Die falsche Perspektive
von Jochen Steffens
Wie Sie sicherlich gemerkt haben, wird das Wetter schlechter. So verwundert es nicht, dass auch der DAX in den Rückwärtsgang umschaltet. Aber 1,1% minus sind nicht wirklich schlimm, wenn man bedenkt, dass er in den letzten 26 Handelstagen um über 14% angestiegen ist. Viel gefährlicher ist, dass die amerikanischen Indizes nicht ihre entscheidenden Marken überwinden konnten. Noch ist es zu früh, um zu warnen, aber ich bin zurzeit sehr vorsichtig, die Gründe hat ich Ihnen gestern dargelegt.
Wie verhält man sich aktuell?
Die Frage ist, wie geht man mit so einer Situation um. Eines sollte man nicht tun: Shorten! Also auf fallende Märkte setzen. Ich weiß, die Versuchung ist immer groß, jede kleine Konsolidierung zu shorten. Natürlich kann man damit auch Gewinne machen. Aber Sie müssen sich beim Traden immer vor Augen halten, dass Sie nur dann langfristig eine gute Chance haben, wenn die Wahrscheinlichkeiten bei jedem Trade auf ihrer Seite sind.
In einem starken Aufwärtstrend jedoch stehen die Chancen auf der Shortseite immer gegen sie! Natürlich ist es spektakulär, genau am Hoch eine Short-Position gekauft zu haben. Es mag auch gut für die Eitelkeit sein – schließlich ist es etwas, das man stolz seinen Trader-Kollegen erzählen kann. Aber es ist und bleibt unter dem Strich schlechtes Trading.
Typischer Anfängerfehler
Interessanterweise versuchen gerade Anfänger oft, nicht mit dem Trend zu gehen, sondern jede Gelegenheit zu nutzen, gegen den Trend auf fallende Kurse zu setzen. Es muss doch einfach mal ein Ende finden. Dahinter verbirgt sich jedoch die Unfähigkeit des Menschen allzuweit über den Tellerrand hinauszuschauen. Der Mensch ist immer geneigt, auf das Nahe, Gewohnte und Bekannte zurückzugreifen.
Hinzu kommt eine Eigenart des Gehirns, alles zu unterteilen - in Räume, in Abschnitte, etc. Wenn wir uns eine große Strecke vorstellen, dann tun wir es in Abschnitten. Immer muss eine Art Viereck um das Vorgestellte herum vorhanden sein. So unterteilen wir diese Strecke in verschiedene Gebiete, einfach weil unser Gehirn damit überfordert ist, das Ganze zu begreifen. Bei Charts ist die normale Umrandung eine eben für diese Eigenart verführerische Falle. Das hat schon zu mancher Fehleinschätzung geführt.
Alles nur eine Frage der Einstellungen
Ich will ihn dazu ein kleines Beispiel demonstrieren, dass ganz interessant ist und sehr gut verdeutlicht, wovon ich rede und warum gerade viele Chartisten in diese oben beschriebene Falle laufen:
Schauen Sie sich zunächst nur folgenden Chart an. Ich habe extra sowohl die Datumskala als auch die Preisskala weggelassen.

Wenn ich Sie nun fragen würde, wie sich der Chart weiterentwickelt, würden einige unter Ihnen auf die Idee kommen, dass der Chart sein Hoch gefunden hat. Andere könnten sich vielleicht noch die Fortsetzung des Trends vorstellen. Aber das tatsächlich nur um die gleiche Spanne, die der Chart jetzt schon darstellt. Mehr ist nicht drin. Das packt das Hirn einfach nicht. Ich stelle Ihnen den gleichen Chart aus einer anderen Perspektive vor:

Es ist tatsächlich der gleichen Chart nur mit einer größeren Zeiteinstellung. Sie sehen dieses kleine Doppeltop - Wenn ich Sie jetzt fragen wurde, wohin dieser Chart geht, würden die meisten von Ihnen wesentlich höhere Kursziel benennen.
Beeinflusste Wertung
Es ist also tatsächlich so, dass die Darstellung des Charts, die Umrandung, einen Einfluss auf die Wertung des Charts haben kann. Nun sehen sich viele Ihre Charts an, und verfolgen die Entwicklung. Wenn es zu stark steigt, führt das dazu, dass die Charts nahe der Oberkante sind und hier fängt dann das Gehirn an, mitzuspielen. Und so wird die Spanne, die der Chart schon gestiegen ist, oft massiv überbewertet.
Das Problem ist also oft, dass häufig Charts nicht weit genug gestellt werden, sowie im ersten Beispiel. Und das ist der Grund, warum sich gerade im Intradaytrading, im Swing-Trading und anderen kurzfristigen Tradingarten, also immer dann, wenn der Marktteilnehmer zu nah an den Charts klebt, die Fehlerquote allein durch die Form der Wahrnehmung des menschlichen Gehirns erhöht.
Und schlussendlich gehört diese Effekt mit zu den Gründen, warum so viele in einem Aufwärtstrend dazu neigen, immer wieder die Shortseite zu wählen. Einfach, weil sie sich nicht vorstellen können, dass es noch viel weitergeht.
Lassen Sie sich nicht in die Irre führen
Lassen Sie sich also nie von den Tücken Ihrer Wahrnehmung und ihres Gehirns beeinflussen. Ein Trend kann länger laufen als sich jeder von uns vorstellen kann. Und aus diesem Grunde zeige ich ihn jetzt die Auflösung des Rätsels, einige werden es schon erraten haben: Bei dem Chart handelte es sich um unseren guten alten DAX und so hat er sich weiterentwickelt:

Das kleine Rechteck markiert den Ausschnitt des ersten Charts. Seien Sie ehrlich, diese Entwicklung war Ihnen beim Betrachten des ersten Charts nicht eingefallen. Und vielleicht ist auch das mit ein Grund, warum damals keiner an so einen langen Trend geglaubt hat....