ROUNDUP: Chinas Wachstum fällt auf niedrigsten Stand seit drei Jahrzehnten

Montag, 21.01.2019 04:50 von dpa-AFX

Peking, die Hauptstadt Chinas.
Peking, die Hauptstadt Chinas.
pixabay.com

PEKING (dpa-AFX) - Chinas Wirtschaft wächst so langsam wie seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr. Vor dem Hintergrund des Handelskrieges mit den USA und hausgemachter Probleme erreichte die zweitgrößte Volkswirtschaft im vergangenen Jahr nur noch ein Wachstum von 6,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie das Statistikamt am Montag in Peking mitteilte. Experten hatten mit einem Wachstum in dieser Größenordnung gerechnet. Unter der Konjunkturschwäche in China hat auch die exportabhängige deutsche Wirtschaft zu leiden.

Das Quartalswachstum fiel Ende 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar auf nur noch 6,4 Prozent - ähnlich langsam wie zuletzt 2009 nach Ausbruch der globalen Finanzkrise. Die Aussichten für das angelaufene Jahr sind damit ungünstig. Die Weltbank und Experten rechnen damit, dass das Wachstum unter 6,5 Prozent fallen wird. Wie stark die Marke unterschritten wird, hängt davon ab, ob der Handelskrieg mit den USA noch weiter eskaliert oder eine Einigung gefunden werden kann.

"Der Handelskrieg macht sich derzeit vor allem in einer wachsenden Unsicherheit bemerkbar", sagt Max Zenglein, Leiter des Programms Wirtschaft beim China-Institut Merics. Schwächelnde Exporte und Zurückhaltung bei Investitionen wirkten sich bereits auf das Wachstum aus. "Richtig ernst dürfte es aber erst werden, wenn es bis März keine Lösung gibt und es zu weiteren Zollerhöhungen kommt."

Die USA haben China eine Frist bis 1. März gesetzt und drohen bei mangelndem Entgegenkommen mit einer weiteren Eskalation. US-Präsident Donald Trump fordert eine stärkere Marktöffnung und einen wirksamen Kampf gegen den Diebstahl geistigen Eigentums und erzwungenen Technologietransfer.

Chinas Wachstum ist den neuen Zahlen zufolge so langsam wie seit 1990 nicht mehr - lag 2018 aber noch knapp über der amtlichen Zielvorgabe von 6,5 Prozent für das Gesamtjahr. Trotzdem ist die Regierung in Peking "besorgt", wie informierte Kreise berichteten, die von höchster Stelle über die Lage unterrichtet wurden. "Es sind Stimulusmaßnahmen geplant." Im neuen Jahr sollen möglicherweise nur noch 6,0 bis 6,5 Prozent als Wachstumsziel vorgegeben werden.

Nicht nur der Handelskrieg bremst die Wirtschaft. Experten verweisen auch auf den Kampf gegen das ausufernde Kreditwachstum und andere Faktoren. "Die Stimmungslage im Land hat sich grundsätzlich verändert", sagt Merics-Ökonom Zenglein. Das mache sich sowohl in einer größeren Zurückhaltung aufseiten der Konsumenten als auch aufseiten privater Unternehmen bemerkbar, die weniger investierten.

Deutsche Unternehmen dürften sich im China-Geschäft künftig mehr zurückhalten. "Es ist zwar mit keinem dramatischen Einbruch in der Nachfrage nach deutschen Waren zu rechnen, allerdings werden die deutschen Unternehmen sich an die neuen Realitäten anpassen müssen", meint Zenglein. Deutsche Autobauer, die stark von China abhängig sind, müssen sich auf den ersten Einbruch des größten Fahrzeugmarktes der Welt seit zwei Jahrzehnten einstellen.

Erst vergangene Woche hatte Chinas Statistikamt die Wachstumszahl für 2017 nach neuen Berechnungen nachträglich von 6,9 auf 6,8 Prozent korrigiert. Um die Konjunkturschwäche aufzufangen, greift China eher zu alten Methoden. Angekündigt wurden schon massive Neuinvestitionen im Infrastrukturbereich, etwa beim Ausbau der Eisenbahn, sowie Steuererleichterungen für Haushalte und Unternehmen.

Die kommunistische Führung ist besonders besorgt über den Arbeitsmarkt, auf dem die Löhne schon langsamer steigen. Unternehmen zögern aber auch bereits bei Neueinstellungen. Experten argumentieren, dass der Handelskrieg die Schwachstellen der Wirtschaft offenlege, die stark von hoher Verschuldung und dem Bauboom abhängig ist. Auf dem hoch spekulativen Immobilienmarkt steht aber nach Berichten jede fünfte Wohnung leer.

Experten verwiesen auch darauf, dass es einen Widerspruch zwischen der wachsenden staatlichen Kontrolle der Wirtschaft und der Notwendigkeit gebe, ein dezentrales und verbrauchergetriebenes Wirtschaftssystem zu schaffen, um nachhaltiges Wachstum zu erreichen. Ausländische Unternehmen beklagen, dass lange angekündigte Reformen, die eigentlich dem Markt eine größere Rolle geben sollten, bislang nicht umgesetzt worden sind./lw/DP/zb