Wirtschaftswunder am Titicacasee: Gelingt Bolivien der Aufstieg zu den führenden Ländern Lateinamerikas?

Mittwoch, 11.11.2015 14:58 von Sophie Sagitz - Aufrufe: 3523

Evo Morales verspricht
Evo Morales verspricht "neues" Bolivien - © Adwo - Shutterstock.com
Als Evo Morales am 18. Dezember 2005 zum Präsidenten Boliviens gewählt wurde, hätten ihm wohl nur wenige zugetraut, dass ausgerechnet er es sein würde, der eines der ärmsten Länder Südamerikas aus der Armut führen könnte.

Trotz seines Rohstoffreichtums war Bolivien zu diesem Zeitpunkt das ärmste und exportschwächste Land des amerikanischen Subkontinents. Das Bruttoinlandsprodukt betrug gerade einmal 1.153 US Dollar pro Einwohner. Aufstände und soziale Unruhen brachten zusätzliche Instabilität in den Andenstaat. Ausgerechnet der sozialistische Coca-Bauer Morales, der der indigenen Bevölkerungsschicht entstammt und der die Schule nach der 6.Klasse abbrechen musste, weil seine Eltern das Schulgeld nicht weiter bezahlen konnten; dem die Gegner oft vorwarfen, kein klares Programm zu haben, sich aber bester Beziehungen zu den autokratisch regierten Ländern Kuba und Venezuela rühmte, dieser Politiker regiert Bolivien mittlerweile im zehnten Jahr und ist damit länger im Amt als all seine bisherigen Vorgänger seit 1825. 

 

Aufschwung ist keine Frage der Ideologie

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) liegt das Wirtschaftswachstum Boliviens mittlerweile bei 4,7 Prozent und die Exporte haben sich verdreifacht. Zudem hat Morales umfangreiche Programme zur Bekämpfung von Armut aufgelegt mit der Folge, dass diese um 12 Prozent reduziert werden konnte, was ihm Anerkennung bei den Vereinten Nationen eingebracht hat. Vielleicht ist der fehlende klare Kurs, der Morales vorgeworfen wird, gerade der Grund für seinen Erfolg. Denn trotz seiner dezidierten Anti-US-Haltung und sozialistischen Grundhaltung führte Morales in Teilbereichen die liberale Wirtschaftspolitik seines Amtsvorgängers weiter. Besonders Großinvestitionen in die Infrastruktur sorgen für weltweites Aufsehen.

So treibt Morales nicht nur verschiedene Eisenbahnbauprojekte voran, die vom Pazifik bis zur brasilianischen Grenze führen sollen, auch der Ausbau des weltweit einzigartigen Seilbahnnetzes um La Paz, dem höchstgelegenen Regierungssitz der Welt, findet weltweite Anerkennung. Morales Wirtschaftspolitik ist durch folgende Kriterien geprägt:

  • Verstaatlichung der nationalen Ressourcen
  • Einnahmenumverteilung
  • Erhebung von Importzöllen
  • Subventionen auf Treibstoffe
  • Geldzahlungen für schulpflichtige Kinder
  • medizinische Vorsorge für schwangere Frauen
  • Rente für ältere Menschen
  • Staatliche Preiskontrollen für Grundnahrungsmittel

Diese Mischung aus protektionistischer und Sozialpolitik in Verbindung mit einer Förderung beschäftigungsintensiver Dienstleistungssektoren haben vor allem den sozialen Frieden wiederherstellen können, der bei Morales Amtsantritt in Gefahr gewesen war.

 

Kredite aus China statt Entwicklungshilfe

Die bolivianische Wirtschaft ist auf finanzielle Unterstützung aus dem Ausland angewiesen: Auf Entwicklungshilfe, Kredite und auf Direktinvestitionen. Allein im Jahr 2013 flossen nach Angaben des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (MBZ) fast 700 Millionen US-Dollar nach Bolivien, der Großteil davon in Form vergünstigter Kredite. 

 

Entwicklungshilfe gesamt: 699.150.000 US-$ (2013)
Davon aus Deutschland: 22,6 Millionen Euro (2012)
Entwicklungshilfe pro Kopf: 65 US-$ (2013)
Ausländische Direktinvestitionen pro Jahr: 72.595.676 US-$ (2014)
Auslandsverschuldung gesamt: 72.595.676 US-$ (2014)
Schuldendienst pro Nettoeinkommen: 4,31% (2013)
Inflationsrate: 5,79% (2014)

Statistische Angaben zur Entwicklungshilfe und Verschuldung in Bolivien. (Quelle: BMZ)

 

Die Bedeutung von Direktinvestitionen nimmt weiter zu. Hier ist besonders China als internationaler Großinvestor zu nennen. Erst kürzlich sicherte China Bolivien einen Kredit von 6,1 Milliarden Dollar für umfangreiche Infrastruktur-Investitionen zu, weitere 10 Milliarden Dollar wurden in Aussicht gestellt. Die finanziellen Mittel Chinas sind gewaltig und das Interesse chinesischer Investoren beschränkt sich dabei keineswegs nur auf Lateinamerika. Von den 1,5 Milliarden US-Dollar, die ausländische Geldgeber beispielsweise in Afrika investierten, stammten allein 900 Millionen US-Dollar aus China, berichtet die sambische Ökonomin Dambisa Moyo.

 

Mit Mikrokrediten dem Teufelskreis entkommen

Dass genügend Geld da ist, um armen Ländern zu helfen, ist unbestritten: „Nur wenn etwas vom Reichtum der entwickelten Nationen den Armen der unterentwickelten Nationen zugutekommt, kann die Situation verändert werden“, schreibt der australische Philosoph Peter Singer. Traditionell war das die Aufgabe der Entwicklungshilfe. Doch Moyo konnte in ihrem Buch „Dead Aid“ nachweisen, dass Entwicklungshilfe nicht nur an ihrer Aufgabe scheitert armen Ländern zu helfen, sondern darüber hinaus sogar kontraproduktiv wirkt. Entwicklungshilfe sei somit nicht nur kein Teil der Lösung, sie sei das Problem, so die ehemalige Mitarbeiterin der Weltbank. Was Entwicklungsländern hingegen helfe, sei ein modern entwickelter Finanzmarkt. Besonders das Mikrofinanzwesen könne einen erheblichen Beitrag zur Bekämpfung der Armut beitragen. Seit dem Jahr 2000 sei es zu einem rapiden Wachstum internationaler Investitionen gekommen, wobei hauptsächlich kommerziell orientierte Fonds und Agenturen als Hauptinvestoren in das Mikrokreditwesen aufträten, berichtet Moyo. 

 

Weniger Risiken und geringere Kosten durch Mikrokredite

Die Idee der Mikrofinanzierung geht auf den bengalischen Ökonomen Muhammad Yunus zurück, der dafür 2006 mit dem Friedensnobelpreis geehrt wurde. Er stellte fest, dass die arme Landbevölkerung praktisch von der Kreditvergabe ausgeschlossen war, weil der einzige Weg an Kapital über Kredithaie führte, die mehrere hundert Prozent Zinsen verlangten, während normale Banken erst gar keine Kredite gewährten. Yunus fand heraus, dass dies hauptsächlich der Tatsache geschuldet war, dass die hohen Kreditausfallrisiken eine ökonomische Kreditvergabe praktisch unmöglich machten. Die Lösung: Ein Mikrokredit. Yunus gründete daraufhin die Grameen-Bank, die Kredite stets an eine Gruppe von Personen gemeinsam vergab. Zudem wurden wöchentliche Audits festgelegt, bei denen die Kreditnehmer über den Gang der Investitionen berichten sollten. Dies senkte das Ausfallrisiko und ermöglichte der Bank somit eine Kreditvergabe zu wesentlich günstigeren Konditionen. Auch in Bolivien fand das System der Mikrokredite Anhänger. So ist die US-amerikanische Nichtregierungsorganisation Accion International auch in Bolivien vertreten, die für die Förderung von Wirtschaft durch Mikrokredite eintritt. „Als Form der Entwicklungspolitik haben Mikrokredite bereits die klassische Entwicklungshilfe abgelöst“, berichtet auch ein Finanzexperte von Smava.de. Auch in Europa stelle die Mikrofinanzierung mittlerweile ein gängiges Finanzierungsmittel dar, das besonders für Existenzgründungen eingesetzt werde.

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