Auf den zweiten Blick: Wer kauft US-Staatsanleihen wenn nicht die Fed?

Mittwoch, 09.03.2011 16:11 von Robert Halver

Bill Gross, Chef von Pimco, dem weltweit größten Anleiheninvestor, nennt den 30. Juni 2011 den Entscheidungstag (D-Day) für Investoren von Renten. An diesem Tag läuft QE II, also das Aufkaufprogramm von US-Staatsanleihen seitens der Fed, aus.

 

Diese geldpolitische Mission hatte einen klaren Auftrag. Durch massive Anleihenaufkäufe sollte viel Geld in das private Bankensystem gepumpt werden, damit die nach der Lehman-Pleite zusammengebrochene Kreditvergabe stimuliert wird. Zugleich sollten die Renditen von Staatsanleihen und damit auch die Kreditzinsen künstlich gedrückt werden und schließlich das billige Geld eine Inflation bei Anlageklassen in Gang setzen. Ziel dieser Inflationierung sollten positive Vermögenseffekte sein, die wiederum eine positive Beeinflussung der Realwirtschaft, insbesondere des Arbeitsmarktes, nach sich ziehen sollten.

 

Zielerreichung von Aufkaufprogrammen bislang unzureichend

 

Wie sieht die Bilanz dieser geldpolitischen Maßnahmen bisher aus? Die Zinsen für US-Staatsanleihen sind in der Tat relativ niedrig geblieben, die Kreditvergabe hat wieder angezogen, die Konjunktur ist nicht in die Rezession zurückgefallen und konnte sich erholen. Auch die Aktienmärkte wurden von der Liquiditätsschwemme getrieben. Allerdings wurde das Ziel, über eine deutliche Belebung des Arbeitsmarkts einen tragenden Aufschwung der US-Konjunktur zu generieren, bislang nur unzureichend erfüllt.

 

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es weiterhin fiskalpolitischer Stimulierung bedarf. Diese offensichtliche Notwendigkeit unterstreicht nicht zuletzt der Budgetansatz der US-Regierung, der für das laufende Jahr eine Neuverschuldung von ca. 1,6 Bio. US-Dollar vorsieht. Eine entspannte Finanzpolitik kann man dies wohl nicht nennen.

 

Am 30. Juni läuft nun diese Stimulierung der Fed aus. Über QE II hat die US-Notenbank bisher ca. 60 Prozent der neu emittierten Schuldtitel der USA gekauft. Das ist sicherlich mehr als bemerkenswert.

 

Wer ist bereit, US-Bonds zu kaufen?

 

Es stellt sich jetzt die einfache Frage, welche Investoren ab 1. Juli 2011 diese Nachfrage ersetzen werden. Schaut man zunächst auf US-amerikanische Investmentfonds, so ist festzustellen, dass im Trend der Sicherheitsanlage „Anleihen“ nach dem Platzen der Immobilienblase 2008 zweifelsfrei erhöhte Bedeutung zugekommen ist. Durch die zunehmende Erkenntnis der Anleger, dass ein Zusammenbruch der Finanzwelt nicht zu befürchten ist, hat die Attraktivität von Anleihen jedoch kräftig nachgelassen und das Absatzvolumen ist deutlich eingebrochen. Dabei hat auch die im Trend nachlassende Rendite, das war ja eines der Ziele von QE II - ihren Tribut gefordert.

 

Gläubiger der USA mit Rendite unzufrieden

 

Die ausländischen Gläubiger amerikanischer Staatsschulden aus China, Japan, Großbritannien oder Euroland werden sicherlich weiter als Käufer auftreten. Immerhin refinanziert man damit die Exportaktivitäten in die USA. Zu diskutieren ist aber, ob die nachgefragten Volumina weiter so hoch bleiben. Angesichts einer nationalen Verschuldung der USA von aktuell ca. 14,2 Bio. US-Dollar werden die kritischen Fragen hinsichtlich der zukünftigen amerikanischen Wirtschaftskraft zur Bewältigung der Schuldenlast lauter. In diesem Zusammenhang ist die Absicht der Chinesen, ihren Yuan mittelfristig zu einer Weltwährung aufzubauen und damit am Nimbus des US-Dollars als alleiniger Weltleitwährung zu rütteln, nicht hilfreich.

 

Ein weiteres Problem sind die zu geringen Renditen von US-Staatsanleihen, die bezogen auf den Inflationsdruck und die abnehmende Bonität auch von den internationalen Gläubigern als nicht risikoadäquat eingeschätzt werden. Es ist naheliegend, einen Zusammenhang zwischen der Höhe der Verschuldung und der Höhe der Renditen zu sehen. In der Realität bietet sich jedoch ein anderes Bild. Trotz der deutlich zunehmenden Staatsverschuldung in den USA, sind die Renditen von Staatsanleihen in Amerika und damit im Trend auch in Deutschland langfristig gefallen.

 

Die Banken als historisch große Käufergruppe sind froh, dass ihnen die Fed die schwach rentierlichen Staatspapiere mit einem Aufpreis abgekauft hat. Sie werden wohl nur ein geringes Interesse daran haben, wieder massiv in US-Staatsanleihen einzusteigen. Auch der Blick auf die Rendite von Staatsanleihen nach Inflation legt dieses Anlageverhalten der US-Banken nahe. Über verschiedene Laufzeiten betrachtet, ist die Attraktivität von Staatsanleihen begrenzt. Erst ab Laufzeiten von 5 Jahren wird eine positive, aber auch nur geringe Realverzinsung erzielt. Überhaupt muss unterstellt werden, dass die offizielle Verbraucherpreisinflation in den USA mit aktuell 1,6 Prozent angesichts der massiv steigenden Energie- und Lebensmittelpreise als nicht realitätsnah einzustufen ist. Damit sind auch die längeren Laufzeiten aus Renditesicht begrenzt attraktiv.

 

Dass die Zinsen für staatliche Schuldtitel zu niedrig sind, zeigt auch der Vergleich zwischen dem nominalen Wirtschaftswachstum der USA und der Rendite von 10-jährigen US-Staatsanleihen. Die extrem niedrigen Renditen passen nicht mehr zum sich erholenden Wirtschaftswachstum, auch deshalb, weil es mit viel Staatsverschuldung erkauft wurde. In der massiven Rezession 2009/2010 waren diese sicherlich noch gerechtfertigt.

 

Die Fed wird weiter kaufen (müssen)

 

Um längerfristig weiter einen befriedigenden Absatz von Staatsanleihen zu gewährleisten, müssten die Zinsen grundsätzlich also deutlich ansteigen. Mit Blick auf die unbefriedigend hohe Arbeitslosigkeit von offiziell knapp neun Prozent und um die Fortsetzung der beabsichtigten Inflationierung von Anlageklassen nicht zu gefährden sowie um die Zinslast auf die Staatsschulden nicht unerträglich teuer zu machen, kann dies eine US-Geldpolitik jedoch nicht zulassen.

 

Und wenn daraufhin private und ausländische Investoren nicht bereit sind, Staatsanleihen zu kaufen, bleibt als letzter Rettungsanker nur die US-Notenbank übrig. Sie kann und wird am Entscheidungstag, dem 30. Juni 2011, nicht mit dem Aufkauf von Staatsanleihen aufhören können. Das abzusetzende Volumen ist einfach zu groß geworden. Die Fed wird also die Zwangsalimentierung von Staatsschulden fortsetzen müssen und damit die Zinsen weiter niedrig halten.

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Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieren und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit 1990. Robert Halver ist durch regelmäßige Medienauftritte, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.
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