Zinspause in den USA wäre nicht ohne Folgen für Euroland

Samstag, 08.12.2018 10:15 von Klaus Stopp

In zwei Wochen werden wir wissen, welche Richtung und welches Tempo die Notenbanker auf beiden Seiten des Atlantiks bei ihrer Geldpolitik 2019 einschlagen werden. Dabei sind zwar die europäischen Entscheider als Erste am Zuge, aber da es auf der letzten Sitzung des Jahres nicht um eine Veränderung der Leitzinsen geht, sondern lediglich um die Gestaltung des Umfeldes, kann man getrost abwarten, bis eine Woche später die US-Notenbanker ihren Beschluss fassen. Denn davon hängt auch die weitere Vorgehensweise der EZB-Verantwortlichen ab. Sollte sich eine Zinspause in den USA abzeichnen, dann wäre zumindest die Voraussetzung für ein Hinauszögern der ursprünglich für Herbst 2019 angedachten europäischen Zinserhöhung geschaffen. Zumal damit der Renditespread zwischen den USA und Euroland - insbesondere Deutschland - nicht noch weiter ausgeweitet würde. Doch das ist alles reine Spekulation und deshalb lassen Sie uns zunächst in die nähere Zukunft schauen.

Bei der Sitzung der Europäischen Zentralbank am kommenden Donnerstag werden zwar auch die neuen Stabsprojektionen zu Wachstum und Inflation veröffentlich, aber in erster Line wird von den Marktteilnehmern der finale Beschluss zum Ende der Anleihekaufprogramme erwartet. Dies wurde zwar in der Vergangenheit mehrfach angedeutet, aber noch hat sich der EZB-Rat einer schriftlichen Fixierung verweigert. Doch nun muss geliefert werden, um die Glaubwürdigkeit der EZB nicht zu untergraben. Die zu befürchtende Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in der Eurozone bringt die EZB hier zusätzlich unter Druck. Wenn also nicht jetzt sich festlegen, wann dann? Gleichzeitig erwartet man an den Finanzmärkten auch Klarheit über die Reinvestition fälliger Gelder und ausgeschütteter Zinsen. In punkto Zinsanhebung ist davon auszugehen, dass Mario Draghi auf die zweite Jahreshälfte 2019 oder sogar schon auf das vierte Quartal verweisen wird. In der Zwischenzeit könnte man in Ruhe abwarten und die Folgen der wirtschaftlichen sowie politischen Streitigkeiten analysieren. Man würde also zum wiederholten Mal sich und den Politikern Zeit erkaufen.

In den USA ist die Situation zurzeit wesentlich komplizierter, da es nicht wenige Notenbanker gibt, die sich sowohl für ein Beibehalten wohl dosierter Zinserhöhungen aussprechen als auch welche, die das Wort Zinspause in den Mund nehmen, um zunächst die Wirkung der bisherigen Maßnahmen zur Entfaltung kommen zu lassen. Diese sehr unterschiedlichen Meinungen innerhalb des Gremiums werden darüber hinaus noch durch politische Kommentare seitens des US-Präsidenten Donald Trump, dem Wankelmütigen, befeuert. Ganz egal, wie die Entscheidung am 19. Dezember ausfallen wird, bereitet die US-Notenbank Fed die Finanzwelt auf eine Änderung ihrer Arbeitsweise vor. So will man zukünftig laut Fed-Vizepräsident Richard Clarida, der für die Koordination des Reformprozesses zuständig ist, bei diversen Veranstaltungen die Meinung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen über Möglichkeiten der Kommunikationsverbesserung einholen. Wichtig wird auch in Zukunft sein, dass man einen „Wackelkurs“ bei den Zinsen ausschließt, wie es ein weiterer Vizepräsident, Randal Quarles, bereits gefordert hat. Noch signalisieren die impliziten Wahrscheinlichkeiten, dass in diesem Jahr auch eine vierte Zinserhöhung beschlossen wird. Ob es sich dabei um ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk handelt, darf jeder Marktbeobachter selbst entscheiden.

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Klaus Stopp ist Head of Market Making Bonds bei der Baader Bank AG. Baader betreut an den Börsenplätzen Berlin, Frankfurt und München u.a. den Handel mit Anleihen und betreut Deutschlands führende Anleihen-Website Bondboard.
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