens diejenigen, die den jüngsten Aufschwung bislang verpasst haben: Die Erholung der vergangenen Monate ist mit der Aktien-Hausse von 1999 nicht zu vergleichen. Anleger agieren immer noch sehr verhalten, wir sind noch nicht in einer Übertreibungsphase. Es ist daher durchaus möglich, dass der Dow Jones mittelfristig bis auf 10.000 Punkte marschiert.
SPIEGEL ONLINE: Also weiter steigende Kurse bei geringem Risiko?
![]() | |
| |
SPIEGEL ONLINE: Wann ist mit der Zinswende zu rechnen?
Strohmeier: Kurzfristig ist das noch kein Thema. Die Investoren gehen weiterhin von einem niedrigen Zinsniveau aus. Die Bank of England und die US-Notenbank scheuen vor Zinserhöhungen zurück, weil damit auch die Hypothekenbelastung steigen und das Interesse an Immobilien sinken würde: Bei den derzeit hoch bewerteten Immobilienmärkten in USA und Großbritannien ist das ein hohes Risiko.
Bei wieder steigenden Zinsen drohen dem US-Hypothekenfinanzierer Freddie Mac Probleme vor allem bei der Refinanzierung. Daher bewegt sich der Immobilienmarkt in der Tat auf dünnem Eis. Aus diesen Gründen ist bis Jahresende keine Zinserhöhung zu erwarten - und deshalb bleiben Aktien attraktiv.
SPIEGEL ONLINE: An der Wall Street ist eine Zinssenkung eingepreist. Anleger erwarten, dass Alan Greenspan am 25. Juni die Zinsen von 1,25 auf 0,75 Prozent drücken wird. Wenn dieser Impuls nicht zündet, hat die Fed keinen Spielraum mehr.
Strohmeier: Im Grunde brauchen wir keine Zinssenkung der US-Notenbank mehr. Zinsen allein bringen keinen Aufschwung - die Unternehmen müssen jetzt endlich wieder investieren. Zyklische Unternehmen wie Alcoa
, Caterpillar
, John Deere oder US Steel weisen bereits eine relative Stärke auf, weil Anleger mit einem Aufschwung der Konjunktur in diesem Herbst rechnen.
Die Impulse für die US-Konjunktur werden nach meiner Einschätzung nicht vom privaten Konsum kommen, sondern eher von einem steigenden Export und durch stärkere Investitionen der Unternehmen. Zyklische Aktien sind für den Anleger daher eine interessante Wette: Viele Investoren verabschieden sich von Konsum- und Versorgertiteln und schichten in Investitionsgüterhersteller, Maschinenbauer und ausgewählte Technologieaktien um.
Eine Zinssenkung der Fed in der kommenden Woche ist dennoch möglich: Sie würde Erwartungen befriedigen und die derzeit positive Marktstimmung unterstützen. Die Strategie, über steigende Aktienkurse die Konjunktur und Kauflust der Konsumenten anzuregen, hat sich in den USA schon oft bewährt.
SPIEGEL ONLINE: Die Unternehmen sollen endlich wieder Geld ausgeben - doch viele Auguren warnen bereits vor enttäuschenden Geschäftsergebnissen im nächsten Quartal.
Strohmeier: Die Quartalszahlen werden wahrscheinlich nicht mehr so positiv überraschen wie im ersten Quartal. Doch US-Unternehmen haben Grund zur Gelassenheit, denn ihnen hilft der schwache Dollar. Risiken sehe ich da eher für den deutschen Aktienmarkt, da der starke Euro auf die Quartalsergebnisse der Dax-Unternehmen durchschlägt. Enttäuschungen drohen eher am deutschen Markt.
Das Interview führte Kai Lange




