LinkedIn: Darum hat XING den Anschluss verloren...

Sonntag, 23.09.2012 06:25 von Armin Brack

LinkedIn: Darum hat XING den Anschluss verloren...

 

Im letzten Geldanlage-Report hatte ich bemängelt, dass es in Deutschland seit dem Aufstieg von SAP in den 90er Jahren keine richtig große Erfolgsgeschichte im Technologie-Sektor mehr gegeben hat. Die beiden Business-Netzwerke XING (anfangs unter den Namen OpenBC) und LinkedIn lassen einen direkten Entwicklungsvergleich zwischen einem deutschen und einem US-Technologie-Unternehmen zu. Lesen Sie, warum XING den Anschluss verpasst hat...

 

Die Startvoraussetzungen waren vordergründig ähnlich. Beide wurden 2003 gegründet. Beide wuchsen anfangs sehr schnell und etablierten sich in ihren Regionen als dominante Netzwerk-Plattformen für den Business-Bereich. Die beiden Gründer, Lars Hinrichs (XING) und Reid Hoffman (LinkedIn), leisteten Pionierarbeit. Zur Erinnerung: Facebook gab es damals noch gar nicht, der Begriff "Social Networking" war nur Insidern ein Begriff.

 

Ohne Zweifel handelt es sich bei beiden Unternehmen um tolle Erfolgsgeschichten. Trotzdem bewegte sich die Wertentwicklung der Firmen scherenartig auseinander. Inzwischen sind beide Firmen börsennotiert, so dass sich anhand der aktuellen Marktkapitalisierung genau bestimmen lässt, wie wertvoll die Kontrahenten sind. Die Marktkapitalisierung von XING beträgt im Moment 188 Millionen Euro, die von LinkedIn 14,4 Milliarden US-Dollar, was etwas mehr als 11 Milliarden Euro entspricht. Das heißt: LinkedIn ist momentan 58-mal soviel Wert wie Xing.

 

Das war nicht immer so. Noch im Februar 2009 wurde der Wert von LinkedIn auf rund eine Milliarde US-Dollar geschätzt (770 Millionen Euro). XING war damals schon mit knapp 200 Millionen Euro bewertet.

 

Warum aber konnte LinkedIn seinen Wert in den letzten dreieinhalb Jahren seinen Wert nochmals vervielfachen, während der von XING stagnierte?

 

Wachstum vor Ertrag


Ähnlich wie Amazon im E-Commerce-Sektor hat Hoffman und Co. fast von Beginn an auf bedingungsloses Wachstum gesetzt. Durch das kostenpflichtige Abogeschäft gelang zwar früh der Sprung in die Profitabilität, trotzdem hat man die Erlöse konsequent in die Expansion gesteckt und in insgesamt vier Venture Capital-Finanzierungsrunden über 100 Millionen US-Dollar eingenommen. Also bereits vor dem Börsengang wohlgemerkt. Durch das IPO im letzten Jahr wurden weitere 353 Millionen US-Dollar durch das IPO erlöst.

 

Das führte bis heute dazu, dass LinkedIn mit über 100 Millionen fast zehnmal soviel User wie XING (ca. zwölf Millionen User) hat. Auch beim Business Networking scheint also eine Art "The winner takes it all"-Maxime zu gelten. Netzwerkeffekt wird das genannt, wenn der Vorsprung vor der Konkurrenz groß genug ist und immer mehr User sich anmelden, weil Freunde oder Geschäftspartner auch angemeldet sind. 14 Monate hatte es gedauert bis LinkedIn eine Million User hatte, für die fünfzigste Million brauchte es nur noch zwölf Tage. Das war 2009.

 

Da es im Zuge der Globalisierung immer mehr internationale Geschäftskontakte gibt, legen sich auch hierzulande immer mehr Nutzer zusätzlich einen LinkedIn-Account zu. Der Vorsprung von XING wird nun auch hierzulande, wo man lange unangefochten war, kleiner. LinkedIn holt massiv auf.

 

Umgekehrt ist die Auslandsexpansion bei XING mehr oder weniger gescheitert. Außer in den deutschsprachigen Ländern Österreich und Schweiz hat man nur noch in der Türkei eine dominierende Marktstellung inne. XING konzentriert sich mittlerweile vor allem auf den Ausbau des Geschäfts im deutschsprachigen Raum. Inzwischen scheint das auch sinnvoll. Denn der internationale Kampf ist bereits verloren.

 

Rückenwind durch Venture Capital


Im Nachhinein betrachtet kann man dem XING-Management natürlich vorwerfen, dass man nicht von Beginn an auf die Internationalisierung und eine englische Version der eigenen Plattform gesetzt hat.

 

Trotzdem war XING auch aus finanzieller Sicht fast von Anfang an schlechter gestellt als LinkedIn. Die Amerikaner konnten mit Sequoia Capital, Greylock Partners, Bessemer und Bain Capital gleich mehrere milliardenschwere Venture Capital-Firmen hinter sich bringen und so wesentlich schneller wachsen und neue Produkte entwickeln.

 

In Deutschland muss sich daher im Bereich Start-Up-Finanzierung dringend was tun, um künftig innovativen Technologiefirmen bessere Startvoraussetzungen bieten zu können. XING-Gründer Lars Hinrichs selbst engagiert sich inzwischen selbst mit seiner neuen Firma Hack Fwd (sprich: Hack Forward) in diesem Sektor. Sein Aktienpaket an XING hat Hinrichs für 48 Millionen Euro an den Burda-Verlag verkauft.

 

Das alles muss aber nicht heißen, dass die XING-Aktie im Moment das schlechtere Investment gegenüber LinkedIn ist. Das Profil der beiden Aktien spricht inzwischen jedoch unterschiedliche Arten von Anlegern an.

 

XING bietet seinen Aktionären zwar aktuell nur moderates Wachstum, dafür aber hohe operative Cash-Flows und sogar eine Dividende. Durch Verzögerungen bei der Einführung neuer Produkte und vorübergehend geringerer Gewinnmargen durch erhöhte Forschungs- und Entwicklungsausgaben kam die Aktie zuletzt deutlich unter Druck. Auf Basis der fundamentalen Bewertungskennzahlen ist die Aktie mit einem 2012er-KGV von unter 20 so günstig wie noch nie. Zudem besteht Übernahmefantasie. Auf aktuellem Niveau ist XING zumindest eine Halteposition.

 

LinkedIn dagegen weist ein 2012er-KGV von 200 und ein 2013er-KGV von 95 auf. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt für 2012 bei 13. Auf den ersten Blick astronomische Werte. Doch das ist bei echten Wachstumsraketen sekundär. Solange LinkedIn die Erwartungen des Marktes toppen kann, wird auch der Kurs nicht zurückkommen. Heute bricht die Aktie bei erhöhtem Handelsvolumen auf ein neues Allzeit-Hoch aus und generiert damit erneut ein Kaufsignal.

 

Der Markt traut LinkedIn zu, im explodierenden Mobile Advertising-Geschäft eine starke Rolle zu spielen. Vielversprechend ist auch der Online-Stellenmarkt auf der Seite. Wichtig ist, dass Sie bei einem Kauf die Position mit einem engen Stopp von rund acht Prozent unterhalb ihres Kaufkurses absichern.

 

 

MEIN FAZIT:


- Trotz gleicher Startvoraussetzungen hängte LinkedIn durch seine aggressiven Expansionsbemühungen den deutschen Konkurrenten LinkedIn schnell ab.

 

- Neben strategischen Entscheidungen war auch die bessere Venture Capital-Ausstattung von LinkedIn ein Grund für den Erfolg. Hier hat Deutschland Nachholbedarf.

 

- Auf Grund der konstanten Cash-Flows und der Dividende ist XING inzwischen eher für wertorientierte Anleger geeignet.

 

- LinkedIn ist dagegen ein Wachstumswert mit hoher Bewertung, der nur für Trader und sehr spekulativ orientierte Anleger in Frage kommt.

 

 

Jetzt gratis anmelden und die aktuelle Ausgabe lesen:

http://www.geldanlage-report.de

 


Viel Erfolg bei Ihrer Geldanlage wünscht Ihnen

 

Ihr

Armin Brack

Chefredakteur Geldanlage-Report

www.geldanlage-report.de




Hinweis: ARIVA.DE veröffentlicht in dieser Rubrik Analysen, Kolumnen und Nachrichten aus verschiedenen Quellen. Verantwortlich für den Inhalt ist allein der jeweilige Autor.

Über den Autor

RSS-Feed
Armin Brack ist seit Jahren als Aktien-Profi bekannt. Er gehört zum Team der Trading Group, die kostenfreie und kostenpflichtige Börsendienste anbietet. Dabei bietet die Trading Group ein breites Spektrum von Aktien, Devisen, Rohstoffen usw. an. Informieren Sie sich jetzt auf www.trading-group.de oder tragen Sie sich für den kostenfreien Geldanlage-Report (www.geldanlage-report.de) bzw. Trading-Brief (www.trading-brief.de) ein.