Angie, Angie, when will those clouds all disappear.

Freitag, 09.09.2011 18:44 von Robert Halver

Es gibt viele Fans der Rolling Stones. Ich bin auch einer davon. Einer der bekanntesten Titel der Stones ist „Angie“. Es ist ein Abschiedslied, eigentlich ein Blues, in welchem der Sänger, Mick Jagger, seine Geliebte verzweifelt fragt, warum für ihre Beziehung keine Hoffnung mehr besteht. Trotz der vielen Versuche, diese zu retten, wird schließlich der Schluss gezogen, dass ein Happy End nicht möglich ist, die dunklen Wolken also - so wie im Refrain beschrieben - nicht verschwinden.

 

Apropos Rettung, sind Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen rein zufällig? Ist es nicht eine Ironie, dass unsere Bundeskanzlerin ebenfalls mit Vornamen Angela - Kurzform Angie - heißt. Und mit ein bisschen Fantasie passt die Lyrik dieses wunderbaren Bluestexts auch auf den aktuellen Beziehungsstress in der Eurozone. Ja man könnte ihn sogar als verzweifelte Frage seitens der deutschen Bevölkerung an die Bundeskanzlerin verstehen, warum sich die Rettung der euroländischen Beziehung so schwierig - so dunkelwolkig - gestaltet.

 

Beziehungen scheitern an mangelnder Liebe…

 

Gemäß Liedtext scheinen die Probleme, also die Bewölkung, an zwei Dingen, an erstens zu wenig gegenseitiger Sympathie, also Zusammengehörigkeit (no lovin' in our souls) und zweitens finanziellen Problemen (no money in our coats) zu liegen. Wie gestaltet sich nun die Beziehungskrise in Euroland? Wie sieht es hier mit dem Zusammenhalt und der finanziellen Grundlage aus?

 

In punkto Zusammenhalt scheinen momentan neben Angela auch die anderen europäischen Beziehungstherapeuten Nicolas und Silvio nicht mehr jene Leidenschaft für die europäische Idee zu versprühen, mit der früher noch Helmut und Francois bei der Bevölkerung emotional punkten konnten. Für eine gute Idee - und die Europäische Union ist schon aus geopolitischen und geowirtschaftlichen eine grundsätzlich gute - muss man mit heißem Herzen, mit Leidenschaft kämpfen. Man könnte auch führen sagen. Statt aber mit Eintracht für die gute Sache, üben sich die Politiker eher in unermüdlicher Zwietracht. Und selbst in der Bevölkerung des Euro-Musterlands Deutschland kommen angesichts deutscher Politiker, die, anstatt sich einvernehmlich der Euro-Krise als der größten Krise seit dem 2. Weltkrieg zu stellen, immer noch meinen, Klientel-Politik betreiben zu müssen und die sich zudem wie die Kesselflicker streiten, nun wirklich keine warmen Euro-Gefühle auf.

 

 …oder der finanziellen Grundlage

 

Wie sieht es alternativ mit der finanziellen Basis für die Beziehung aus, also mit den Chancen für eine gute Zweckehe in der Eurozone? Gegen eine gute Vernunftehe ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn für Leistung auch eine Gegenleistung erfolgt. Dann kann sie bekanntlich länger halten als so manche Liebesbeziehung.

 

Nun, die Leistungen werden insbesondere für die zwei schwächsten Länder Portugal und vor allem Griechenland erbracht. Mit bilateralen Krediten und großen Rettungsschirmen mit den schönen Namen EFSF, EFSM und ESM - nennen wir es erkaufte Liebe - versucht man seit Mai 2010 der Beziehung geldlich auf die Sprünge zu helfen. Und was hat man nicht alles an Mitgift investiert? Das gesamte Stabilitätsporzellan wurde geopfert und eine Transferunion eingeleitet.

 

Welchen Sinn haben Rettungsmaßnahmen, die den zu Rettenden nicht retten?

 

Nur der Therapieerfolg stellt sich nicht ein. Im Gegenteil, der Beziehungsstress mit den Hellenen nimmt noch zu, da ihre Wirtschaft ungefähr so drastisch schrumpft wie umgekehrt ihre Schulden steigen. Diese zerrütteten Verhältnisse führen auch zu Kollateralschäden im übrigen Beziehungsgeflecht der Euro-Familie. So spricht z.B. die Slowakei bei den griechischen Rettungsschirmen wörtlich von einem „Weg in die Hölle“ und die Finnen haben offenbar ihren Spaß daran gefunden, launisch darüber zu philosophieren, ob und wenn ja wie sie an Rettungspaketen teilnehmen. Und selbst die nationalen Beziehungsgelehrten in Deutschland stellen sich zunehmend die logische und rationale Frage, welchen Sinn Rettungsmaßnahmen haben, die den zu Rettenden nicht retten können. Mit Griechenland bekommen wir keine gute Zweckehe hin, bestenfalls eine Scheinehe, da die Gegenleistung fehlt. Noch schlimmer, wir gefährden damit die euroländische Gesamtbeziehung.

 

Also lassen wir uns glücklich von Griechenland und Portugal - in beiderseitigem Einvernehmen - scheiden. Denn auch die finanzielle Chemie stimmt nicht. Zwei kleinere Erdbeben in der Euro-Familie sind besser als das große, auf das wir ansonsten hinsteuern und das vieles nachhaltig zerstören würde.

 

Am Ende sind wir nicht mehr zu retten, die Wolken werden also niemals verschwinden.

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Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieren und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit 1990. Robert Halver ist durch regelmäßige Medienauftritte, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie durch Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.
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