Zertifikate-Kluft zwischen Werbung und Wirklichkei

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Zertifikate-Kluft zwischen Werbung und Wirklichkei bammie

Zertifikate-Kluft zwischen Werbung und Wirklichkei

 
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Zertifikate: Kluft zwischen Werbung und Wirklichkeit

Zertifikate sind der wichtigste Wachstumsmarkt in der Geldanlage. Doch die Kluft zwischen Werbung und Wirklichkeit ist groß – nur ein Teil der Papiere ist wirklich interessant.


Wen würde das nicht locken: Ein Wertpapier, das bequem mit einem einzigen Kauf die Chancen eines kompletten aussichtsreichen Marktes abgedeckt, das zugleich einen Sicherheitspuffer von 30 Prozent oder mehr gegen Kursrückschläge bietet und das dennoch voll und ganz mitzieht, wenn die Aktien durchstarten. Bonuszertifikate versprechen ein solches Anlageprofil – kein Wunder, dass sie zu Bestsellern avancieren. Besonders in Deutschland, mit mehr als 20.000 verschiedenen Discounts, Baskets, Indexpapieren und anderen Zertifikaten das Banken-Dorado für diese Anlageprodukte.

Dass der Erfolg, den private Anleger in ihrem Depotauszug ablesen können, oft viel nüchterner ist als die vollmundigen Marketingversprechen der Emittenten, tut dem Verkaufserfolg der Papiere keinen Abbruch. Denn an sich sind Zertifikate sogar Kinder der Krise. Zwar gab es marktbreite Derivate – also abgeleitete Wertpapiere – schon vor der weltweiten Baisse vom Frühjahr 2000 bis Frühjahr 2003.

Doch erst mit der kollektiven Wertvernichtung durch Aktien und Aktienfonds bekamen Zertifikate ihren Wachstumskick: Wozu teure Fondsmanager bezahlen, wenn sie doch keine Verluste vermeiden? Dagegen verheißen Zertifikate, ausgestattet mit Garantie, Airbag, Bonus oder ähnlich benannten Features, eine neue Art der Anlagepolitik: Immer mehr Märkte (Aktien, Indizes, Währungen, Rohstoffe, Anleihen, Hedge-Fonds) werden zugänglich, für jede Kursrichtung (Hausse, Baisse, Schaukelbörse) gibt es scheinbar passende Papiere (siehe Kontextkasten rechts). Aller Voraussicht nach werden die Umsätze in Anlage- und Hebelzertifikaten in diesem Jahr zum vierten Mal in Folge einen neuen Rekord erreichen.

Exotische Absenderadressen meiden

Der Streit, welches Anlageinstrument – Zertifikat oder Fonds – nun besser ist, erhitzt seitdem die Gemüter. Dabei beharken sich nicht nur die Anbieterverbände: Der Bundesverband Investment und Asset Management BVI im Namen der Fonds gegen das neu gegründete Deutsche Derivate Institut DDI. Die Front geht mitten durch die Banken. Schließlich haben sie beides unter einem Dach: hauseigene Fondsgesellschaften auf der einen und Zertifikateteams auf der anderen Seite, die ein Papier nach dem anderen auf den Markt werfen.

Für den Privatanleger ist die Frage, ob Fonds oder Zertifikate letztlich besser sind, gar nicht entscheidend. Ebenso könnte er die Zertifikate gegen Aktien, Anleihen oder andere Wertpapierformen antreten lassen. Für ihn ist es viel wichtiger, Funktion und Wirkung von Zertifikaten zu verstehen. Dann kann er für sich und sein Depot vor jeder Einzelentscheidung die Frage nach der besten Anlage beantworten.

Zertifikate sind, wie Anleihen, Inhaberschuldverschreibungen der Emissionsbank. Das bedeutet: Sollte der Emittent in finanzielle Schwierigkeiten kommen, ist die Rückzahlung gefährdet. Wer Zertifikate kauft, muss deshalb bei der Auswahl der Emissionsbank den gleichen Maßstab anlegen wie der Käufer eines Zinspapiers. Also möglichst alle exotischen Absenderadressen meiden.
Zudem sind Zertifikate schnell. Von der Anlageidee über die Konstruktion des Papiers bis zum Verkauf vergehen wenige Wochen. Kaum ein Fonds, der quasi wie ein eigenes Unternehmen geführt wird, kann da mithalten. Doch was auf den ersten Blick ein Vorteil ist, kann zum Bumerang werden: Zertifikate werden dann emittiert, wenn sie sich gut verkaufen lassen. In der Hausse des Jahres 2000 waren das Papiere auf Branchen wie Internet oder Biotech, im Kurstief 2003 dafür massenhaft Garantiezertifikate. Beides erwies sich als die falsche Strategie – in beiden Fällen kamen die Anleger mit ihren Käufen deutlich zu spät.

Wer Zertifikate einsetzt, sollte also den Spieß umdrehen. Nicht kaufen, was neu angeboten wird – besser erst eine Anlagestrategie zurechtlegen und dann filtern, welche Papiere am besten dazu passen.

Die Emissionsmaschinerie der Banken sorgte dafür, dass es auf immer mehr Indizes, Branchen, Einzelaktien, Anleihen oder Rohstoffe alle möglichen Zertifikatetypen gibt: so genannte Delta-Eins-Papiere, die sich genau im Verhältnis eins zu eins zur Aktie oder zum Index bewegen; Discountzertifikate, die einen verbilligten Einstieg ermöglichen, dafür aber nur eine gedeckelte Gewinnchance bieten; Garantiepapiere, die das investierte Geld – mit Einschränkungen – absichern; Bonuszertifikate, die einen besonderen Aufschlag versprechen, oder Hebelpapiere, die Spekulationen auf Hausse und Baisse ermöglichen.

Neutrale Position

Allen Kreationen ist dabei eines gemeinsam: Geschenkt bekommt der Anleger nichts, er muss jeden Puffer und jeden Turbo, jede Sicherheitsleistung und jede Superchance bezahlen. Ein Bonus etwa wird mithilfe der Dividenden finanziert, die der Anleger beim Kauf der Aktie bekäme, die aber beim Kauf eines Zertifikats die Bank einstreicht. Einen Discount auf den Aktienkurs erhält der Anleger nur, indem er eine Option mitkauft. Hinter jedem Zertifikat steckt eine Dreierbeziehung: Auf der einen Seite der meist private Käufer des Zertifikats, auf der anderen Seite der Teilnehmer, der die Gegenposition einnimmt – oft sind das professionelle Optionshändler von Versicherungen oder Fonds, zunehmend aber auch private Anleger, die eben nur in die andere Richtung spekulieren. Zwischen beiden Parteien, als Makler, Manager und Profiteur des Deals, steht die Bank.

Wenn jemand zum Beispiel ein Discountzertifikat auf eine Aktie kauft, dann deckt sich die Emissionsbank mit dieser Aktie ein und verkauft zugleich einen Call (Kaufoption) auf dieses Papier. Der Erwerber des Calls finanziert mit seinem Kaufpreis den Rabatt, den die Emissionsbank via Discount an den Zertifikatebesitzer weiterleitet. Sinkt der Kurs der Aktie bis zum Laufzeitende des Zertifikats, bekommt der Zertifikatebesitzer den Verlust aufs Auge gedrückt und der Käufer des Calls kann seine Prämie in den Wind schreiben. Steigt die Aktie, kassiert der Zertifikatekäufer den Gewinn bis zur Begrenzung (Cap), der Käufer des Calls sahnt den Kursanstieg darüber hinaus ab. In beiden Fällen bezieht die Bank eine neutrale Position. Ihr Gewinn liegt darin, den Deal für sich so rentabel wie möglich zu managen. Macht sie dabei keine handwerklichen Schnitzer, ist der Handel mit Zertifikaten für sie ein lukratives Margengeschäft.
Dem privaten Käufer eines Zertifikats könnte es eigentlich egal sein, welche Transaktionen im Hintergrund laufen. Er kauft die Papiere über die Börse oder direkt von der Bank und kann sie genauso wieder abstoßen. Doch für die Bank sind die Transaktionen der wesentliche Kostenblock, sie entscheiden also auch über den Preis, zu dem das Zertifikat verkauft wird. Bei standardisierten Konstruktionen wie Indexzertifikaten ist die Rechnung einfach. Hier kann jeder den Indexverlauf mit dem Auf und Ab des Zertifikats vergleichen, einen Aufpreis kann die Bank kaum durchsetzen. Doch sobald Zertifikate komplizierter aufgebaut sind, stecken in ihnen etwa mehrere exotische Optionen, fällt dem Käufer der Durchblick schwer – das nutzt die Bank, um ihre Marge in die Höhe zu treiben.

Wenn ein Papier zu kompliziert ist, sollte der Anleger daher die Finger davon lassen. Chance und Kosten laufen dann aus dem Ruder. Ohnehin finden in einfach gestrickten, standardisierten Produkten mit Abstand die meisten Umsätze statt. Offensichtlich haben Anleger gelernt, dass die kompliziertesten Zertifikate nicht automatisch die rentabelsten sind.

ANTON RIEDL wiwo



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