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Benjamin Graham: Intelligent investieren mit dem Buffett-Lehrmeister

Donnerstag, 06.12.2018 11:30 von Björn Selck

Benjamin Graham, der Vater des Value Investings.
Benjamin Graham, der Vater des Value Investings. - © Harishsama1998, 8-brilliant-lessons-from-the-investor-that-taught-warren-buffett-everything-he-knows, Zuschnitt von ARIVA.DE, CC BY-SA 4.0
Der Ökonom und Investor Benjamin Graham gilt als Begründer der fundamentalen Wertpapieranalyse und des Value Investings – der Anlagestrategie, die Warren Buffett zum drittreichsten Mann der Welt machte.

Als Benjamin Graham ein Jahr alt war, verließen seine Eltern die Heimat London in Richtung der Vereinigten Staaten, um dort mit ihrem Porzellanhandel Fuß zu fassen. Bis zum Tod des Vaters im Jahre 1903 lebte die Familie im Wohlstand, dann folgte der wirtschaftliche Abstieg: Grahams Mutter war unternehmerisch weniger erfolgreich als der Vater und verlor das Familienvermögen während der sogenannten „Panik von 1907“, einer US-Finanzkrise, durch kreditfinanzierte Aktien-Investments. Diese Verlusterfahrungen – und auch spätere Finanzkrisen wie der Crash von 1929 – dürften maßgeblich dazu beigetragen haben, dass Graham bei seinen Investments stets Sicherheit und Kapitalerhalt in den Vordergrund stellte.

Mit zwanzig Jahren an die Wall Street

Der Musterschüler Graham übersprang mehrere Klassenstufen und schloss im Alter von 20 Jahren ein Universitätsstudium der Fächer Philosophie, Mathematik, Englisch und Griechisch an der New Yorker Columbia Universität ab. Das Angebot einer akademischen Laufbahn lehnte er ab, um Karriere an der Wall Street zu machen. Hier arbeitete er 1914 zunächst für eine Brokerfirma als Laufbursche, um wenig später als Analyst in die Anleiheabteilung zu wechseln. 1915 gelang ihm der erste Value Investing-Coup: Graham erkannte, dass die Papiere der in Auflösung befindlichen Guggenheim Exploration Company, einer Holding von Minengesellschaften, unterbewertet waren. Der Wert der bei einer Liquidation auf jede Aktie entfallenden Anteile an Kupferminen, hatte Graham ermittelt, lag deutlich über dem Preis der Guggenheim-Aktie. Nach weiteren erfolgreichen Deals wurde Graham von seiner Brokerfirma zum Partner befördert; drei Jahre später gründete er eine eigene Vermögensverwaltung. In der Krise von 1929 verlor Graham einen Großteil der verwalteten Kundengelder und arbeitete infolgedessen mehrere Jahre lang unbezahlt, um die Verluste der Investoren wettzumachen.

1934: Graham verrät die „Geheimnisse der Wertpapieranalyse“

Neben seiner Tätigkeit als Vermögensverwalter lehrte er ab 1928 an der Columbia Universität; 1934 erschien sein gemeinsam mit David Dodd verfasstes Erstlingswerk „Security Analysis“, das in Deutschland erstmals 1999 unter dem Titel „Geheimnisse der Wertpapieranalyse“ veröffentlicht wurde. Warren Buffett, nannte das Werk eine „Straßenkarte des Investierens“, die ihn seit bereits seit den 1950er Jahren begleite und sein Leben verändert habe – ebenso wie der spätere, erstmals 1949 veröffentlichte Graham-Ratgeber „Intelligent investieren“. Im Vorwort der Auflage von 1973 bezeichnet Buffett das Buch als „das Beste, das jemals über Kapitalanlage geschrieben wurde.“ Denn es waren Grahams Konzepte, die Buffett zum erfolgreichsten Investor aller Zeiten machten.

„Ich bin 85% Benjamin Graham und zu 15% Fisher.“

Warren Buffett

Das wichtigste davon ist die in „Geheimnisse der Wertpapieranalyse“ eingeführte sogenannte Sicherheitsmarge (Margin of Safety): Unternehmen eignen sich demnach für Investments, falls ihr börsennotierter Marktwert deutlich unter ihrem inneren bzw. wahren Wert („fair value“) liegt – Anleger sollten laut Graham „nur 50 Cent für einen Dollar zahlen“. Graham errechnete den inneren Wert, indem er den Gewinn pro Aktie mit dem erwarteten jährlichen Gewinnwachstum in Prozent multiplizierte. Mittlerweile existieren zahlreiche Modelle und Abwandlungen von Grahams Formel, um den „wahren Aktienwert“ zu ermitteln. Auch Graham revidierte diese 1974, indem er sie in einer Neuauflage des Werkes um das Zinsniveau von Anleihen erweiterte. Anleger, die selbst die Graham-Formeln nutzen wollen, finden beispielsweise auf der Website captaincalculator.com entsprechende Rechner.

Grahams Regeln für Anleger

Lag der Börsenkurs unter dem inneren Wert, investierte Graham und wartete, bis auch der Markt den wahren Wert der Aktie erkannte. Neben den Konzepten Fair Value und Margin of Safety formulierte Benjamin Graham eine ganze Reihe an Grundsätzen, die sich langfristig orientierte Anleger auch heute noch für ihre Strategie zunutze machen können:

  • „Achten Sie nicht zu sehr auf den Gesamtmarkt. Auch in einem teuren Markt gibt es Sonderangebote.“
  • „Suchen Sie nach spezifischen Value-Zeichen. Die attraktivsten Aktien haben ein unterdurchschnittliches KGV und eine hohe Dividendenrendite; die Gewinne des Unternehmens sollten sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt haben.“
  • „Diversifizieren Sie mit Aktien und Anleihen. Mindestens 25 Prozent Ihres Vermögens sollten in Cash und Anleihen angelegt sein. Halten Sie mindestens acht Aktien.“
  • „Denken Sie selbst und seien Sie geduldig. Die größten Gewinne stammen aus unterbewerteten Wachstumsaktien, die fünf Jahre oder länger gehalten werden.“
  • „Kaufen Sie niemals eine Aktie, nur weil ihr Kurs gerade gestiegen oder gefallen ist.“