SAP übernimmt Qualtrics: große Hoffnungen, ein warmer Geldregen und tiefe Sorgenfalten

Mittwoch, 28.11.2018 08:33 von Sven Vogel

SAP verkündete vor einigen Wochen nicht nur den Kauf des amerikanischen Software-Unternehmens Qualtrics für 8 Milliarden US-Dollar, sondern auch die großen Hoffnungen, die man mit dieser Übernahme verbindet.

Interessant ist aber nicht nur, ob sich der hohe Kaufpreis lohnen wird, sondern auch die Vorgeschichte vor Verkündung der Übernahme. Es scheint, als ob sich die Ereignisse in wenigen Wochen überschlagen hätten.

Eigentlich wollte Qualtrics nämlich an die Börse. Im Oktober veröffentlichte die amerikanische Börsenaufsicht bereits den Börsenprospekt. Nun kommt es doch anders und das Unternehmen wird als eigenständige Einheit in den SAP-Konzern eingegliedert.

Für die Gebrüder Smith – Ryan Smith und Jared Smith gründeten Qualtrics im Jahr 2002, und beiden gehört noch immer ein Großteil des Unternehmens – bedeutet die Übernahme nun einen warmen Geldregen.

Die SAP-Aktionäre waren von der Übernahme hingegen weniger begeistert. Denn beim eigentlich geplanten Börsengang stand noch eine Bewertung von rund 5 Milliarden US-Dollar für Qualtrics im Raum. SAP zahlt nun also einen deutlichen Aufschlag, was den SAP-Aktionären scheinbar nicht zu schmecken scheint. Einen Tag nach Veröffentlichung ging es mit den SAP-Papieren um beinahe 6 % nach unten.

Diese Skepsis kann ich sehr gut nachvollziehen. Erscheint die Übernahme für einen Außenstehenden doch beinahe als Verzweiflungstat. Erst kündigt Qualtrics den Börsengang an und nur wenige Wochen später verkündet SAP die Übernahme zu einem deutlich höheren Preis. Die Vermutung, dass diese Hektik eher zu einem hohen, statt zu einem zu niedrigen Kaufpreis geführt hat, ist sicherlich nicht allzu gewagt. Schließlich hatte Qualtrics zwei Optionen: entweder der Börsengang oder der Verkauf an SAP. SAP hatte wie es scheint nur eine Option: Sie wollten die Übernahme unbedingt und musste diesen Wunsch vielleicht teuer bezahlen.

Auch der Blick auf die Zahlen kann diese Vermutung nicht widerlegen. In diesem Jahr erzielte Qualtrics in den ersten sechs Monaten einen Umsatz von 184 Millionen US-Dollar und unterm Strich steht ein kleiner Verlust.

Für das Gesamtjahr 2018 werden rund 400 Millionen US-Dollar erwartet. SAP zahlt also das 20-Fache des Umsatzes. Zum Vergleich: Salesforce.com, ein zwar deutlich größerer, aber auch schnell wachsender Spezialist für Kundenbeziehungsmanagement, wird nicht einmal zum Zehnfachen des Jahresumsatzes gehandelt. Und SAP noch nicht einmal zum Fünffachen des Jahresumsatzes.

Das SAP-Management ist trotz des Kaufpreises von der Übernahme überzeugt und setzt große Hoffnungen in den Neuzugang.

Die Verbindung von den in den bereits vorhandenen SAP-Softwarelösungen enthaltenen Unternehmensdaten mit der Kompetenz von Qualtrics, also das Marken-, Mitarbeiter-, Produkt- und Kundenerlebnis schnell zu erheben und zu analysieren, soll SAP-Kunden künftig einen unvergleichbaren Wettbewerbsvorteil verschaffen.

Genau wie Salesforce.com bedient Qualtrics demnach den 44 Milliarden US-Dollar großen Markt für Customer-Relationship-Management (CRM)-Werkzeuge. Genau dort misst sich SAP schon einige Zeit mit dem scheinbar übermächtigen Konkurrenten Salesforce.com und will diesen langfristig natürlich auch hinter sich lassen. Aber während Salesforce hier bereits Milliarden-Umsätze erzielt, hinkt SAP mit einem Segment-Umsatz im dritten Quartal 2018 von lediglich rund 230 Millionen Euro deutlich hinterher.

Die Sorgenfalten der Aktionäre sind also nicht nur, was die Höhe des Kaufpreises betrifft, berechtigt, sondern auch hinsichtlich der Frage, ob der Zukauf wirklich den entscheidenden Unterschied im Duell mit Salesforce.com machen kann. Aber die Übernahme zeigt auch: SAP gibt sich im Kampf um den lukrativen CRM-Markt nicht geschlagen. Und die Veröffentlichung der im Vergleich zu Salesforce.com eher bescheidenen Segmentergebnisse für Customer Experience, zeigt nicht nur die lobenswerte Transparenz des SAP-Managements gegenüber seinen Aktionären, sondern auch ein gesundes Selbstvertrauen, langfristig hier große Erfolge zu feiern.

Also was bleibt von den großen Hoffnungen, dem warmen Geldregen und den tiefen Sorgenfalten, die die Qualtrics-Übernahme hervorgerufen hat? Die Zeit mit absoluter Sicherheit überdauern, wird nur eines: der warme Geldregen für die beiden Gründer.


Offenlegung: Sven besitzt keine der im Text erwähnten Aktien. The Motley Fool empfiehlt und besitzt Aktien von Salesforce.com.

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Sven ist nun bereits beinahe ein Jahrzehnt ein leidenschaftlicher Investor. Seit 2015 ist er als Freiberufler für The Motley Fool tätig und seit 2017 mit Deutschland-Premiere von Rule Breakers – Unternehmen, die die Welt verändern der verantwortliche Chefredakteur für diesen Service. In seiner Freizeit treib er viel Sport, kocht und isst gerne mediterran und liest meist irgendetwas, was im weitesten Sinne mit Wirtschaft, Börse und Finanzen zu tun hat.