Mittwoch, 08.12.2021 17:32 von dpa-AFX | Aufrufe: 221

ROUNDUP 3/'Sie lachen uns aus': Feier von Johnson-Helfern empört Großbritannien

In der Downing Street in London residieren die englischen Premierminister. pixabay.com

(neu: Rücktritt Ex-Sprecherin)

LONDON (dpa-AFX) - Sie sollen gefeiert haben, als Hunderte starben und Millionen ihre Lieben nicht sehen durften - und Tage später scherzten sie vor laufender Kamera über den eklatanten Regelbruch. Ein explosives Video aus der Downing Street über eine mutmaßliche Weihnachtsfeier von Regierungsbeamten während des Corona-Lockdowns vor einem Jahr setzt den britischen Premierminister Boris Johnson erheblich unter Druck. Im Raum steht, dass Johnson, der demnach nicht an der Party teilnahm, über das Event gelogen hat.

Im britischen Parlament schlug dem Premier am Mittwoch eine aufgeheizte Stimmung entgegen, Buhrufe begleiteten Johnson auf dem Weg zu seinem Platz. Für Oppositionsführer Keir Starmer ist klar: Der Premier hat seinen Laden nicht mehr im Griff. Der Fraktionschef der Schottischen Nationalpartei (SNP), Ian Blackford, forderte Johnson mit emotionalen Worten zum Rücktritt auf. Mehrmals musste Parlamentspräsident Lindsay Hoyle zur Ruhe mahnen.

Vor allem geht es um ein Video, in dem engste Vertraute des Premiers sich offensichtlich lachend überlegen, wie sie die Party schönreden können. Dazu sagte Johnson im Parlament: "Ich entschuldige mich vorbehaltlos für den Anstoß, den es im ganzen Land erregt hat, und entschuldige mich für den Eindruck, den es erweckt." Es werde eine interne Untersuchung geben, und die Regierung werde mit der Polizei kooperieren, versicherte er. Weiterhin aber betonte Johnson, ihm sei wiederholt versichert worden, weder habe es eine Party gegeben, noch seien Corona-Regeln gebrochen werden. Die mögliche Verantwortung schob Johnson den Mitarbeitern zu: Sollten doch Regeln gebrochen worden sein, werde es ernste Konsequenzen geben.

Das Echo: verheerend. ITV-Moderator Tom Bradby sagte seinem Millionenpublikum: "Sie lachen uns aus. Euch, mich, uns alle." Am schlimmsten dürfte Johnson aber die mittlerweile offene Kritik aus den Reihen seiner eigenen Partei treffen. Der Chef der schottischen Konservativen, Douglas Ross, sagte, sollte Johnson das Parlament getäuscht haben, müsse er zurücktreten. Mehrere Abgeordnete erinnerten daran, dass viele Menschen sich damals nicht von sterbenden Verwandten und Freunden verabschieden durften. Am 18. Dezember 2020 meldete die Regierung 514 Corona-Tote an einem Tag.

Ein führender Vertreter des Gesundheitsdienstes NHS sprach von einem harten Schlag für die Moral. Es werde deutlich schwieriger, dass sich Menschen an Regeln halten, wenn Entscheider diese selbst nicht befolgten, sagte Matthew Taylor dem Sender Sky News. Das ist aktuell umso verheerender, da die Omikron-Variante des Coronavirus sich in Großbritannien schnell verbreitet. Johnson soll derzeit sogar überlegen, entgegen seiner früheren Ankündigung Impfpässe zum Besuch von Großveranstaltungen vorzuschreiben.

Die Feier ist nicht der einzige aktuelle Skandal. Mehrere Medien berichten, dass Johnson und seine Frau Carrie Johnson sich dafür eingesetzt hätten, während des chaotischen Rückzugs aus Afghanistan Dutzende Katzen und Hunde aus dem Tierheim eines britischen Veteranen auszufliegen - zulasten britischer Staatsbürger und afghanischer Helfer. Johnson wies dies empört zurück. Ein Brief seiner Assistentin Trudy Harrison scheint die Berichte aber zu bestätigen./bvi/DP/nas

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