Billig-Titten im Weihnachtsurlaub


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lassmichrein:

Billig-Titten im Weihnachtsurlaub

 
24.11.06 13:17

SPIEGEL ONLINE - 24. November 2006, 13:05
URL: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,449896,00.html

OP-TOURISMUS NACH OSTEUROPA

Billig-Brüste im Weihnachtsurlaub

Von Anne Seith, Sopron

Der neue Busen im Weihnachtsangebot, der Zahnersatz zum Schnäppchenpreis - und dazu ein paar Tage Reit-Urlaub: Solche Angebote locken immer mehr deutsche Patienten nach Polen, Ungarn und Tschechien. Worauf sie sich einlassen, wissen sie oft nicht.

Sopron - Man muss kein Ungarisch können, um Sandor Pap in diesem Moment zu verstehen. Erst hält der Chirurg die gewölbten Hände ganz nah vor die Brust und dann weit weg. Das ist sein Job, unter anderem: Brüste vergrößern - zum kleinen Preis. Er drückt es so aus: "Wer kleine hat, will große - wer große hat, will kleine."

Weitere Wünsche der Kunden, die ins Wabi-Beauty-Center im Grenzstädtchen Sopron kommen: "Fettabsaugen, Bauchstraffung, Schlupflider wegmachen, Facelifting". Der freundliche Ungar, der seine grauen Locken in einen Seitenscheitel gezwungenen hat, zupft zur Verdeutlichung an den Unterlidern, zieht die Haut an den Wangen nach hinten.

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AP

Vorbereitung zu Brust-OP: "Wer kleine hat, will große - wer große hat, will kleine"

 

"Nicht schön", sagt er noch, als er eilig einen Katalog mit Vorher-nachher-Fotografien durchblättert und auf eine Brust tippt, die aussieht wie aufgeblasen. Dann zeigt er ein zurückhaltendes Lächeln, als wundere er sich immer wieder über die Träume seiner deutschen und österreichischen Patientinnen. Dabei kommen sie in Scharen zu ihm. In der Wabi-Klinik liegt das Monatsgehalt der Ärzte zwischen 2000 und 5000 Euro brutto. Im Vergleich zu deutschen Medizinern können Pap und seine Kollegen damit konkurrenzlos günstige Preise anbieten - und dabei für ungarische Verhältnisse immer noch viel verdienen.

Die Brustvergrößerung mit allem, was man braucht, ist für 3900 Euro im Angebot. In Deutschland wird man dafür laut Verbraucherzentrale mindestens 5000 bis 6500 Euro los. Auch die Zähne kann man sich im Wabi-Center preisgünstig richten lassen: "Wenn Sie sich etwa den Zahnersatz in Ungarn machen lassen, sparen sie leicht 50 Prozent", sagt Roland Rose, der mit seiner Firma Gesundheits-Planet Reisen in verschiedene osteuropäische Kliniken organisiert.

Dr. Günstig: Zahnersatz-Urlaub in Sopron

Im Wabi-Center setzt man auf diesen Preisvorteil und auf die Touristen, die sich günstig einen Zahnersatz machen lassen oder den Traum von der neuen Nase verwirklichen wollen. Der kastenförmige Bau, der mit seinem riesigen Parkplatz aussieht wie eine Autobahnraststätte, liegt keine Autostunde von Wien entfernt, direkt am Ortseingang von Sopron. Ärzte, Labore und Personal sind auf Schnelligkeit getrimmt. Innerhalb von zwei Wochen kann notfalls das komplette Gebiss saniert werden.

Für Unterkunft und Unterhaltung ist außerdem gesorgt, denn das Haus ist gleichzeitig Wellnesshotel: Im Erdgeschoss logiert ein riesiger Friseursalon, darüber gibt es Schwimmbad und Saunalandschaft, Massage- und Manikürezimmer. Bald können die Patienten sogar auf einer nahe gelegenen Pferderanch nächtigen und dort gleich noch ein paar Reitstunden nehmen.

Für die Betreuung der deutschsprachigen Gäste ist eine eigene "Kommunikationsassistentin" zuständig, die wie ein guter Geist mit nie versiegendem Lächeln durchs Haus huscht, Kühlbeutel und Medikamente bringt und die Behandlungsvorschläge der Ärze übersetzt. Das Vokabular hat sie sich aus Fachaufsätzen und der "Amica" zusammengesucht.

Brust-OP plus Wellness als Weihnachts-Special

Der Operations-Tempel kann sich über mangelnden Zulauf nicht beklagen. Schon denkt Direktor Karakai Tamas über einen Anbau aufs Nachbargrundstücken nach, eine zweite Klinik in einer anderen Stadt ist ebenfalls in Planung. Denn das Geschäft mit den Gesundheitstouristen boomt in ganz Osteuropa. Allein in dem 50.000-Einwohnerstädtchen Sopron gibt es schon rund 300 Zahnmediziner, vom "Zahnarzt im Hof" bis zur Praxis "Smile32". Fast alle haben deutschsprachiges Personal und günstige Hotelzimmer im Angebot. Auch in Polen, Tschechien oder an der bulgarischen Schwarzmeerküste bieten Kliniken ihre Dienste an, manchmal wird die Brust-Vergrößerung schon für 2000 Euro verkauft.

Auch deutsche Unternehmer haben die neue Branche für sich entdeckt. Agenturen wie der Gesundheits-Planet organisieren Flug, Abholservice, Ausflüge - manchmal werden ganze Busgesellschaften zur Zahnklinik ins Ausland gekarrt. Die Wiener Agentur Femmestyle bietet den OP-Urlaub im Wabi-Center sogar als Pauschalreise an: Einmal Brust-Vergrößerung mit Reise, Unterkunft, Abholservice und sämtlichen Materialien für 4690 Euro - bis 7. Januar gibt es als Weihnachtsextra noch vier Tage Wellness dazu.

Vertreter von Ärzte- und Zahnärztekammern halten von solchen Angeboten wenig. "Der Mensch ist kein Auto, das man zwei Wochen in der Werkstatt aufpolieren kann", sagt Dietmar Oesterreich, Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer. Oft dauere es mehr als ein Jahr, bis ein Zahnersatz mit Vor- und Nachbehandlung fertig sei, "das kann man nicht mal eben im Urlaub machen". Bei Schönheitsoperationen sei es außerdem wichtig, den Arzt zu kennen und die Entscheidung noch einmal ein paar Wochen zu überdenken, sagt Marita Eisenmann-Klein, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC). "Aber wenn sie schon einmal extra ins Ausland gereist sind, ziehen viele Patienten das trotz Zweifeln durch."

"Wie Henry Maske nach dem Kampf"

Im Wabi-Center tut man alles, um das Image von Billig-Operationen am Fließband zu vermeiden. Die Behandlungszimmer sind mit dunklem Holz verkleidet, jeder Apparat sieht nach High-Tech aus, über den Zahnartzstühlen hängen Flachbildschirme, auf denen der Patient sein Gebiss im Röntgenbild begutachten kann. Während der zuständige Arzt meist murmelnd die Behandlung erklärt, übersetzt eine junge Assistentin und blickt den Patienten dabei stets erwartungsvoll an, als freue sie sich auf jede weitere Frage.

Das Geschäftskonzept geht auf - zahlreiche Patienten sind auf Nachfrage bereit, die Klinik in höchsten Tönen zu loben. Die Berichte hören sich an wie aus einem Werbeprospekt. "Ich habe mich nicht so abgefertigt gefühlt wie in Deutschland oft", erklärt etwa Gisela Friedenreich. Und das beste: In Deutschland hatte man ihr für die Kronen und die Teleskopprothesen 17.000 Euro veranschlagt, in Ungarn habe sie alles in allem nicht einmal die Hälfte bezahlt. Dafür habe sie die zweiwöchige Prozedur gerne in Kauf genommen, obwohl sie oft bis zu vier Stunden auf dem Stuhl aushalten musste und zwischendurch aussah "wie Henry Maske nach dem Kampf."

Katrin Müller (Name geändert) ist ähnlich begeistert von ihrer Operation. Auch wenn sie noch dicke Blutergüsse unter den Augen hat und sich vor den Ohren eine schorfige Linie zum Hinterkopf hinzieht, aus der Fädenenden herausragen bei einem Stacheldrahtzaun. Doch letztlich werde nur eine dünne Narbe übrig bleiben, erklärt sie. Wozu die Operation unter anderem diente, wird erst klar, als sie sich vorsichtig über den glatten Hals und die straffe Wangenpartie fährt. "Das war richtig faltig hier vorher und Hängebacken hatte ich wie eine alte Frau", erklärt die 54-Jährige mit dem frechen, blond gefärbten Kurzhaarschnitt. Auch der Augenpartie wird man wohl, wenn die blauen Flecke weg sind, kaum ansehen, dass hier ein Schönheitschirurg am Werk war.

Ratschläge für Auslands-OPs sind kaum zu bekommen

Angesichts solcher Jubelberichte zucken Kritiker in Deutschland oft nur resigniert mit den Schultern: "Ich kann sicher keine allgemein negativen Aussagen über die Qualität von Behandlungen in Osteuropa machen", sagt etwa BZÄK-Vize Oesterreich."Nirgendwo sind die Anforderungen an Fachärzte für Plastische Chirurgie so hoch wie in Deutschland - trotzdem Deshalb in Ungarn ein sehr guter Kollege praktizieren", erklärt auch DGPRÄC-Präsidentin Marita Eisenmann-Klein.

Das Problem ist nur: Bei der Suche nach einem guten Arzt in Ungarn oder Polen muss der Patient sich auf Indizien verlassen. Es gibt nur eine Studie, bei der im Auftrag des medizinischen Dienstes der Krankenversicherungen in Rheinland-Pfalz Zahnersatz aus dem Ausland unter die Lupe genommen wurde. Die kam zwar zur "teils grauenhaften Ergebnissen", wie Autorin Christina Baulig sagt. Allerdings war das vor drei Jahren, die Hälfte der Patienten hatte sich außerdem in der Türkei behandeln lassen, "und in Osteuropa hat sich die Qualität seitdem rasant verbessert", wie Baulig selbst erklärt. Über diese Untersuchung hinaus ist guter Rat kaum zu haben.

Kostenfreie Nachbesserungen bei Komplikationen sollten vertraglich geregelt werden, so lautet der nüchterne Tipp aus der Verbraucherzentrale. Und am besten sollte auch ein deutscher Gerichtsstandort für den Streitfall vereinbart werden. Ähnlich dürr fallen die Expertenratschläg plastischer Chirurgen aus. "Eine Brust-OP für 2000 Euro ist sicher nicht zu empfehlen, weil die Implantate auch im Ausland schon 1800 Euro kosten", erklärt Eisenmann-Klein. Außerdem gäbe es ein Zertifikat des European Board of Plastic Reconstructive and Asthetic Surgery (EPOPRAS), dem eine recht anspruchsvolle Prüfung zugrunde liege. "Aber praktische Erfahrung garantiert das auch nicht." Die allerdings kann gerade, wenn es brenzlig wird, lebensrettend sein.

Im Wabi-Center scheren solche Bedenken niemand. Direktor Tamas erklärt mit stolzer Ruhe, dass in Ungarn jeder plastische Chirurg zunächst fünf Jahre unter Aufsicht operieren müsse, der Chef der Zahnmedizin habe außerdem eine Implantat-Ausbildung in den USA absolviert. Damit ist das Thema für ihn abgehakt. Den dunkelhaarigen Unternehmer plagen derzeit ganz andere Sorgen. Ende November kommt eine Busladung mit 50 Kunden aus Deutschland. Für die muss er noch Unterkunft und Ausflugsprogramm planen.




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