Donnerstag, 01.12.2022 17:37 von dpa-AFX | Aufrufe: 282

ROUNDUP 2: Dramatische Engpässe in Kinderkliniken - 'Katastrophale Lage'

Eine Tageszeitung (Symbolbild). pixabay.com

(neu: mehr Details und Hintergrund)

HAMBURG/BERLIN (dpa-AFX) - Überbelegte Zimmer, tagelanger Aufenthalt in Notaufnahmen, Verlegung kranker Babys in entfernte Krankenhäuser: Die akute Welle von Atemwegsinfekten bringt Kinderkliniken in Deutschland in teils dramatische Engpässe. Ärzte schlagen Alarm, weil Praxen wie Kliniken für Kinder extrem überfüllt sind. Vor einer "katastrophalen Lage" auf Kinder-Intensivstationen spricht die Medizinervereinigung Divi. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach setzt auf rasche Entlastungsmaßnahmen. "Die Kinder brauchen jetzt unsere volle Aufmerksamkeit", sagte der SPD-Politiker am Donnerstag in Berlin.

Die Nachrichten von überfüllten Kinderpraxen und Kinderstationen seien "sehr besorgniserregend", sagte der Minister. "Wir werden mit einer Situation konfrontiert, wo in Deutschland weniger als 100 Intensivbetten für Kinder zur Verfügung stehen." Zahlreiche reguläre Stationen seien bereits voll belastet. "Wir sind absehbarerweise noch nicht am Ende dieser Welle, die im Wesentlichen durch das RS-Virus verursacht wird." Die Lage sei aber "im Griff".

Mehrere Maßnahmen sollten dazu beitragen. So soll insbesondere Pflegepersonal aus Erwachsenen- in Kinderstationen verlegt werden. Krankenkassen sollen Vorgaben zur Personalbesetzung vorerst nicht prüfen und Sanktionen aussetzen. Lauterbach appellierte an Eltern und Kinderärzte, nicht unmittelbar nötige Vorsorgeuntersuchungen um wenige Wochen zu verschieben. Telefonische Krankschreibungen auch bei Kinderärzten blieben weiter möglich, erläuterte das Ministerium. Eltern hätten so die Möglichkeit, bei Erkrankung ihres Kindes zu Hause zu bleiben und trotzdem Anspruch auf Krankengeld zu behalten.

Es würden aber keine Kinder in einem sehr schlechten Gesundheitszustand verlegt, betont Hansen. Dann müsse ein Kind, dem es besser geht, an seiner Stelle verlegt werden.

Divi-Generalsekretär Hoffmann sagte, die Lage auf Intensivstationen liege nicht allein an der RSV-Welle. Das Problem sei vielmehr über Jahre immer größer geworden. Die Intensivmediziner fordern unter anderem bessere Arbeitsbedingungen, den Aufbau telemedizinischer Netzwerke und von spezialisierten Kinderintensiv-Transportsystemen.

Der Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske, sagte: "Dass Kinderleben im Moment in Gefahr sind, das hat die Politik zu verantworten." Früher seien an die Kinderheilkunde andere Wirtschaftlichkeitskriterien gestellt worden. "Jetzt muss Medizin profitabel sein, nicht Krankheiten heilen, sondern Geld bringen."

Die Bundesregierung will schon gegensteuern. An diesem Freitag soll der Bundestag zwei Finanzspritzen beschließen. Für Kinderkliniken soll es nach den Gesetzesplänen der Koalition 2023 und 2024 jeweils 300 Millionen Euro mehr geben, zum Sichern von Geburtshilfestandorten jeweils 120 Millionen Euro zusätzlich. Die Finanzierung soll so auch unabhängiger von der jetzigen, leistungsorientierten Logik werden.

Lauterbach appellierte an Erwachsene: "Wenn man Erkältungssymptome spürt, dann bitte Maske tragen, insbesondere wenn man in Kontakt ist mit Kindern unter zwei Jahren." Oft werde das Virus von Erwachsenen auf Kinder übertragen. "Wir haben keine Hinweise darauf, dass die Erkrankung schwerer verläuft". Es seien aber einfach mehr Kinder, die erkrankten und auch mehr, die früh zum ersten Mal erkrankten.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) kommen weltweit geschätzt 5,6 schwere Fälle von RSV-Atemwegserkrankungen pro 1000 Kinder im ersten Lebensjahr vor. Innerhalb des ersten Lebensjahres hätten normalerweise 50 bis 70 Prozent und bis zum Ende des zweiten Lebensjahres nahezu alle Kinder mindestens eine Infektion mit RSV durchgemacht. Im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen waren viele solche Infektionen allerdings zeitweise ausgeblieben./cst/klm/sam/DP/jha

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