Mittwoch, 09.11.2016 15:29 von ARIVA.DE Redaktion | Aufrufe: 6189

Politologe Prof. Torsten Selck zum Wahlsieg von Donald Trump: „Die Welt wird dadurch unsicherer und ärmer“

Prof. Dr. Torsten J. Selck vom Institut für Sozialwissenschaften an der Universität Oldenburg - © Selck / Universität Oldenburg

ARIVA.DE: Der Triumph Donald Trumps über Hillary Clinton stellt für die USA eine Zäsur dar. Haben Sie mit diesem Ergebnis gerechnet?
Prof. Dr. Torsten J. Selck: Es ist bemerkenswert, wie falsch Beobachter und Meinungsforschungsinstitute bei dieser Wahl lagen. Die prognostizierten Wahrscheinlichkeiten in den Erhebungen schwankten zwar, aber alle waren sich darin einig, dass Hillary Clinton die Wahl gewinnen wird. Auch für mich kommt Trumps Wahlsieg unerwartet.


ARIVA.DE: Wie konnte es dazu kommen?
Selck: Mit der Wahl Trumps zum Präsidenten vollzieht sich in den Vereinigten Staaten eine Entwicklung, die wir auch in vielen anderen westlichen Ländern beobachten können. Wir sehen eine immer stärkere Hinwendung zu populistischen Politikern und die Zunahme gesellschaftlicher und politischer Polarisierung. Die Ängste vor Globalisierung, Terrorismus und Kriminalität wachsen. Sowohl Teile der Medien als auch der Politik suggerieren, dass die Lage bedrohlich sei – obwohl die Zahlen gar nicht hergeben, dass alles immer schlechter wird. Auch das Geschlecht der Kandidaten dürfte eine wichtige Rolle für das Wahlergebnis gespielt haben. Studien zeigen, dass viele Menschen keine Frau als Chefin oder Vorgesetzte haben wollen. Ich denke, dass man das in Teilen auch auf die Politik anwenden kann. Nicht zuletzt dürfte Trumps langjährige Bekanntheit aus den Medien ausschlaggebend für seinen Sieg gewesen sein. Trumps mediale Popularität war bei dieser Wahl sein großes Kapital.

ARIVA.DE:  Welche Folgen wird Trumps Wahlsieg haben?
Selck: Kurz gesagt: Die Welt wird dadurch unsicherer und ärmer.

"Ich denke nicht, dass Trump ein kompetenter Wirtschaftspolitiker sein wird."

ARIVA.DE:  Ärmer?
Selck: Vor allem Trumps Haltung zu Freihandelsabkommen ist problematisch. Clinton ist zwar auch nicht die größte Freundin des Freihandels. Trump ist in seiner Ablehnung von NAFTA und anderen internationalen Freihandelsabkommen aber noch viel isolationistischer aufgestellt. Ich denke nicht, dass Trump ein kompetenter Wirtschaftspolitiker sein wird. Er verspricht Dinge, die effektiv nicht einzuhalten sind. Auch die Mehrzahl der Ökonomen ist der Meinung, dass Trumps wirtschafts- und finanzpolitische Überlegungen nichts als heiße Luft sind. In den USA wird seine Präsidentschaft dazu führen, dass die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer werden.

ARIVA.DE: Einige Beobachter sahen in Hillary Clinton eine Kandidatin, die als Präsidentin nicht vor militärischen Interventionen zurückschrecken würde. Sehen Sie eher in Trump ein Risiko für die globale Sicherheit?
Selck: Trump ist in Teilen erratisch. Man weiß nicht genau, was er außenpolitisch will. Das, was er gesagt hat, löst einfach große Fragen bei mir aus. Ich denke, dass wir mit Clinton als Präsidentin in der Welt sicherer gewesen wären. Trump bewundert offenbar Wladimir Putin und hat nicht ausgeschlossen, dass er den Nato-Staaten im Ernstfall nicht zu Hilfe eilen wird. Ich glaube tatsächlich, dass Trump gefährlicher ist als Clinton, weil man Clinton besser einschätzen kann. Wenn es zu einer Krisensituation kommt, wo man schnell das Richtige machen muss, denke ich, dass Clinton auch von ihren intellektuellen Fähigkeiten her besser aufgestellt ist als Donald Trump. Sie hat viel mehr Expertise im Bereich Außenpolitikanalyse. Trump hat noch nie in seinem Leben ein öffentliches Amt bekleidet – Clinton tut das seit Jahrzehnten.

ARIVA.DE:  Verhindern nicht die Berater des Präsidenten gefährliche Alleingänge?
Selck: Ja, aber auch Berater muss man sich erst einmal gut aussuchen. Insgesamt wäre Clinton für alle Politikfelder, die ich mir vorstellen kann, besser gewesen als Trump. Ich kann in seinem Wahlsieg keinen einzigen Vorteil erkennen. Seine Präsidentschaft ist für alle Politikfelder ein Desaster.

ARIVA.DE:  Die USA sind mehr denn je in zwei Lager gespalten, die sich unversöhnlich gegenüberstehen. Wie wird sich diese Problematik weiterentwickeln?
Selck: Was die gesellschaftliche Entwicklung und die politische Kultur angeht: Amerika wird sich nach der Wahl noch stärker polarisieren. Es wird eine noch stärkere Einteilung in die unterschiedlichen Lager geben. Auch der Rassismus wird wachsen.

ARIVA.DE:  Wird sich durch den Ausgang der Wahl auch die politische Kultur in Deutschland verändern?
Selck: Die USA sind in der Tat nicht das einzige Land, wo wir Tendenzen zur Polarisierung und zum Nationalismus beobachten können. In vielen westlichen Staaten zeigen sich ähnliche Entwicklungen. Auch in Deutschland wird die Polarisierung weiter zunehmen und durch einen Präsidenten Trump möglicherweise sogar noch leicht verstärkt.

 

Zur Person:
Prof. Dr. Torsten J. Selck
lehrt am Institut für Sozialwissenschaften an der Universität Oldenburg Vergleichende Politikwissenschaft. Selck lehrte und forschte unter anderem an der Universität Leiden, der University of Nottingham und der Bilkent-Universität in Ankara. Neben der Vergleichenden Politikwissenschaft sind seine Forschungsgebiete EU-Politik, Internationale Politik und Organisationstheorie.

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