Höchster Quartalsverlust am deutschen Aktienmarkt seit 1959 / Nur der Bovespa verliert mehr
ham. FRANKFURT, 30. September. Dieses Quartal werden auch ganz hart gesottene Aktionäre nicht so schnell vergessen. Vom 1. Juli bis zum 30. September rutschte der Dax um 36 Prozent. Das ist der höchste Quartalsverlust am deutschen Aktienmarkt seit 1959, wie der Finanzdienstleister Bloomberg berechnet hat. 200 Milliarden Euro wurden allein von den dreißig Dax-Gesellschaften vernichtet. Zwei weitere Tatsachen machen den Rutsch für deutsche Aktionäre noch gravierender. Zum einen ging dem Quartal schon eine mehr als zwei Jahre andauernde Baisse voraus. Zum anderen schnitt unter den wichtigsten Aktienindizes der Welt nur der brasilianische Bovespa im abgelaufenen Quartal noch schlechter ab als der Dax.
Die Gründe für die ausgeprägte Schwäche des Dax im Vergleich zu anderen Indizes liegen zunächst auf der Hand. Die durch die Flutkatastrophe entstandenen Schäden wecken Befürchtungen, daß das Aufschieben der zugesagten Steuerentlastungen von 2003 an nicht ausreicht. Vielmehr geht die Angst vor Steuererhöhungen um, die eine weitere Belastung für die darniederliegende Konjunktur wären. Und seitdem die Bundesregierung im Irak-Konflikt einen eigenen Weg eingeschlagen und Amerika verprellt hat, ziehen amerikanische Investoren ihre Gelder aus deutschen Aktien ab.
Auch mit der Zusammensetzung des Dax läßt sich der Sturz erklären. Durch die Siemens-Familie (Siemens, Infineon, Epcos) sowie SAP ist der Dax vergleichsweise technologielastig. Auch wenn die Blase der Technologieaktien weltweit schon seit längerem geplatzt ist, sind diese Titel angesichts der nach wie vor vorhandenen Überkapazitäten in den computernahen Branchen immer noch eine Belastung für einen Index. Darüber hinaus sind in diesem Quartal Versicherungsaktien und zuletzt Bankenaktien besonders unter Druck geraten. Mit Allianz, Münchener Rück sowie Deutscher Bank, Hypo-Vereinsbank und Commerzbank sind auch die Finanzwerte sehr stark im Dax. Zusammen machen Finanz- und Technologietitel rund 46 Prozent des Dax aus. In Großbritannien und Frankreich kommen diese Branchen zusammen nur auf ein Gewicht von 20 bis 35 Prozent in den führenden Indizes. Hinzu kommt, daß die deutschen Banken im internationalen Vergleich besonders schlecht dastehen. Wegen eines durch öffentliche Banken verzerrten Wettbewerbs leiden sie auch in guten Zeiten unter einer ausgeprägten Ertragsschwäche im Inland. In diesem Jahr geraten die Banken wegen einer Rekordzahl an Insolvenzen dort zusätzlich unter Druck. Zudem könnte Brasilien, das am Wochenende einen neuen Präsidenten wählt, die Bedienung ausstehender Kredite verweigern und zu einer noch größeren Belastung des internationalen Finanzsystems werden. Am Montag zeigten sich Börsianer überrascht, daß die Commerzbank ihre Risikovorsorge wegen weiter notwendiger Wertberichtigungen nur leicht erhöht.
Offenbar rechnet kaum jemand am Aktienmarkt damit, daß die deutschen Banken ihre Dividende, die sie in diesem Jahr gezahlt haben, auch im kommenden Frühjahr zahlen werden. Wer nämlich jetzt darauf setzt, erhielte im Fall gleich bleibender Dividenden von der Hypo-Vereinsbank und der Commerzbank eine Dividendenrendite von fast 6 Prozent. Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit rentieren derzeit nur bei 4,3 Prozent.
Eine der wenigen stabilisierenden Aktien im Dax ist derzeit die Deutsche Telekom. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, daß die Blase der Telekommunikationsaktien weltweit nun leer ist. Gleichzeitig zeigt der Kurs der Telekom-Aktie mit einem Rutsch um mehr als 90 Prozent von ihrem Höchstkurs, was anderen noch blühen könnte. Den Bankaktien könnte noch eine längere Talfahrt bevorstehen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.10.2002, Nr. 228 / Seite 21