Sprengt Silber die Erwartungen?

Montag, 23.03.2009 10:00 von Paul Mallach

Dieser Text von Eike Schäfer stammt aus der neuen Ausgabe des PDF-Magazins „ZertifikateAnleger“. Klicken sie hier um die ganze Ausgabe zu lesen.

Es klingt fast ein wenig überschwänglich: „Great change is afoot“ – ein großer Wandel vollzieht sich gerade, ist in einer aktuellen Analyse der Royal Bank of Scotland zu lesen. Gemeint ist nicht etwa der Politikwechsel in den USA, „Change“ steht stattdessen in Zusammenhang mit den Rohstoffmärkten. Nachdem die Wirtschaftskrise auch diesen Sektor erfasst hat, sehen die Analysten der Bank bei den Edelmetallen nun tendenziell wieder Aufwärtspotenzial. Ein Grund: Die Rohstoffproduzenten haben stärker als von den Experten erwartet ihre Produktion gedrosselt – und damit erst einmal zur Preisstabilität beigetragen.

Während die glänzende Ausnahme Gold im vergangenen Jahr einen Kursgewinn verzeichnen konnte, gab es bei allen anderen Edel- und Industriemetallen sowie den Energierohstoffen deutliche Kursverluste. Als sicherer Hafen werde Gold weiter davon profitieren, dass weltweit Notenbanken die Gelddruckmaschinen anwerfen und die Leitzinsen gen Null tendieren, heißt es in dem jüngsten „RBS Commodity Handbuch“, einer vierteljährlich erscheinenden Analyse.

Den zuletzt scharfen Preisverfall bei Platin, Palladium und Silber werten die RBS-Analysten als Zeichen für einen Überverkauf – und dafür, dass diese Rohstoffe insbesondere für institutionelle Anleger interessant geworden sind. „Wir schätzen, dass der Wert von börsennotierten Edelmetallfonds im Jahr 2008 von zehn Milliarden US-Dollar auf 36 Milliarden US-Dollar um mehr als ein Drittel gestiegen ist – trotz des Preisverfalls bei Platin, Palladium und Silber“, heißt es in dem Rohstoffreport. Die zahlreichen Investoren, die zuletzt in ETFs (Exchange Traded Funds) eingestiegen sind, hätten entweder einen entsetzlichen Fehler begangen. „Oder sie rüsten sich für bessere Zeiten.“

In der Euphorie um Gold, das derzeit so teuer ist wie kaum jemals zuvor, hat Silber bis Ende 2008 eher ein Schattendasein geführt. Auch Silber zählt zu den Edelmetallen, es ist aufgrund seiner guten Leitfähigkeit für Wärme und Elektrizität, seiner chemischen Eigenschaften und seiner Weichheit aber durchaus als industrieller Rohstoff gefragt. So wird das Element nicht nur in der Schmuckindustrie, sondern zum Beispiel auch in der Elektronik- und der Photoindustrie verwendet. Die größten Silberlieferanten sind auf dem amerikanischen Kontinent zu finden: Mexiko, Peru, Bolivien und die USA. Für mehr als die Hälfte der Silberproduktion sind nicht spezielle Silberminen verantwortlich, das Edelmetall wird oft beim Abbau von Industriemetallen gewonnen.

Umso erstaunlicher ist es, dass der Preis für das mehr zur industriellen Fertigung als zur Wertaufbewahrung verwendete Silber im Umfeld kritischer Industriedaten seit Jahresbeginn 2009 entgegen den Erwartungen vieler Experten um rund zwölf Prozent an Wert zugelegt hat. Dies könnte die These unterstreichen, dass industrielle Anleger vermehrt eingestiegen sind – denn bei den ETFs ist das Silber physisch hinterlegt. 

Die Experten der Royal Bank of Scotland haben ihre Prognose für die mittelfristige Silberproduktion weiter gesenkt – auch deshalb, weil bei anderen Metallen der Abbau weiter rückläufig ist. Auch die Silbernachfrage der Industrie werde in diesem Jahr weiter schwach bleiben, schwächer noch als das Angebot an Silber. Von einem leichten Angebotsüberhang gehen derzeit auch die Experten der französischen Großbank Société Générale für 2009 aus. Was also spricht dafür, dass Silber auch künftig positiv überraschen kann?

Folgt man den Experten von RBS, dann hängt die künftige Preisentwicklung weiter in starkem Maße davon ab, ob die Nachfrage aus Anlagegründen durch die ETFs das Überangebot auf dem Silbermarkt absorbieren kann. Und davon, ob die Motor Weltwirtschaft wieder an Fahrt gewinnt. Ihren Optimismus für Rohstoffe versehen sie bei Silber also gleichsam mit einem großen Fragezeichen.

David Wilson, Rohstoffanalyst bei Société Générale, mahnt zur Vorsicht beim Handel dieses „hoch volatilen“ Edelmetalls. „Spekulanten könnten sich kurzfristig dazu entscheiden, Gewinne mitzunehmen, wenn sich ihnen die Möglichkeit bietet.“ Mit anderen Worten: Ziehen Investoren ihr Geld aus den ETFs ab, könnte der Silberpreis ebenso schnell wieder nachgeben.

In den Medien wird vielfach auf das Verhältnis vom Gold- zum Silberpreis, die so genannte Gold/Silber-Ratio, verwiesen. Je größer der Quotient beider Notierungen ist, desto schlechter ist Silber im Vergleich zu Gold bewertet, desto mehr Silber kann man also für eine Einheit Gold erwerben. Seit 1973 bis heute lag laut Infodienst Markt-Daten.de die Gold/Silber-Ratio im Mittel bei einem Wert von rund 45. Aktuell beträgt der Quotient mehr als 70. Wie Analyst Wilson gehen auch die Experten der Royal Bank of Scotland gehen davon aus, dass sich daran kurzfristig wenig ändern wird. Sie schließen darüber hinaus nicht aus, dass Silber in 2009 und 2010 im Tandem mit Gold steigen könnte.

In der Vergangenheit jedenfalls hat sich der Silberpreis schon oft als volatil erwiesen. Auf Preissteigerungen folgten meist Rückschläge, die den Kurs auf Höhe des Ausgangsniveaus zurückfallen ließen. Bisher einmalig blieb ein fast explosionsartiger Kursanstieg auf rund 50 US-Dollar je Feinunze im Jahr 1980. Aktuell kostet die Feinunze Silber 12,81 US-Dollar.

Die US-Bank Goldman Sachs hat im Februar ihre jüngsten Preiserwartungen für Silber veröffentlicht. Die Goldman-Analysten sehen in kurzer Frist Potenzial für einen Preisanstieg auf 13,35 US-Dollar. Auf Halbjahressicht erwarten die Experten den Silberpreis bei 12,70 US-Dollar, ihre langfristige Preisschätzung (zwölf Monate) liegt bei einem Kurs von 13,75 US-Dollar je Feinunze Silber. Deutlich pessimistischer zeigt sich die Société Générale: Rohstoffexperte Wilson sieht den Preis für die Feinunze Silber in einem Jahr bei lediglich 7,50 US-Dollar.

So unsicher die Lage auch scheint: Für unterschiedliche Markterwartungen bieten Banken in Deutschland die unterschiedlichsten Zertifikate auf Silber an. Trackerzertifikate bilden die Preisentwicklung des Rohstoffs grundsätzlich eins zu eins ab, allerdings wird das Edelmetall an den Rohstoffbörsen in US-Dollar gehandelt, die Zertifikate hingegen in Euro. Somit tragen Investoren neben dem eigentlichen Kurs auch das Wechselkursrisiko – es sei denn, das Zertifikat ist gegen Währungsschwankungen abgesichert. Der Vergleich solcher als Quanto-Zertifikate bezeichneten Produkte lohnt sich: Die Banken lassen sich eine Währungssicherung oft zu unterschiedlichen Preisen vom Kunden vergüten.

Wer auf kurze Frist einen Anstieg des Silberpreises erwartet, könnte an einem währungsgesicherten Sprintzertifikat von Société Générale Gefallen finden (WKN: SG02NQ). Dessen Laufzeit endet im Juni 2009. Das Produkt beteiligt den Besitzer an Kurssteigerungen beim Silber zu 200 Prozent – bis zu einem maximalen Auszahlungsbetrag von 17 Euro. Weil bei Emission des Zertifikats Silber bei 12,60 US-Dollar und damit zu einem niedrigeren Kurs als heute notierte, wirkt dieser Hebel für Investoren, die jetzt einsteigen, allerdings zunächst auch bei Kursverlusten. Geht die Rechnung hingegen auf, lässt sich mit dem Zertifikat – ebenso aus heutiger Sicht – eine Rendite von mehr als 22 Prozent erzielen.

Anders als Tracker- und Sprintzertifikate können Discount- und Bonuszertifikate auch dann eine positive Rendite abwerfen, wenn der Basiswert während der Laufzeit nicht steigt. Sie bieten zum Teil sogar einen Puffer gegen geringe Kursverluste. Bei einer hohen Volatilität des Basiswertes können die Banken diese Produkte darüber hinaus mit vergleichsweise attraktiven Merkmalen ausstatten. Allerdings werden riskoaverse Investoren bei einer hohen Schwankungsneigung des Basiswertes Zertifikate ohne Barrieren bevorzugen.

Als Beispiel sei das Discount-Zertifikat auf Silber von der schweizerischen Bank Vontobel mit der Wertpapierkennnummer VFP335 genannt. Aktuell wird das Zertifikat um knapp 20 Prozent günstiger verkauft als die Feinunze Silber. Mit anderen Worten: Der Silberpreis könnte um ein Fünftel sinken, bevor Anleger aus heutiger Sicht in die Verlustzone rutschen. Im Gegenzug ist die maximale Rendite auf knapp 18 Prozent begrenzt.

Sollte der Silberpreis auf mittlere Sicht seitwärts tendieren, können Discounter für interessierte Anlegerinnen und Anleger das Mittel der Wahl sein. Aufgrund des unsicheren Umfeldes ist eine Kursrallye beim Silber derzeit wohl nicht zu erwarten. Aber wer weiß: Vielleicht überrascht das edle Metall auch in den kommenden Wochen die Beobachter.































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Paul Mallach ist Vorstand für den Bereich Derivate der ARIVA.DE AG. Außerdem ist er Herausgeber des PDF-Magazins „ZertifikateAnleger“. Seit fünf Jahren informiert dieser Newsletter über Markthintergründe, neue Produkte und alles Wissenswerte rund um Zertifikate. Das Informationsangebot wird ergänzt durch Deutschlands umfangreichste Derivate-Datenbank auf www.zertifikateanleger.de.

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