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Dr. Gerd Kommer: "Market-Timing produziert Zusatzkosten ohne zuverlässigen Zusatznutzen"

Dienstag, 08.08.2017 14:58 von Eike Schäfer

Sachbuchautor Dr. Gerd Kommer
Sachbuchautor Dr. Gerd Kommer - © Gerd Kommer Invest GmbH
Im zweiten Teil unseres Sommerinterviews erklärt Dr. Gerd Kommer unter anderem, welche Robo-Advisor aus seiner Sicht zu meiden sind. Der Autor und langjähriger Verfechter einer passiven Anlagestrategie bezieht auch zu den unterschiedlichen Konstruktionsarten von Indexfonds ausführlich Stellung.

ARIVA.DE: Im ersten Teil des Interviews haben wir bereits ausführlich über die Gewichtung in Ihrem Weltportfolio gesprochen. Ich würde gern einen Schritt zurück machen und von Ihnen wissen: Wie würden Sie bei der Anlageentscheidung grundsätzlich vorgehen?
Kommer: Zunächst müssen Sie einige grundsätzliche Entscheidungen treffen. Was ist Ihr Liquiditätsbedarf in den nächsten Jahren, welchen Investitionshorizont, welche Risikotoleranz haben Sie, und so weiter. Nach dieser wichtigen Vorüberlegung kommen Sie dann zu der Entscheidung, beispielsweise 30 Prozent Ihres Vermögens in einer risikoarmen Anlage zu halten, das wären typischerweise kurzfristige Staatsanleihen und eventuell Unternehmensanleihen höchster Bonität in Ihrer Heimatwährung. Höchste Bonität heißt: die ersten zwei oder drei Rating-Noten von ungefähr 25. Die anderen 70 Prozent des Weltportfolios würden dann für den risikobehafteten Teil, also primär Aktien, zur Verfügung stehen, bei dem man – sofern man das will und versteht – die angesprochenen Faktorprämien systematisch berücksichtigen kann. Es geht aber auch ganz neutral, ohne Berücksichtigung von Faktorprämien. Das hätte den Vorteil, dass die Kosten eines solchen Weltportfolios ganz besonders niedrig sind.
 

"Die Rendite kurzfristiger Staatsanleihen war schon immer nahe Null. Das hat sich durch die Nullzinspolitik nicht geändert." 


ARIVA.DE: Sind Staatsanleihen noch eine kluge Wahl? Es heißt doch immer, Staatsanleihen würden heutzutage gar nichts mehr bringen.
Kommer: Das ist eines meiner Lieblingsthemen: die Rendite von Staatsanleihen. Wenn man richtig rechnet und kein Data Mining betreibt – also sich die Daten herauspickt, die die eigene Überzeugung bestätigen – dann war die Rendite kurzfristiger Staatsanleihen mit einem Rating von AAA oder AA+ auf lange Sicht schon immer nahe Null, also nur geringfügig positiv und in mehr als einem Drittel aller Jahre in den vergangenen rund 100 Jahren negativ. Richtig rechnen heißt, Kosten und Steuern berücksichtigen. Dass wir etwas Anderes erwarten, hängt mit Wunschdenken, selektiver Wahrnehmung, falschem Rechnen und – benutzen wir hier ein böses Wort – Irreführung durch die Finanzbranche zusammen. Renditen sind Risikoprämien. Da, wo es das geringstmögliche Risiko gibt – und das sind kurzfristigen Staatsanleihen mit Top-Bonität –, da kann auf lange Sicht keine nennenswert positive Rendite herauskommen. Das hat sich auch durch die sogenannte Nullzinspolitik oder den sogenannten Anlagenotstand nicht grundsätzlich geändert.

ARIVA.DE: Lassen Sie uns bei den Indexfonds mal ins Detail gehen. Sind synthetische ETFs, die indirekt über Tauschgeschäfte konstruiert werden, genauso gut wie ETFs, die den zugrundeliegenden Index durch den Kauf der Wertpapiere physisch nachbilden?
Kommer: Ich persönlich bin kein großer Freud von synthetischen ETFs. Da sie auf Swap-Geschäften basieren, beinhalten sie ein geringes zusätzliches Risiko, das aber vielfach überschätzt wird. Die Anbieter solcher ETFs benutzen Swap-Geschäfte anstelle physischer Replikation, weil es ihnen damit gelingt, bestimmte Asset-Klassen oder bestimmte Indizes zu niedrigeren Kosten abzubilden. Wenn dieser Kostenvorteil, dem ein kleines Zusatzrisiko gegenübersteht, systematisch und in voller Höhe an die Anleger weitergereicht werden würde, hätte ich persönlich kein Problem mit synthetischen ETFs. Aber ich habe den Eindruck, dass das nicht der Fall ist.

ARIVA.DE: Ist es nur Geschmackssache, ob man ausschüttende oder thesaurierende ETFs bevorzugt?
Kommer: Ja. Ich persönlich finde thesaurierende Fonds in vielen Situationen besser, weil keine Wiederanlagekosten anfallen. Außerdem dämmen sie – jedenfalls in der Vermögensaufbauphase – die stets lauernde Versuchung ein, die Ausschüttungen für Konsum zu verballern. Thesaurierende Fonds haben somit einen gesunden Disziplinierungseffekt.

ARIVA.DE: Ist es ratsam, nur in thesaurierende Fonds zu investieren, die ihren Sitz im Inland haben, um bei der Versteuerung der zufließenden Erträge keine Probleme zu bekommen?Kommer: Die auf vielen Finanz-Blogs behauptete steuerliche Nachteiligkeit oder Komplexität solcher rechtlich im Ausland angesiedelter ETFs fällt Anfang 2018 erfreulicherweise weg. Bislang war es für Anleger minimal komplizierter, diese Fonds, die meist aus Irland oder Luxemburg stammen, in der Einkommensteuererklärung zu berücksichtigen. Aber diese ETFs deswegen von vornherein als steuerhässlich zu verdammen, war einfach Unsinn. Da wurde aus einer Mücke ein Elefant gemacht.

ARIVA.DE: Zurück zum risikobehafteten Teil des Portfolios. Wie oft sollte ich meine Asset-Auswahl anpassen, wenn ich sie erst einmal festgelegt habe?
Kommer: Eine feste Regel dafür gibt es nicht. Praktisch ist es, wenn man etwa einmal pro Jahr überprüft, ob die ursprüngliche Asset-Allokation auch weiterhin eingehalten wird, und gegebenenfalls ein Rebalancing macht, die diese Verschiebung wieder korrigiert. Natürlich kann sich die persönlich angemessen Asset-Allokation im Zeitablauf ebenfalls ändern. Wenn das der Fall ist, kann das ebenfalls Rebalancing erfordern.
 

"Aktiv investieren funktioniert einfach schlecht - ob durch die Stadtsparkasse oder den neuesten Robo-Advisor."


ARIVA.DE: Kann ich mein Vermögen nicht auch einfach einem Robo-Advisor anvertrauen, der für mich automatisiert eine wissenschaftlich fundierte Anlagestrategie umsetzt?
Kommer: Robo-Advisor sind grundsätzlich eine gute Sache. Aber aus meiner Sicht sollte man Robo-Advisor, die aktive Strategien praktizieren, meiden. Aktiv investieren funktioniert einfach schlecht, ob durch die Stadtsparkasse Kleinkleckersdorf oder durch den neuesten Robo-Advisor Ultra-Schlau.

ARIVA.DE: Dass ein Robo-Advisor nur in ETFs investiert, heißt also nicht, dass nach Ihrer Definition passiv investiert wird?
Kommer: Ja, das ist so. Gegen ein Modell mit statischer Asset-Allokation und einer Buy-and-Hold-Strategie habe ich nichts einzuwenden. Aber manche Robos praktizieren Market Timing mit ETFs auf der Basis eines quantitativen Modells, dass in einem wissenschaftlich erscheinenden Mantel daherkommt, der aber in Wirklichkeit eine Blackbox ist. Market Timing produziert Zusatzkosten ohne zuverlässigen Zusatznutzen. Auf dem Friedhof gescheiterter Market-Timing-Ansätze geht bald der Platz aus, aber es werden jedes Jahr neue Leichen angeliefert. Das einzige, was ich über den klassischen passiven Ansatz hinaus für interessant halte, ist die Übergewichtung von Faktorprämien auf Buy-and-Hold-Basis. Dafür braucht man keinen geheimen Algorithmus, keinen Spezial-Robo-Advisor mit Extrakosten, sondern einfach nur die 'alte Tante Wissenschaft', also Wissen und Informationen, die in der Public Domain sind und von Hunderten, manchmal Tausenden unabhängiger Wissenschaftler in den zurückliegenden Jahrzehnten getestet und verifiziert wurden.

ARIVA.DE: Würde passives Investieren noch funktionieren, wenn alle Investoren lediglich passiv investieren?
Kommer: Die Frage wird oft gestellt, ist aber letztlich sinnlos. Zunächst einmal liegt der Marktanteil passiven Investierens in den globalen Aktien- und Anleihemärkten heute, wenn man ihn richtig misst, vermutlich nur bei einem Prozent, nicht bei 20 oder 25 Prozent, wie man gelegentlich liest. Der erste Indexfonds wurde vor etwa 40 Jahren aufgelegt. In 40 Jahren hat passives Investieren einen Marktanteil von einem Prozent geschafft. Rasantes Marktanteilswachstum stelle ich mir anders vor. Aber Sarkasmus beiseite: Die anderen Argumente, warum diese Frage einfach sinnlos ist, also falsch gestellt ist, gebe ich in meiner neuen ARIVA.DE-Kolumne in diesem Monat.

ARIVA.DE: Bei aller Sympathie, die man dem Investieren mit ETFs entgegenbringen kann, gibt es dennoch auch kritische Stimmen. Weil ETFs zum Teil mit Hilfe von komplexen Tauschgeschäften zusammengebaut und Anlageklassen dadurch immer stärker miteinander verwoben werden, warnen Kritiker, dass der gesamte Finanzmarkt wesentlich anfälliger für Schwankungen wird. Sehen Sie diese Gefahr auch?
Kommer: Diese Argumente kommen zu 95 Prozent von Vertretern der Asset Management-Branche, die das alte, hochpreisige aktive Investieren repräsentieren und verteidigen wollen, also von Fondsmanagern und ihren Chefs. So gut wie nichts davon kommt von der Wissenschaft. Ich für meinen Teil halte mich lieber an die Wissenschaft, wenn ich über solche Fragen nachdenke und eher weniger an Leute mit einem scheunentorgroßen Interessenkonflikt, die überdies keine Evidenz liefern, die auf harter, empirischer Forschung basiert.

ARIVA.DE: Sind ETFs vom Konstrukt her völlig krisensicher?
Kommer: Sie sind nicht besser oder schlechter als die in ihnen vorhandenen Assets. Es existiert durchaus das Problem, dass sich in einer Krise, wenn die Liquidität am Markt verschwindet, die Geld-Brief-Spanne bei ETFs zum Teil dramatisch ausweiten kann, das ist wahr. Das gilt aber für die zugrundeliegenden Assets genauso. Wenn Sie in einem solchen Fall direkt den Basiswert gekauft hätten, sähe es genauso aus, vielleicht sogar noch schlimmer. Generell sollte niemand, der ein ETF kauft, mit dem illiquide Underlyings wie etwa ein Junk Bond-Index abgebildet werden, erwarten, diesen ETF buchstäblich immer und jederzeit zum sogenannten Marktkurs verkaufen zu können.

Interview: Eike Schäfer

Lesen Sie auch den ersten Teil unseres Sommerinterviews mit Dr. Gerd Kommer:
„Passiv investieren bedeutet: Es kommt nicht auf die Namen an“ 

 

Zur Person: Dr. Gerd Kommer ist Geschäftsführer der Gerd Kommer Invest GmbH, München. Das Anfang 2017 gegründete Unternehmen berät vermögende Privatkunden, Family Offices, Stiftungen und mittelständische Unternehmen in Finanzangelegenheiten. Zuvor war Kommer 24 Jahre lang bei europäischen Großbanken und Asset Management-Unternehmen tätig. Kommer hat BWL, Steuerrecht und Politikwissenschaft in Deutschland, USA und Liechtenstein studiert. Er ist Autor mehrerer Bücher zu Investmentthemen. 2016 wurde Gerd Kommer für das Buch "Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs" mit dem Deutschen Finanzbuchpreis ausgezeichnet.

 

"Souverän investieren mit Indexfonds & ETFs "

BildPressetext des Verlages:
"Aktives Investmentmanagement – der Versuch, den Markt zu übertreffen – scheitert fast immer grandios. Gerd Kommer stellt eine einfache und fundierte Alternative vor: Investieren mit Indexanlagen."

Für dieses Buch wurde Dr. Gerd Kommer 2016 mit dem Deutschen Finanzbuchpreis ausgezeichnet. Der Preis wird von der Citigroup Global Markets Deutschland AG und der Börse Frankfurt Zertifikate AG gestiftet.


Dr. Gerd Kommer
Souverän investieren mit Indexfonds & ETFs
Wie Privatanleger das Spiel gegen die Finanzbranche gewinnen

320 Seiten, kartoniert
2015, 4. aktualisierte Auflage erschienen 
bei Campus